eingeschüchtert wurden, und die Irrlehre in der Welt die Oberhand zu gewinnen schien – wie denn hier im land eine Maria Stuart unterlag und eine Elisabet triumphierte. Und sieh! plötzlich trat ein ungeheurer Umschwung ein: der Strom der verderblichen Lehre wurde nicht bloss eingedämmt, sondern zurückgedrängt und der wiedergewonnene Boden aufs neue und kräftiger als zuvor von der heiligen Kirche angebaut und bestellt. Diese Gnadenkräfte hat nur das Gebet vom Himmel herabgezogen, und wo konnte mehr gebetet werden, als in den Klöstern, deren Ordensgenossenschaften damals entweder neu sich bildeten oder neue Zweige trieben, indem sie in ursprünglicher Strenge hergestellt wurden. O Corona, wenn dereinst die schwere Erdenbinde von unseren Augen fallen wird, welche wundervolle Dinge werden wir schauen! .... und eine Schönheit erster Ordnung wird es sein, das fromme beharrliche Gebet um Rettung der Seelen wahrzunehmen – dies Gebet, das gleichsam ein Perlennetz und eine goldene Angel nach den armen Fischlein auswirft, welche in den bitteren Wassern der Glaubenstrübung schwimmen; dies Gebet, das die heilige Terese mit ihren Söhnen und Töchtern vom Karmel so gut verstand."
"Wenn ich Dich so sprechen höre, Regina, möchte' ich auch gern in's Kloster," sagte Corona; "aber ich habe nicht den Mut dazu."
"Bitte Gott darum," entgegnete Regina, "und er wird Dir Mut geben."
"Aber ich habe auch nicht einmal den Mut, den lieben Gott recht aufrichtig um einen solchen Heldensinn zu bitten," erwiderte Corona zaghaft.
"Nun, dann wird das Kloster wohl nicht Deine Bestimmung sein!" sagte Regina lachend.
"Hoffst Du es denn wirklich bei dem Papa durchzusetzen, dass er Dich gehen lässt?" fragte Corona.
"Wenn ich nicht zuvor sterbe – gewiss! Gott wird es schon so fügen! Er gibt den Dingen plötzlich eine Wendung, die kein Mensch ihnen geben – ja, nicht einmal ahnen konnte, und das Ziel, das wir tausend Meilen fern von uns wähnten – liegt nahe vor uns."
Und wenn es vor uns liegt und uns unerreichbar ist, trifft es sich zuweilen, dass wir inzwischen anders geworden sind und – statt vorwärts zu gehen, umkehren möchten! von so wandelbarer Gebrechlichkeit ist der Mensch.
Auf Stamberg
Es war ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne schien so golden vom blauen Himmel herab, als wolle sie durch ihren Glanz ihren Mangel an Wärme ersetzen. Die Laubholzwaldungen leuchteten in ihren bronzefarbenen Schattierungen, je nach Art der Bäume, vom hellen Citronengelb bis zum tiefen Blutrot. Einzelne Tannen sprangen schwarz und finster aus diesem goldenen Meer auf, das mit ungeheuren Wellen von Laub über die Abhänge des Odenwaldes bis zu den Wiesen an ihrem Fuss hinabstieg. Einzelne kahle Felsen erhoben sich hier und da über diese Waldungen, und auf anderen Punkten war der Kamm der Berge mit Nadelholz wie mit einer schwarzen Linie eingefasst, die eine scharfe Grenze zwischen dem Blau des himmels und der schillernden Bronzefarbe des Laubholzes zog. Auf den Wiesen blühte in Menge die Herbstzeitlose und auch hier, wie bei den Bäumen, zeigte der Mangel an frischem Grün, dass das Spätjahr und nicht der Frühling die herrschaft führe, denn statt mit üppigem Graswuchs war der ganze Boden mit diesen kleinen lilafarbenen Blumen, wie mit Urnen von Ametysten übersäet.
Auf einem Felsenvorsprung des berges, umrauscht von wogenden Wäldern, lag Schloss Stamberg mittelalterlich hoch und herrisch, wie ein Leuchtturm auf einer Klippe im Meere. Juliane hatte es vortrefflich in Stand gehalten, hatte es nicht mit sich alt werden lassen nach Art der meisten alten Leute. Was sie auf Erden vielleicht am herzlichsten liebte, war eben Stamberg, denn es gehörte ganz und ungeteilt ihr, sie konnte damit schalten und walten und fand nie einen Widerspruch. dafür war es denn auch gepflegt wie ein Schmuckkästchen, prächtig und doch nicht überladen eingerichtet, grossartig und doch bequem. Das Ganze hatte einen anziehenden Charakter von romantischer Einsamkeit; die bewaldeten Hügel und Kuppen des Odenwaldes, von Wiesentälern durchbrochen, stiegen herab bis an die Bergstrasse, und jenseits derselben breitete sich die weite Ebene, das Stromgebiet des Rheins aus, am westlichen Horizont begrenzt von dem bläulichen gewellten Streif der Vogesen.
Hyazint brachte einen teil der Vakanzen in Stamberg zu. Während der ersten Wochen war er bei Onkel Levin gewesen. Uriel hatte gewünscht, der verehrte Onkel möge dann mit Hyazint nach Stamberg kommen; aber Levin entgegnete:
"Die Nahrung der sinkenden Flamme meines Lebens ist das heilige Messopfer. Seitdem ich geistlich bin, war ich so glücklich, keinen Tag zu verleben, ohne es darzubringen. Es ist mir notwendiger geworden, als das tägliche Brot. Wenn Du auf Stamberg eine Kapelle haben wirst und wenn Gott es so fügt – dann komme ich und lese dort die heilige Messe. Aber bis dahin weiche ich nicht von hier."
"Du bist hier aber so einsam, lieber Onkel," sagte Uriel zärtlich, "dass ich mir fast eine Gewissenssache daraus mache, Dir den Hyazint zu entführen."
"O lieber Sohn," sagte Levin lebhaft, "wähne das nicht! ich bin unter einem Dach mit dem lieben Gott im hochheiligen Sakrament – wie könnte ich mich einsam fühlen! – Bedenke doch die lange Gewohnheit von fast fünfzig Jahren!" setzte er hinzu, um nach seiner Weise vor jedem menschlichen Auge die Glut und Innigkeit seiner Andacht zu verschleiern.
So waren denn die Brüder auf Stamberg und beide froh eines Beisammenseins, das sie seit Jahren