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, und halte sie beim Kragen! – und wen halte ichFlorentin!"

Alle waren überrascht und riefen durcheinander fragen aller Art. Der Graf sagte:

"Warum hast Du ihn nicht mitgebracht? hat er seine Revolutionsgrillen noch immer nicht satt? ich dächte, er könnte nun endlich zur Vernunft gekommen sein und in guter Ruhe mit uns heimkehren. Ich würde ihm alles verzeihen, Barrikaden, Freischaarenalles! denn im Jahr 1848 haben ganz andere Köpfe, als der seine, sich verdrehen lassen. Es waren revolutionäre Miasmen in der Welt, die das Gehirn in ein Delirium versetzten. Wie spricht er denn jetzt?"

"Gerade wie vor vier Jahren, als er zum letzten Mal in Windeck war."

"Wie? er hat sich gar nicht gebessert?"

"Im Gegenteil! grimmig ist er geworden und hat sich, wie man zu sagen pflegt, in seine idee verbissen. Ich nahm ihn ohne Umstände unter den Arm, führte ihn aus dem Kristallpalast hinaus und in Hyde-Park umher. Da musste er denn erzählen. Wär's nicht alles im Satansdienste der Revolution bis zur roten Republik gewesen, so könnte man ihn beneiden um sein bewegtes Leben. Er sagte, als Wien für die Revolution verloren gegangen und wieder kaiserlich geworden sei, da habe er geahnt, dass alles in Deutschland schief gehen werde. So lange man nicht Österreich, dies Bollwerk der Stabilität, diese Grundfeste der konservativen Ideen und des historischen Rechts" ... –

"Also das erkennt er alles an?" fragte der Graf.

"Freilich! und darum hasst er es und nennt es weiter: eine Bastille der Freiheit, die man entweder aus Deutschland herausbeissen, oder es so lange revolutionär bearbeiten und unterminieren müsse, bis es in sich selbst zusammen und in so viel Brocken auseinander falle, als es Völker verschiedener Zunge in seinen Ketten schmachten lasse. Kurz, die erhabenen Ideen der Demokratie sind. nach Florentin's Meinung, nicht durchzuführen im deutschen vaterland, so lange es mit Oesterreich behaftet ist, und da die Stunde der Vernichtung noch nicht für dasselbe geschlagen habe, so machte Florentin sich nach Italien auf. In Rom ging es ja herrlich her! Der Papst war landflüchtig, Mazzini's Republik oben auf. Er war bei den Opfern zugegen, die Mazzini nach altrömischer, d.h. heidnischer Weise, im Kapitol den alten Göttern darbrachte und somit die katolische Kirche absetzte, wie denn auch des Papstes weltliches Regiment abgesetzt war. Aber, o Jammer! auch im Kirchenstaat war man noch nicht reif für die rote Republik, und sogar verschiedene, wohl applizierte Dolchstösse, vulgo Meuchelmorde, wollten nicht die gehörige Überredungskunst üben. Rom war eingeschüchtertwas sich begreifen lässt! – gewonnen nicht. Die Banditenwirtschaft, wie wir auf gut deutsch sagen, ging zu Ende, die Banditenhäuptlinge Mazzini und Garibaldi suchten das Weite; der Papst kam wieder, die Kardinäle kamen wieder, die katolische Kirche brauchte nicht wieder zu kommen, denn es zeigte sich, dass sie, trotz der grässlichsten Misshandlung der Geistlichen, immer dagewesen warund mein Florentin ging nach Amerika."

"Möge er da bleiben!" rief die Baronin Isabelle aufgeregt. "Ich hoffe, lieber Schwager, Sie nehmen diesen verwilderten Menschen nicht zu Gnaden an."

"Hat er Dir das alles wirklich eingestanden?" fragte der Graf.

"Eingestanden?" rief Orest; "o keinegswegs! Geprahlt hat er mit den Grosstaten der heroischen Republikaner! geprahlt mit der Hingebung an die Befreiung der Völker in politischer und religiöser Beziehung! geprahlt mit dem Hass gegen Kirche und Priestertum!"

"Auch geprahlt mit dem Meuchelmord?" fragte Regina.

"Mit jener Kälte davon gesprochen, wie andere Deutsche seiner Farbe im Jahre 1848 von dem Morde Lichnowsky's, Auerswald's, Lamberg's, Zichy's etc. etc. sprachen. Solche kleine Zufälle haben ja nicht das mindeste bei dem erhabenen Gange der Revolution zu bedeuten! Was tut's, wenn ein paar armselige Reaktionäre, die, als solche, Verräter an der Sache des Volkes und der Freiheit sind, mit einem Stilett bei Seite geschafft werden! Was tut's, dass die halbe Welt untergeht, wenn nur die andere Hälfte als rote Republik floriert! so redet Florentin und die Florentinedas kennt man zur Genüge!"

"Was machte er denn in Amerika?" fragte der Graf.

"Da gefiel es ihm durchaus nicht," erwiderte Orest. "Ich fragte ihn, ob er sich dort nicht recht gut als Arzt habe durchbringen können? Er behauptet Nein! – Ein Arzt, der zu Fuss seine Patienten besuchebekäme keine Praxis. Wer Vermögen habe, oder wer sich auf Handels- und Spekulationsgeschäfte gut verstände, der könne in Amerika Seide spinnen. Auch der Urwäldler. Aber Geld und Arbeitskräfte müsse man tüchtig mitbringen. übrigens habe er gar nicht den Beruf, im freien Amerika zu leben."

"Das glaube' ich!" sagte der Graf; "auf Windeck lebt sich's anders! Nun, was ist denn sein Beruf?"

"Europa zur Freiheit zu verhelfen! Jetzt sitzt er hier und wartet auf seine Zeitschwört aber darauf, dass sie kommen müsse."

"Wovon lebt er denn?"

"Darüber rückte er nicht mit der Sprache heraus! Ob sie eine Bundeskasse haben, welche von