Nein, Signora, vor Ihren Wenn und Aber streich' ich die Segel und streck' ich die Waffen. Ich bekenne mich überwunden und bin Ihr Gefangener."
"Ich dachte, das wären Sie längst, Graf Orest," entgegnete Judit mit stillem Lächeln.
"O schöne Circe!" rief er entzückt.
"Mässigen Sie Ihr Entzücken," entgegnete sie kühl, "und vergessen Sie nicht, dass Schauspielerei mein Handwerk ist."
"Circe erst recht!" erwiderte Orest. – Es kamen Besuche und er ging hinweg, heimlich frohlockend über die Aussicht, Judit in Mailand zu sehen und nicht einen Augenblick bezweifelnd, dass es ihm gelingen werde, ihr Herz zu erobern. Etwas lange wird's dauern und etwas schwer wird's halten – das sehe ich schon, sprach er zu sich selbst; aber das schadet nichts, sie ist der Ausdauer wert. All' die leichten Eroberungen verlieren auch eben so leicht ihren Reiz und ihren Beistand, und lösen sich auf in nichts, man weiss kaum wie. Aber diese Judit mit all' ihrer abwehrenden Kälte versteht zu fesseln! – – Vier Wochen hatte er sie gesehen und bewundert; das nannte der gute Orest gefesselt sein! Für jetzt hatte er nicht mehr das Glück, sich ungestört mit ihr zu unterhalten; er traf immer Leute bei ihr, die ihn zuweilen so unmutig machten, dass er sie gern zum Fenster hinausgeworfen hätte; und bald darauf ging Judit nach Liverpool, um dort eines jener ungeheuern Musikfeste verherrlichen zu helfen, das die Engländer so sehr lieben und wobei Hunderte von Musikern und von Sängern während vier bis fünf Tagen täglich ungefähr zehn Stunden singen und musizieren. Vormittags werden Oratorien und Symphonien ausgeführt, Abends kleinere Musikstücke. Alle musikalischen Kräfte, die in Grossbritannien einheimisch sind, und alle grossen Künstler aus der Fremde, welche sich zur Season in London aufhalten, müssen in der Regel dabei mitwirken. Der Zuhörer – wenigstens der, welcher nicht die gewisse kühle Unempfindlichkeit eines englischen Ohres für Musik hat – wird dermassen betäubt von diesem Tonmeer ohne Zusammenhang und ohne Einheitspunkt, dass er zuletzt ein gewisses harmonisches Ohrenbrausen bekommt und nicht mehr im stand ist, eine Melodie klar aufzunehmen. Dem Engländer aber tut das nichts: er harrt doch vier bis fünf Tage auf dem Posten aus und labt sich an einem Kunstgenuss, der eine Abstumpfung der Gehörwerkzeuge bewirkt. –
Während Judit's Abwesenheit verliess auch Graf Damian London und ging mit seinen Damen nach Schottland; Orest's Urlaub war aber zu Ende und er musste sich, statt gegen Norden zu den Seen des Hochlandes – gegen Süden zu den lombardischen Seen begeben, welche letztere übrigens unvergleichlich schöner sind, da sich an ihren Ufern die grossen Kontraste des Hochgebirges und der südlichen Vegetation begegnen, tiefer Ernst und graziöse Anmut sich verbinden und eine Fülle wilder und weicher Formen von dem Schmelz eines überreichen Farbenspiels umflossen werden. Diese grossen Gegensätze in Formen und Farben fehlen dem schottischen Hochlande, überhaupt der Naturschönheit des Nordens; es hat nur e i n e Farbe: grün – und dadurch bekommt es einen ganz eigentümlichen Charakter von Schwermut, der aus dieser stillen, kühlen, einförmigen, wechsellosen Färbung hervorgeht. Es gibt kaum etwas Melancholischeres, als ein Sommerabend im schottischen Hochland, an einem dieser stillen Seen, mit grünbewaldeten hügeligen Ufern, wenn der Abendwind durch die Wälder rauscht und die unbelebte Fläche des See's ein wenig kräuselt und die eintönige Melodie eines Liedes herüberweht, das ein "Bagpiper" auf seinem Dudelsack bläst und das einst das Schlachtlied von Clan M'Donald oder von Clan M'Kenzie war. Graf Windeck behauptete, einen der grössten Liebesbeweise für seine Töchter habe er ihnen durch diese romantische Reise zu den Seen des schottischen Hochlandes gegeben; denn man laufe Gefahr, auf derselben einen Anfall von Spleen zu bekommen. Wenn kein Walter Scott gekommen wäre, würde sich nie ein Mensch um diese triste Naturschönheit bekümmert haben, die ihm den Eindruck eines grünen Leichentuches mache. Regina empfand in diesem nebelreichen und sonnenarmen land doppelt schmerzlich, dass auch die warme Liebessonne der katolischen Kirche hier hatte untergehen müssen. Als sie statt des Kruzifixes, das die Katoliken gewöhnt sind inmitten ihrer Gottesäcker zu sehen, um zwischen der Grabestrauer und den Todesschmerzen auf die selige Auferstehungshoffnung in und mit Christus hingewiesen zu werden – als sie auf dem Gottesacker zu Glasgow dafür die kolossale Statue, hoch tronend und weit sichtbar, des Apostels des reinen Evangeliums für Schottland erblickte, sagte sie zu Corona:
"Sieh, wie die Irrlehre sich unabsichtlich als solche stempelt! John Knox hat Christus verdrängt! Über unsere Gräber schwingt sich der gekreuzigte Gottessohn aus seinem grab mit der Siegesfahne der Auferstehung empor und im Glauben an Ihn finden wir das ewige Leben. Diese Armen aber müssen zuerst an John Knox und dann an das glauben, was er ihnen von Christus übrig gelassen hat, müssen mit einer verstümmelten Lehre und mit verkümmerten Gnaden sich zufrieden geben – und müssen sich endlich im grab zu seinen Füssen betten. O, auf dem Karmel! wie will ich da beten für die armen irrenden Brüder. Die heilige Terese stiftete ihre betenden und büssenden Klöster der unbeschuhten Karmeliten für Männer und Frauen, gerade zu der Zeit, als hier ein John Knox und in anderen Ländern Brüder seines Geistes gegen die heilige Kirche wüteten und die weltliche Macht auf ihre Seite rissen, so dass die guten Katoliken verfolgt, unterdrückt, martyrisiert und ausgerottet – die lauen aber angesteckt, wankelmütig und