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durch Zufall zusammengeführt mit den Windeckern im Tempel dieser zivilisation: im Kristallpalast! – O heiliger Karmel! eröffne mir deine Einsamkeit, deine Armut, deine Stille, seufzte Regina aus tiefster Brust. Öffne mir deine ascetischen Zellen! ich verlange nach ihnen, nicht als nach Zaubergrotten voll überirdischer Freudenfeste, sondern als nach den Katakomben, in denen die ersten Christen die Welt besiegten.

Die Nachtigall von Cintra

Auch Judit war an dem Abend in Hyde-Park und stärkte sich in der erfrischenden Abendluft gegen die qualmende, drückende Schwüle, die ihrer in der Oper harrte, wenn sie zum hundertsten Male als Desdemona das Publikum in einen Rausch des Entzückens versetzte. Sie fuhr in einer leichten, offenen, dunkelblauen Kalesche, die mit weissem Damast ausgeschlagen und mit zwei brausenden Apfelschimmeln bespannt war. Sie sass in ruhender Stellung ganz allein im Wagen. Neben ihr auf dem Sitz stand ein zierliches Körbchen, mit kirschrotem Atlas weich und warm gefüttert, und darin lag ein brasilianisches Äffchen, nicht länger als ihre Hand, das sie zuweilen mit grossem Interesse betrachtete. Sie trug ein ganz einfaches weisses Kleid und statt des Hutes die spanische Mantille, von schwarzem Tafft mit breiter schwarzer Spitze, die über den Hinterkopf geworfen und auf der Brust zusammengeschlagen wird. Über dem linken Ohr war, ächt andalusisch, eine prächtige dunkelrote Nelke angesteckt. Ein grosser spanischer Fächer, auf dem eine ganze Hirtenwelt aus Arkadien im zierlichsten Rokoko paradierte, diente ihr zugleich als Spielwerk und als Schirm gegen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Judit war unbeschreiblich schön. Ihr marmorfarbenes Antlitz ruhte in dem schwarzen Rahmen der Mantille, wie eine zarte antike Gemme in weissen und dunkeln Onyx geschnitten. Dass ihr Mund schon nicht mehr die vollkommene Reinheit der Linien hatte, welche ihren Zügen einen so edlen Charakter gab, dass er schon einen Anflug von dem komödiantenhaften Etwas hatte, das aus der Gewohnheit hervorgeht, Leidenschaften, heftigen Empfindungen, fremdartigen Seelenzuständen den entsprechenden mimischen Ausdruck zu geben, würde höchstens ein Ernest bemerkt haben.

Wie bei der italienischen Korsofahrt bewegten sich auch hier die Wagen langsam hintereinander her, hielten auch zuweilen ganz still. Man will nicht bloss Luft schöpfen, man will auch sehen, auch gesehen werden, auch sich unterhalten mit den Reitern, die den Inhaberinnen der Wagendenn selten sind es Inhaber, oder sie sind doch nicht allein! – ihre Huldigung bezeigen. Zur Konversation aber hatte Judit nicht die mindeste Lust. Jeden Gruss, den sie beachteteund sie beachtete nicht jedenerwiderte sie mit einer ganz leichten Neigung ihres schönen Kopfes, ohne eigentlich den Grüssenden anzusehen. So schnitt sie die Möglichkeit eines Gespräches ab. Man musste die grenzenlose Unverzagteit eines Orest besitzen, um sich durch ein so frostiges Benehmen nicht zurückschrecken zu lassen. Orest war an der Wagenreihe hinabgeritten, um sich die Damen und die Pferde in der Nähe zu betrachten. Als er sich Judits Wagen nahte, fiel es ihm ein, sie in italienischer Sprache zu begrüssen, und es schien ihr angenehm zu sein, denn sie erwiderte ihm zwei Worte. Das war ihm gerade genug, um zu sagen:

"Welchen Zauber hat denn dieser Fächer, Signora? Sie würdigen Ihres Blickes nur seine Bilderaber nicht das grossartige Bild der schönen Welt von Europa."

"Grossartig und schöne Weltsind zwei Worte, die nicht zusammen gehören," sagte Judit. "Das Grossartige liegt ausserhalb der schönen Welt."

"Nicht immer!" entgegnete Orest.

"Wenn Sie das ernstaft behaupten wollen, so bin ich wirklich neugierig auf ein einziges Beispiel."

"Die grossartige Schönheit befindet sich mitten in der schönen Welt."

"Selten!" sagte sie ablehnend.

"O Signora!" rief Orest, "Sie haben ein einziges Beispiel haben wollen und so rede ich auch nur von einer einzigen Schönheit."

"Dies passt vortrefflich auf meine Nanko," entgegnete Judit. "Schade, dass sie es nicht versteht."

"Wer ist Ihre Nanko, Signora?"

"Hier mein Äffchen," sagte Judit, nahm es aus dem Körbchen, steckte den Ring an ihren Finger, der an einem Ende des goldenen Kettchens hing, das um Nankos Hals geschlungen war, und setzte das kleine graziöse Tier auf ihre Hand.

"Bei Gott, ein allerliebstes Tierchen!" rief Orest mit so aufrichtiger Bewunderung, als habe er wirklich Nanko's Schönheit im Sinne gehabt.

"Sehen Sie, Graf!" sagte Judit, "Nanko schweigt und meine Fächerbilder schweigen; darin besteht der Zauber, nach dem Sie fragten."

Ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, entgegnete er:

"Sie haben am allerwenigsten das Recht, dem Schweigen eine Lobrede zu halten! Ihre Kunst und Ihr Genie sind nicht stumm."

Judit schwieg und bettete ihren Affen wieder in den roten Atlas. Orest fuhr fort:

"Wenn wir nun aber einmal der Norma und Desdemona gegenüber so stumm wären, wie Signora Giuditta es uns gegenüber istwas würden Sie d a n n sagen?"

"Dann würde ich sagen, dass man sich in London nicht auf die Kunst versteht," antwortete Juditund da man eben auf einem Punkt angelangt war, wo die Wagen wendeten, sagte sie zu dem Bedienten: "Nach haus!" nickte Orest einen kühlen Gruss zuund dahin flogen die Apfelschimmel.

Schau! eine perfekte Komödiantin .... aber im grossen Stil! sagte