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Immer war sie so umringt, dass der einzelne es nie zu einem Gespräch mit ihr brachte. Es herrschte immer das allgemeine Wortgeklingel, das man Konversation nennt. Umsomehr freute sich Orest, dass er sie endlich einmal allein mit ihrer Mutterund überdas in ungewöhnlich heiterer Stimmung fand.

"Wünschen Sie mir Glück, Graf Orest, ich freue mich!" rief sie ihm entgegen. Ich gehe endlich in die Heimat der Musik und darf die Nebelatmosphäre verlassen, die der stimme so nachteilig ist. Ich gehe nach Mailand, zur Skala."

"Da wünsche ich zuerst m i r Glück," entgegnete Orest fröhlich, "denn ich lebe in Mailand. Ist denn aber die Freude bei Ihnen etwas so Seltenes, dass Sie sich dazu beglückwünschen lassen?"

"Ich dächte nicht, dass die Freude für irgend einen Menschen, Kinder vielleicht ausgenommen, etwas Alltägliches sein könnte," erwiderte sie. "Ach! Freude! Ist das nicht ein Stückchen Frühling in der Seele? so etwas wie Morgenrot und Maientau und Rosenduft und Finkenschlag? so etwas, wovon sie ganz hell, frisch und leicht wird? – Das begegnet meiner Seele höchst selten, und wenn ich über die Freude nachdenke: so wird es mir mehr und mehr klar, dass mein Engagement an der Skala zu Mailand mir im grund so wenig Freude macht, wie irgend etwas anderes in der Welt."

"Aber wer grübelt denn auch über die Freude nach!" rief Orest. "Man muss sie geniessenbasta!"

"Aber um sie geniessen zu können," sagte Judit, "muss man sie doch erst empfinden."

"Nicht wahr, meine Tochter ist eine grosse Törin?" sagte Madame Miranes zu Orest. "Sie besitzt doch gewiss alles, was glücklich macht, und ist dennoch immer ganz schwermütig."

"Besitzen!" rief Judit lebhaft; "was hab' ich denn, wenn ich alles besitze? Ballast, der das Schiff flott erhält! Nein, mein Lieblingslied ist Ombra adorata."

"Ob dieser Schatten einer untergegangenen Sonne nachsinktoder ob er d e r Schatten ist, den der Sonnenaufgang zerstreut: das wüsst' ich gern," sagte Orest.

"Das glaube' ich!" antwortete Judit; "aber man muss nicht so neugierig sein, Graf Orest."

"Man muss auch nicht mit der Adoration der Schatten kokettieren, Signora Giuditta."

"Wenn es überhaupt etwas Wahres in meinem Leben gibt, so ist es dies!" rief Judit.

"Was?" fragte Orest.

"Gerade das, was Sie Koketterie zu nennen belieben: etwas Wesenloses, etwas Ungekanntes dem Sichtbaren und Handgreiflichen vorzuziehen."

"Da haben Sie sehr Unrecht, Signora!" sagte Orest; "als eine kleine Koketterie könnte man es sich eher gefallen lassen; aber dass das wirklich Ihr Ernst istdas ist unverzeihlich."

"Wie häufig mache ich meiner Tochter diesen Vorwurf!" rief Madame Miranes.

"Wozu wäre sie denn da, diese ganze reiche herrliche Welt der Sichtbarkeit, mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen, wenn man sich nicht ihrer freuen, nicht sie bewundern und lieben, nicht sich behaglich in ihr fühlen wollte!" rief Orest. "Das müssen Sie noch lernen; sonst haben Sie ganz vergeblich gelebt, denn wenn Sie immerfort von Schatten singen und sagen, führen Sie ein Schattendaseinund das ist grauenhaft. Das haben Sie sich gewiss in Amerika angewöhnt, in dem land der Rechenexempelnicht wahr? Die Art von Realität war zu trocken, um Sie nicht in den Gegensatz hinein zu treiben. Ja, ja, das begreift sich! – aber in Mailand wird das ganz anders werden, und wenn Sie auch etwas für Ihre schwärmerische Neigung tun wollen, so beziehen Sie im Frühling eine Villa am Komersee."

"Das klingt ja, als ob Sie sagten: Und wenn Sie etwas für ihre Gesundheit tun wollen, so brauchen Sie im Sommer eine Brunnenkur," sagte Judit belustigt. "Ich werde mir Ihr Rezept überlegen."

"Nur nicht zu lange und nicht zu viel," bat Orest.

"Was sind Sie für ein oberflächlicher Mensch, Graf Orest!" entgegnete Judit. "Für den Augenblick und von Schaum lebendas ist die Philosophie Ihrer Existenz."

"Und ist die nicht charmant?"

"Für einen Schmetterlingja! für einen Menschennein!"

"Nun möchte' ich doch aber auch nach der Philosophie Ihres Daseins zu fragen mir erlauben." "O ich habe keine."

"Wohlan, Signora, so werden Sie erst meine Schülerin und dann wollen wir sehen, ob Ihnen meine Schmetterlingsphilosophie, die Sie jetzt so sehr verachten, nicht ungemein zusagt."

"Es wäre möglich, dass ich sie mir aneignete; aber es wäre unmöglich, dass sie mir genügte."

"Versuchen Sie nur erst, sie sich anzueignen und das Weitere findet sich."

"Wenn es sich aber nun nicht findet? wenn das Dasein leer bleibt, hohl, öde? wenn all' die Versuche erst recht deutlich herausstellen, dass man mit ihnen nicht zum Glück gelangt? wenn man von der vergeblichen Anstrengung doppelt müde und traurig wirdwas dann, Graf Orest?"

"Nun, dann ist der Moment gekommen, um wieder zu singen: Ombra adorata!" rief Orest mit lustigem Zorn. "