1859_Rupius_161_93.txt

es doch nicht wieder ab, hier zu bleiben?"

Es war ein seltsamer Abendtisch. Der Doctor schien in seiner rosigsten Laune zu sein, und erzählte eine Schnurre nach der andern, ohne sich darum zu kümmern, dass seine jungen Tischgenossen bisweilen kaum zu hören schienen, und nur das Kichern der beiden aufwartenden Negermädchen seine Spässe belohnte. Helmstedt ging wohl dann und wann auf seine Bemerkungen ein, oft aber auch sass er wie versunken in sein neues Glück, Paulinens Bewegungen beobachtend, wenn sie mit rosig aufgeblühten Wangen die Pflichten der Wirtin erfüllte; und schlug sie dann das Auge zu ihm auf, und die Blicke Beider blieben tief in einander hängen, als hätten sie ihre ganze übrige Welt vergessen, dann schien der Doctor plötzlich einen wahren Wolfshunger zu bekommen; er setzte die beiden Schwarzen in Bewegung, ihm Alles, was nur von Gerichten auf dem Tische war, einzeln herzureichen, schien aber dann doch keine Wahl treffen zu können und sandte die Aufwärterinnen mit einem derben Spasse zurück, um nur, als habe er sich eines Bessern besonnen, sich dieselben Teller aufs Neue reichen zu lassen. Sie hatten noch nie beim Supper so viel zu lachen gehabt, die schwarzen Mädchen, und konnten an demselben Abend in der Küche nicht genug von dem lustigen alten Doctor erzählen.

Es war spät in der Nacht, als Helmstedt die Stadt wieder erreichte, aber erst beim grauenden Morgen kam der Schlaf über ihn.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Cäsar, bereits zum dritten Mal an demselben Morgen, mit dem Kaffee in seines Herrn Schlafzimmer trat, wo er diesen endlich mit offnen Augen daliegend fand.

"Schon spät, Cäsar?"

"Neun Uhr vorüber, Sir; Sie schliefen so fest, dass ich Sie nicht wecken mochte."

Helmstedt schnellte in die Höhe.

"Ist es möglich? so lange wollte ich nicht schlafen!" rief er. "Wo ist der Knabe?"

"Er ist mit dem grossen Gentleman nach dem Hotel zum Frühstück gegangen, wie Sie es angeordnet hatten, Sir; sie sind aber noch nicht zurück. In der Stadt ist so viel Aufregung, dass sie wahrscheinlich noch hören was vorgeht."

"Aufregung! noch wegen des Mordes?" fragte Helmstedt verwundert.

"Ja, es ist aber noch etwas dazu gekommen, Sir. Es hat geheissen, der Mörder sei ein alter Negerdieb, und schon gestern Abend hatte sich ein Haufen unruhiges Volkt vor dem gefängnis versammelt, um es zu stürmen und ihn zu hängen. Da hat der Gefangene zu dem Schliesser gesagt, er wolle durch das Fenster zu den Leuten reden; was er getan habe, hätte jeder Andere an seiner Stelle auch getan; als aber der Schliesser wegen der Negerstehlerei zu ihm gesprochen und ihm erzählt hat, dass gerade deswegen Mr. Murphy als Deputy-Sheriff beauftragt gewesen sei, ihn zu verhaften, und dass er also einen Beamten in Ausübung seiner Pflichten getödtet habeda ist er still geworden. Und heute früh, als ihm der Schliesser das Frühstück bringen will, findet er ihn tot, an seinem eigenen Halstuch aufgehängt."

"Erhängt?" rief der junge Mann mit halb entsetztem blick.

"Yes, Sir! und vorhin hörte ich, dass der Koroner bereits mit der Todtenschau fertig geworden ist."

Helmstedt sah dem Schwarzen noch immer ins Gesicht.

"Das ist grässlich!" sagte er endlich wie zu sich selbst. "Lass mich jetzt allein, Cäsar," fuhr er dann fort, "ich will aufstehen."

"Hier ist auch noch ein Brief, Sir, den mir der Postmeister gestern Abend gab!" sagte der Schwarze, auf das Kaffeebret deutend, und wandte sich der Tür zu.

Helmstedt erhob sich langsam. über das still-selige Gefühl, mit welchem er erwacht war, hatte sich ein tiefer Schatten gelegt. Seifert war mit seinen Erlebnissen in Amerika so verwebt gewesenwas ihm dieser zu Leid getan, hatte sich so zum Besten für ihn selbst gewandt, dass er nicht ohne Erschütterung das grauenvolle Ende des Menschen hatte vernehmen können. Noch eine lange Weile, nachdem er sich angekleidet, sass er den Kopf in die Hand gestützt in seinem Schaukelstuhl, und alle seine früheren Begegnungen mit dem Unglücklichen gingen an seinem geist vorüber, bis er sich endlich mit Gewalt aus diesen Erinnerungen zu reissen versuchte und nach seinem Kaffee griff. Der neben der Tasse liegende Brief kam ihm gerade willkommen, um andere Gedanken zu fassen; es war die Antwort von Smit und Johnson, Advocaten in New-York, auf seine frühere Zuschrift an diese und gab ihm klarheit über Manches, was ihm bisher noch dunkel gewesen war. Der Brief lautete:

Geehrter Herr!

In Erwiderung auf Ihre Zeilen können wir Ihnen

nur anzeigen, dass allerdings eine Empfangsbe

scheinigung über den von Ihnen angedeuteten Be

sitztitel an den Deponenten Isaak Hirsch gegeben

wurde, welche auch Seitens des Advocaten der jet

zigen Erbin, eines Mr. Murphy aus Ihrem staat,

an uns zurückgeliefert und dafür unserseits das

fragliche Document verabfolgt worden ist. Sie äu

ssern, dass sich weder dieser Depositenschein, noch

eine Notiz darüber in dem Nachlasse vorgefunden

habe; indessen scheint uns in dieser Tatsache kein

besonderes Gewicht zu liegen, d a d a s D o c u

m e n t , nach verschiedenen abgegebenen Entschei

dungen des Obergerichts der Vereinigten Staaten

über die Giltigkeit ähnlicher Besitzurkunden,

d u r c h a u s k