Ida Gräfin Hahn-Hahn
Maria Regina
Eine Erzählung aus der Gegenwart
Erster Band
Vater und Töchter
Ein milder Sommerabend ruhte auf den heitern, lieblichen Ufern des Mains. Grüne Hügel, Rebgelände, Haine von Fruchtbäumen, Städtchen und Dörfer drängen sich an seine krausen Windungen heran. Auf einer Höhe am nördlichen Ufer liegt Kloster Engelberg, der berühmte Wallfahrtsort, mit seinem Hintergrund von dunkelm Nadelholz. Die ärmsten Söhne des armen heiligen Franziskus, die Kapuziner, dienen hier Tag und Nacht Gott und den Seelen. Drüben auf dem südlichen Ufer erhebt sich auf der Platte eines Hügels, den die Kunst in einen terrassierten Garten verwandelt hat, das Schloss des Grafen Windeck im Stil der Renaissance unter uralten Linden und Kastanien. Auf den Zinnen hing das Banner in den Windekker Wappenfarben schlaff an der Stange herab und auf den Terrassen tanzten die Springbrunnen wie Elfen und ihr schlanker Wasserstrahl trug spielende glänzende Kugeln, ohne sie fallen zu lassen: so still war die Luft. Die Blüten der Orangenbäume dufteten betäubend, und Granaten und Oleander mit ihren prächtigen Blumen glühten doppelt in der Abendsonne. Breite Steintreppen, deren Absätze mit grossen Vasen voll Hortensien und anderen Prunkblumen geschmückt waren, führten von einer Terrasse auf die andere. Die oberste trug zu beiden Seiten Gruppen von schattigen Linden und in der Mitte ein weites, von Wasserpflanzen und kleinen Basaltblöcken umgebenes Bassin, aus dem ein starker Wasserstrahl aufstieg und mit drei Kugeln zugleich spielte. Auf einem der Felsblöcke sass ein kleines Mädchen und schaute mit stillen grossen Augen träumerisch die tanzenden Kugeln an. Über den Main schwamm ein Nachen und trug einen bejahrten Herrn mit schneeweissem Haar und ein junges Mädchen, die so eben die hohe steile Wallfahrtstreppe herabgestiegen waren, vom Kloster Engelberg nach Schloss Windeck hinüber. Friedlicher als der Abendhimmel und der stille Fluss und die ganze ruhende natur war der Ausdruck, der auf dem Antlitze des Greises und des jungen Mädchens lag, denn es war der Friede, der nichts gemein mit der Erde hat.
In dem reichmöblierten Saal, dessen drei hohe Fenstertüren der Terrasse zu weitgeöffnet standen, ging Graf Windeck auf und nieder, sofern ihm das nämlich möglich war. Denn der Saal, obzwar sehr geräumig, war mit Sopha's, Ottomanen, Lehn- und anderen Stühlen, Tischen in allen Grössen und Formen, Gestellen mit Blumen, mit Vasen, mit Lampen, mit Büchern, mit Porzellan, mit tausend und aber tausend modischen Überflüssigkeiten, die alle kreuz und quer standen, dermassen überfüllt, dass er mehr dem Magazin eines Tapeziers als einem Familienzimmer glich. So liebte es aber der Graf, denn so war es eben Gebrauch in der Welt, obschon seine Liebhaberei für das Auf- und Abgehen, was für müssige Menschen eine Art von Beschäftigung ist, sehr dadurch beeinträchtigt wurde. Er schob auch ziemlich unmutig bald einen Sessel, bald einen Tisch, einmal sogar das Polster zurück, auf dem Amour ruhte, Amour, das köstliche Bologneserhündchen, nicht viel grösser als ein Schneeball, ein höchst seltenes Exemplar dieser fast ausgestorbenen Race. Amour kläffte empört über diese rauhe Behandlung seinen Herrn an und ein schöner Aras, aus seiner abendlichen Ruhe aufgeschreckt, kreischte laut auf und schüttelte voll Entsetzen sein Gefieder. Dann wurde Alles wieder still.
Nach einiger Zeit sah der Graf auf die Uhr, trat unter die tür, die auf die Terrasse führte, und blickte verdriesslich nach Kloster Engelberg hinüber. Dann fiel sein Auge auf die Kleine, die zwischen einem hohen Strauss von blühenden Callas wie die Nymphe des Springbrunnens an dessen Rand sass – und er rief:
"Corona!"
Die Kleine sprang auf und eilte zu ihm. Er fragte:
"Wo bleibt Regina?"
"Sie wird wohl gleich kommen, lieber Vater."
"Woher weisst Du, dass sie gleich kommen wird, wenn sie jetzt noch nicht zurück ist?" fragte ganz unmutig der Graf.
"Weil Du gesagt hast, dass sie um sieben Uhr zu haus sein solle, lieber Vater," entgegnete sie unbefangen.
Da schlug es sieben und Regina trat durch eine Seitentüre in den Saal, küsste dem Grafen die Hand und nickte freundlich der kleinen Schwester zu.
"Du kannst wieder in den Garten gehen, Korona," sagte der Graf, setzte sich in einen Lehnstuhl, deutete seiner ältesten Tochter an, ihm gegenüber Platz zu nehmen und fuhr fort: "Ich hab' es reiflich erwogen, Regina, ich schicke Euch nicht zu den Damen vom Sacré Coeur zurück. Die gute Tante Isabella hat mir versprochen, uns nicht zu verlassen, und ich behalte Euch bei mir. Du bist jetzt siebzehn Jahre alt; da muss das Lernen aufhören. Denn entweder hast Du etwas gelernt – und dann bist Du hinreichend unterrichtet; oder Du hast nichts gelernt – und dann ist's überhaupt umsonst, dann wirst Du auch nichts lernen. Genug, Ihr sollt bei mir bleiben und mich unterhalten. Du sollst diesen Winter mit mir in die Welt gehen und für Korona will ich Gouvernante u. dgl. halten. Aber des Sacré Coeur bin ich überdrüssig. Seit dem tod Eurer guten Mutter, also fünf volle Jahre waret Ihr dort. Ein längerer Aufentalt würde Dir entschieden schädlich sein, Dich der Welt entfremden, Dich wohl gar auf den Gedanken bringen, ganz und gar da zu bleiben – und das geht nicht.."
"Das würde ich auch nie wünschen, lieber Vater," antwortete Regina, als der Graf schwieg, um zu hören, was