den Reichen der Partei genährt wird, ob sie kommunistisch leben, ob er Mitarbeiter an einem Journal ist, ob er Unterricht in der deutschen Sprache gibt, ob das alles zusammen? ich kann's nicht behaupten! Auch England schien ihm nicht sehr zu behagen. Er machte wütende Ausfälle gegen die Wucht, womit die Klasse der Besitzenden, sowohl in der Aristokratie, als in der Industrie und der Bank, auf der Klasse der Nichtbesitzenden drücke."
"Er muss sich in eine Gessner'sche Schäferwelt begeben," sagte die Baronin, "wo die ganze Gesellschaft mit weissen Kleidern mit rosenfarbenen Schleifen zarte Lämmer an himmelblauen Bändern spazieren führt! denn die ganze wirkliche Welt ist ja zu schlecht für seine erhabene Persönlichkeit."
"Einstweilen wünschte er nach Gessner's Heimat zu gehen, nach der Schweiz. In Ermanglung jener Idylle findet er dort Gesinnungsgenossen. Auch ist er dort näher an Deutschland, und darauf hat er nun einmal zärtlichst sein Augenmerk geworfen."
"Nun, und wie kamt Ihr auseinander?" fragte der Graf.
"Hat er sich gar nicht nach Papa und Onkel Levin erkundigt?" fragte Corona.
"Doch! nach der ganzen Familie."
"Gott sei Dank! das ist doch wenigstens menschliches Gefühl!" seufzte die Baronin aus tiefer Brust.
"Als ich ihm sagte, Onkel Levin sei heiligmässig wie sonst, der Papa aristokratisch wie sonst, Hyazint ultramontan wie sonst, Uriel Gentleman wie sonst, die Damen fromm und andächtig wie sonst, und ich Bruder Lustig wie sonst: da gab er mir zur Antwort: Ja, ihr seid und bleibt Windecker! – Versteht sich! rief ich; ächte Windecker! Keine untergeschobenen Wechselbälge! – Nein, sagte er darauf, kein einziger ist von dem Stoff, dem die Zukunft gehört. Ich wollte ihn herbringen; aber durchaus nicht! Unsere Wege sind geschieden – wiederholte er."
"Wenn es s o mit ihm steht, hat er recht!" sagte der Graf. "Das ist der Dank, den Florentin Hauptmann für die Windecker hat!"
"Und wie trenntet Ihr Euch?" fragte die Baronin.
"Er schrieb mir seine Adresse in mein Notizenbuch," sagte Orest, "und ich gab ihm eine Hundertpfundnote."
"Was! bist Du rasend!" rief der Graf.
"Lieber Onkel, ich sagte ja, dass er gern nach Gessners Heimat wollte, entgegnete Orest gelassen."
"Was Gessner! was Heimat! er ist ein Revolutionär und geht nach der Schweiz, um von dort aus das Gift seiner Prinzipien bequemer zu uns herüberzuspritzen – und das erleichterst Du ihm! Er würde uns allen ganz getrost das Fell über die Ohren ziehen – und Du fütterst ihn dazu auf!"
"Ja, Onkelchen! so unterscheidet sich Orest Windeck von Florentin Hauptmann! er hat mir als Kind das Leben gerettet: dafür bleib' ich ihm dankbar, so lange ich lebe. Windecker Art knausert nicht um ein paar Gulden!"
"Paar Gulden!" brummte der Graf; "eine Hundertpfundnote sind zwölfhundert Gulden!"
"Corpo di Bacco! zwölfhundert Gulden!" rief Orest höchst verwundert. "Das ist stark! – hätte ich das gewusst! – Aber bei dem unendlichen Ideenreichtum meines Kopfes kann ich unmöglich das Verhältnis der fremden Geldsorten zu den unseren immer gegenwärtig haben. Nun, hin ist hin! – Morgen will ich aber den Florentin besuchen. Vielleicht treffe ich eine ganze rote Bande beisammen."
"Nimm Dich in acht!" rief Corona ängstlich; "sie könnten Dich auch erdolchen!"
"Ich bin für diese Ehre zu gering," erwiderte Orest lachend. "Aber wo wohnt er denn – der Florentin? im Westende schwerlich!"
Orest zog sein kleines Notizenbuch hervor und durchblätterte es vorwärts und rückwärts. Plötzlich rief er:
"Schau! der Florentin! statt seine Adresse einzuschreiben, hat er ganz leise ein Blatt herausgerissen. Mein Besuch war ihm also nicht angenehm. Servus! die Sache ist abgemacht. – Jetzt, Königin und Krone, verwandelt Euch in Amazonen! es wird einen herrlichen Ritt geben in der Abendkühle unter den Eichen von Hyde-Park." –
"Welch eine konfuse Welt!" sprach Regina heimlich zu sich selbst, als sie später mit Hunderten von Reitern und Reiterinnen auf dem smaragdgrünen Rasen und unter den kräftigen Eichen von Hyde-Park ihr Pferd tummelte, während in unabsehbarer Reihe die elegantesten Wagen hinter einander fuhren, lauter ächtes Equipagen-Vollblut, nirgends unterbrochen durch den gemeinen Eindringling Fiakre, dessen Räder noch nie Hyde-Parks aristokratischen Boden entweiht haben. Über diese hochfahrende Herrlichkeit glitt Regina's gedankenvolles Auge hinweg und sah im geist die rote Republik, die dahinter lauert, und den Abgrund, der daneben gähnt, und in den dieser ganze Weltprunk hineinprasselt, wenn ein Ruck die künstlich empor geschraubte Maschinerie der modernen zivilisation in ihrer schwindelnden Steigerung aufhält. Sie dachte an Florentin und an Judit. Was war aus dem Pflegesohn ihrer Eltern, aus dem brüderlichen gefährten ihrer Kindheit geworden – und was konnte noch aus ihm werden? Was war aus dem jungen Mädchen geworden, das mit ihr gleichberechtigt in der Gesellschaft aufgetreten war und jetzt, ausserhalb derselben auf der Bühne stand? Florentin lebte und webte in Hass und Groll gegen diese goldübertünchte zivilisation; Judit lebte und webte durch sie und von ihr. Er – ein Revolutionär; sie – eine Opernsängerin; beide