sie dort in ihrer eigenen Persönlichkeit, anstatt in einer Rolle s a h ; und dies Sehen gehörte wesentlich zum hören! Wenn sie so da stand, immer weiss und einfach gekleidet; immer in ruhiger edler Haltung, immer mit ihrem melancholischen Ausdruck auf dem unvergleichlich schönen Antlitz, sah sie aus wie die tragische Muse selbst, während die Norma, Desdemona, Lucia etc. nur Schöpfungen dieser Muse waren. Sie konnte auch singen was sie wollte: ihre stimme, ihr Vortrag machten aus dem Singen der Skala bald eine Bravourarie und bald ein zauberhaftes Liebeslied. Eine alte Arie aus einer vergessenen Oper von Zingarelli, die Romeo und Julia heisst und die heutzutage kein Mensch kennt, war in Judit's Hand gekommen, gefiel ihr ungemein wegen der seelenvollen, melodischen Musik des einst berühmten und jetzt verschollenen alten Meisters, und wurde von ihr in jedem Konzert vorgetragen. Wenn sie Romeo's Nachruf an die geliebte Julia anhub: "Ombra adorata, aspetta" – so war es nicht anders, als ob eine in tausend und tausend Herzen versteckte, verschlossene, schlummernde sehnsucht nach dem Schatten der Liebe in Judit's Klage ihren Ausdruck gefunden habe; und Amerika, das Land der Praxis und der Realität, seufzte: "Ombra adorata!" Solche Macht hat nun einmal das Genie in dieser Richtung. Ihr Vater starb in Amerika. Sie hatte kaum Zeit ihn zu beweinen. Die Bühne ist auch ein Despot. Aber Judit's Trauer erhöhte den Zauber ihrer stimme und ihres Spiels.
Als nach zwei Jahren ihrer Kunstreise in Amerika der Kristallpalast die halbe Welt nach London zog, flog denn auch die Nachtigal von Cintra über den atlantischen Ocean nach Europa zurück und nach England, wo sie den Entusiasmus wiederfand, dessen sie in Amerika herzlich überdrüssig war. Aber sie musste ihn hinnehmen; das gehörte zur Handwerksseite ihrer Kunst, und obwohl er ihr nicht eigentlich Freude machte, begehrte sie ihn doch, wenn und wo sie auftrat: er verhalf ihr zu einer Art von Betäubung gegen die innere Leere, die sie immer peinlicher, immer quälender in sich empfand. Wohl waren unter den Millionen Worten, die sie umschwirrten, auch Worte von Liebe gewesen. Ob sie ihnen geglaubt hatte? ob sie gewähnt hatte, die Welt des Scheins, die sie umgab, könne eine Blüte des Herzens erzeugen und hervorlocken? ob sie, um der Langenweile zu entrinnen, einem Traum von Liebe sich hingab? Es ist nicht immer möglich, allen labyrintischen Fäden zu folgen, die sich in einem und demselben Herzen durchkreuzen. Aber gewiss war Eines: hatte Judit einen solchen Versuch gemacht, so war er nicht schwer in die Schale ihres Glücks gefallen. Hätte sie Zeit gehabt, über sich selbst nachzudenken: so würde sie sich noch tausend Mal elender gefühlt haben, als es jetzt der Fall war. Doch sie kam nicht dazu! sie trieb mit vollen Segeln auf dem hohen Meer der Welt und musste immer Menschen sehen, sprechen, hören, die sich einerseits zu der gefeierten Künstlerin drängten, und die andererseits ihr nötig waren und ihr künstlerische Verbindungen in allen Weltgegenden anknüpfen halfen. Dazu ihre Darstellungen, ihre Studien, ihre Reisen, um in den grossen Städten Englands Konzerte zu geben – dies ganze angreifende und aufregende Treiben liess keinen klaren und entschiedenen Gedanken über ihren inneren Zustand in ihr aufkommen. Sie verfiel nur zuweilen in einen gründlichen Gegensatz zu ihrem Leben, in ein gewisses träumerisches Hinbrüten, das aus dem Schlaf der höheren Seelenkräfte hervorging – wie damals, als sie in Hyde-Park lieber mit dem Affen spielte, als mit Orest sprach. Warum fuhr sie aber überhaupt nach Hyde-Park und auf dem grossen Wege, wo jedermann sie bemerken musste und wo von Erholung und Erfrischung keine Rede sein konnte? – Weil alle Welt da fuhr und weil sie zur Welt gehörte und gehören wollte! – In ähnlichen Widersprüchen bewegen sich tausend und aber tausend Leben in der Welt. Man fühlt die Schwere ihres Jochs und weiss nichts mit sich selbst anzufangen, wenn man es nicht trägt. –
Einige Damen aus der grossen Gesellschaft bewerkstelligten ein Konzert für eine Wohltätigkeits-Anstalt, welche sie patronisierten und brachten es dahin, dass sich Judit darin hören liess; nun waren sie einer guten Einnahme gewiss! man riss sich um die Eintrittskarten, und der ohnehin nicht grosse Saal von Hanovre house, wo solche Konzerte stattzufinden pflegen, war überfüllt. Hier hörten auch Regina und Corona das berühmte "Ombra adorata." Corona mit ihrem jungen, frischen, unabgestumpften Gefühl war so hingerissen, dass sie in Tränen zerschmolz und später zu Orest sagte, sie beneide ihn um das Glück, ein so herrliches Wesen persönlich zu kennen."
"Ja, sie ist ausserordentlich interessant," entgegnete Orest.
"Und welch ein Gemüt muss sie haben, um so himmlisch zu singen!" rief Corona.
"O Du Kind!" erwiderte er; "das ist bei ihr Sache der Kunst – und Du verstehst das nicht zu trennen, weil Du nie in's Teater kommst. Du würdest vermutlich jeden guten Schauspieler, der einen edlen Helden darstellt, ohne Weiteres für einen höchst edlen Menschen halten, während er vielleicht ein erbärmlicher Wicht ist."
"Das würde' ich schwer glauben," sagte sie.
"O beneidenswerte Unschuld!" rief Orest in seiner spasshaften Weise. "Über dies kindliche Vertrauen sind wir hinaus!" –
Er machte öfter seinen Besuch bei Judit.