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Judit wurde angesteckt von der Niedergeschlagenheit ihrer Eltern. Sie hing an ihnen mit zärtlicher Ehrfurcht, und der Wunsch, ihrem späteren Alter den Glanz der äusseren Verhältnisse zurückzugeben, wurde immer lebendiger in ihr. Sie wusste nur durchaus nicht, was sie dazu tun könne.

Ein Verwandter des Herrn Miranes berührte Lissabon auf seiner Reise von Cadix nach Mexiko. Er sah Judit und bewarb sich auf der Stelle um sie. Er besass ein kolossales Vermögen und die Eltern zweifelten keinen Augenblick an Judits bereitwilliger Zustimmung. Aber Judit sagte nein! sie habe keine Neigung, sich zu verheiraten und wünsche bei ihnen zu bleiben. Umsonst wurden ihr alle Vorzüge dieser brillanten Heirat vorgestellt, umsonst der Luxus ausgemalt, der in Mexiko sie erwarte, umsonst die Pflicht ihr eindringlich gemacht, auf ihre Eltern Rücksicht zu nehmen, die plötzlich aus der Armut befreit, an ihrem Reichtum teilnehmen und mit ihr nach Mexiko gehen würden: Judit blieb bei ihrer Weigerung. Der Vater kam allein und flehte sie an, aus Rücksichten für ihre Mutter diese Verbindung einzugehen; und die Mutter kam allein und beschwor sie um dieselbe Rücksicht für den Vater. Judit weinteaber sie sagte nein. Eine Flut von Vorwürfen des Undankes, der Kälte, des Eigensinnes, des Mangels an kindlicher Liebe bestürmte sie. Judit fiel ihren Eltern zu Füssen und bat um Verzeihungaber ihr nein nahm sie nicht zurück. Der Bewerber reiste höchst beleidigt ab und die Eltern waren geradezu in Verzweiflung, dass ihre Tochter nichts für sie tun wolle, nachdem sie alles für die Tochter getan hatten. Judit verfiel in tiefe Traurigkeit. Welche Zukunft stand ihr bevor? Die Eltern unglücklich und missvergnügt über sie; und sieum dieser drückenden Lage zu entrinnenvielleicht veranlasst, den nächsten Bewerber zu erhören, dessen Vortrefflichkeit in Reichtum bestehe. Sie hatte nie eine Neigung für einen Mann gehabt; darum begriff sie nicht, weshalb sie heiraten solleund sie war fest entschlossen, es nicht zu tun, bisja bissie wusste selbst nicht, ob dieses: bis sie einen Mann liebe, je eintreten werde; denn sie wollte lieben, um glücklich zu werden, aber Ernest hatte ja einmal gesagt, dass kein Mensch einen anderen je ganz glücklich machen könne, und ihre Schwester war durch die Liebe unglücklich geworden; das vergass sie nicht.

Madame Miranes fand einen Trost darin, Leidensgefährten zu haben. Eines Tages erzählte sie ihrer Tochter, dass die berühmte Sängerin Sontag, welche seit einer Reihe von Jahren von der Bühne abgetreten war und mit ihrem mann in der elegantesten Sphäre der Hauptstädte Europa's lebte, wieder dem Teater sich zuwende und eine Kunstreise nach England und Amerika beabsichtige, um das zusammengeschmolzene Vermögen ihrer Kinder zu vergrössern. Madame Miranes fügte hinzu:

"Hätte ich ein solches Talent, würde' ich es auch so machen."

Wie ein Blitz flog es durch Judit's Sinn: Vielleicht hab' ich es! – aber sie äusserte nichts, weil sie ihres Talentes nicht gewiss war und keine vergebliche Hoffnung in ihrer Mutter wecken wollte. In Lissabon war ein vortreffliches Konservatorium der Musik, wie man solche Anstalten nennt, in denen musikalische Talente sowohl für Opern- als Kirchen- und Kammermusik ausgebildet werden. Die grosse Sängerin aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts, die Catalani, welche zugleich Primadonna und Direktrice der italienischen Oper zu Lissabon gewesen war, hatte auch auf das Konservatorium einen grossen bildenden Einfluss gehabt, so dass es nach ihrer Tradition die musikalische Pflanzschule fortsetzte. Judit wendete sich an den Direktor der Anstalt, anfangs nur, um sich seinen Unterricht zu erbitten. Er war, als ein guter Kenner, dermassen entzückt von Judit's stimme und Schule, dass er ihr erklärte, sie brauche die Ausbildung im Konservatorium und seinen Unterricht eigentlich nicht mehr; wolle sie sich aber der Bühne widmen, auf der sie ohne Zweifel das glänzendste Phänomen der Zeit werden würde, so müsse sie sich für diesen Beruf unter seiner Leitung eine gewisse Übung und Gewandteit aneignen, die ihr nicht schwer fallen könne. Dies war gerade alles, was Judit wünschte! Da sie zu Ende des Sommers das Landhaus in Cintra mit dem Aufentalte in Lissabon vertauschte, so wurde es ihr ganz leicht, ihre Studien im Konservatorium zu machen, ohne dass ihre Eltern eine Ahnung von ihrer eigentlichen Absicht hatten; sie glaubten nur, dass Judit in der Kunst und in ihrem Talent Zerstreuung suche für ihr einförmiges häusliches Leben. Der Direktor nahm mit Freude und Stolz wahr, dass Judit's teatralisches Talent hinter ihrem musikalischen nicht zurückstehe, ja dass beide recht eigentlich zusammen gehörten, wie der Duft und die Rose, dass ihr Spiel durch ihre stimme getragen werde und zugleich ihre genialische Kunstfertigkeit plastisch mache. Er nannte sie die goldene Nachtigal von Cintra; ihren Namen und ihre Verhältnisse kannte er nicht. Gegen den Winter fragte er sie, ob sie geneigt sei, für diese Saison ein Engagement an der italienischen Oper zu Lissabon anzunehmen. Judit entgegnete mit ihrer gewohnten Ruhe, wenn es glänzend sei, wolle sie es tun; sie betrete diese Laufbahn, um ihren Eltern ein sorgenfreies Alter zu bereiten, und da sie ihres Erfolges gewiss sei, müsse ihr pekuniärer Gewinn demselben entsprechen. Das fand der Direktor ganz in der Ordnung. Er übernahm die Unterhandlungen mit dem Impressario der Oper, d.h. mit demjenigen, der nach italienischem Gebrauch Unternehmer der Oper ist und Sänger und Sängerinnen für eine Winterzett engagiert. Judit wurde die