1859_Rupius_161_91.txt

erinnere sich seiner und auch dessen, was sein Oheim Isaak immer von Helmstedts Rechtschaffenheit gesprochen; er habe schon längst Verdacht gegen Seifert gehegt, der ihn von einem Orte zum andern mitgenommen, immer unter dem Vorgeben, ihn dem alten Isaak, der ihn bei sich haben wolle, nachzuführenihn oft wochenlang an einem Ort unter Aufsicht anderer Leute gelassen, ihn aber immer gut behandelt habe und allen seinen Wünschen nachgekommen sei, so dass er sich endlich gar keinen rechten Grund für eine Unredlichkeit gegen ihn habe vorstellen können. Manuel hatte dann angelegentlich gefragt, wo und wie der alte Pedlar gestorben, und Helmstedt hatte von Allem, was er wusste, Bericht gegeben, wie auch dem Knaben versprochen, ihn die letzten Zeilen seines Oheims lesen zu lassen, sobald sie nach der Stadt kämen. Manuel hatte sichtlich bald volles Zutrauen zu ihm gewonnen und war mit ihm nach dem Wartezimmer des Wirtshauses gegangen; und als in den Gesprächen und Ausrufen der von dem Schauplatz des Mordes zurückgekehrten Menschen sich jedes Wort bestätigte, was Helmstedt über die letzten Erlebnisse erzählt, als endlich der Koroner anlangte und Seiferts Reisetasche in Beschlag nahm, da rückte er, als komme eine plötzliche Furcht über ihn, dichter an Helmstedt heran und hatte sich, als Charlei mit den Pferden angekommen war, bereitwillig hinter seinem Beschützer in den Sattel heben lassen.

Die Sonne war eben untergegangen, als Helmstedt von seiner wohnung aus, wo er seinen Mündel unter der Obhut Charlei's gelassen, den Weg nach Mortons haus einschlug. Er sehnte sich mit ganzem Herzen, dort zu sein. Als er am Morgen Little-Vallei verlassen, hatte ihm der alte Doctor nur gesagt: "Sie liegt in gesundem, festen Schlaf, gehen Sie in Gottes Namen, ich stehe für Alles. Sobald sie erwacht, vielleicht am Mittag, werde ich sie nach haus bringen lassen." – Eine Art von Furcht beschlich ihn jetzt, wenn er an sein Wiederbegegnen mit Pauline dachte. Waren die nächtlichen Scenen noch in ihrem Gedächtniss, oder waren die süssen Worte, die immerfort in seinen Ohren klangen, schon im Paroxismus des Fiebers gesprochen? Er scheute sich seinen Träumereien Raum zu geben, und ritt scharf vorwärts; aber das letzte Tageslicht war schon eine Weile erstorben, als er mit stiller Befriedigung die erleuchteten Fenster von Mortons Haus erblickte. Sie war also wenigstens zurückgekehrt. – Auf dem Vorplatze des Hauses sah er in dem Lichtscheine den zerbrochenen Vorderwagen einer Kutsche liegeneine Erinnerung an die unglückliche Fahrt. Das scheugewordene Tier hatte die Stücke jedenfalls nach haus geschleift. Helmstedt band sein Pferd an und schritt nach dem Parlor, den er langsam öffnete. Doctor Ford lag dort bequem im Schaukelstuhle ausgestreckt und las in einer Broschüre.

"Sind Sie endlich da?" rief er, sich aufsetzend, als er den Eintretenden kannte, "entweder hat unser Kind Unrecht, oder Sie haben eine lange Jagd gehabt, Sir!"

"Wie befindet sich Mrs. Morton?" fragte Helmstedt, dem arzt die Hand reichend.

"Danach mögen Sie selbst sehen, Sir!" lachte der Gefragte; "mit solchen Naturen hat unsereins nicht lange zu schaffen Sie sitzt in ihrem Zimmer und hat mir vordemonstrirt, dass sie nicht mehr krank sei und dass sie auf Sie warten müsse, da Sie jedenfalls hier sein würden, sobald Sie nur abkommen könnten. Das Warten ist etwas lang geworden, Sir, und jetzt mögen Sie sich verantworten."

Helmstedt drückte in einer seltsamen Gefühlsspannung die Augen in seine Hand und wandte sich nach dem Hinterzimmer. Es war dasselbe, in welchem er die letzte Unterredung mit Morton gehabt. Er klopfte an, und die Mulattin, noch immer mit verbundenem Kopf, öffnete ihm.

Matt auf einen Divan, der Tür gegenüber, zurückgelehnt, sass Pauline und richtete sich bei seinem Eintritt mit einem hellen Lächeln der Befriedigung auf.

"Hole noch ein Licht, Mary!" sagte sie, und die Mulattin verschwand mit einer Miene voll Verständniss.

Helmstedt ging auf die junge Frau zu, sah in ihre klaren Augen und fühlte seine Brust wie eingeschnürt.

"Ich freue mich, Mrs. Morton, Sie so schnell hergestellt zu sehen!" sagte er endlich.

Sie blickte lächelnd zu ihm auf.

"Wollen Sie sich einmal zu mir hersetzen, August?" begann sie dann deutsch, und streckte ihm die Hand entgegen; "wir müssen ein paar notwendige Worte mit einander reden."

Helmstedt fasste die kleine, weiche Hand, küsste siemit mehr Innigkeit, als es wohl die Convenienz erlaubt hätteund zog dann einen der niedern weichen Sessel ohne Rücklehne heran, auf welchem er sich dicht neben dem Divan niederliess. So war sein Gesicht, als sie sich wieder in ihre frühere Stellung zurücklehnte; in gleicher Höhe wir dem ihrigen.

"Wollen Sie mir wohl sagen, August, welcher Zufall Sie gestern nach Little Vallei geführt hat?" sagte sie, und ihr blick ruhte in stiller Spannung in dem seinigen.

Helmstedt sah sie einen Augenblick wortlos an.

"Zufall!" sagte er dann langsam und bemühte sich vergebens, das Beben in seiner stimme zu unterdrükken, "m u ss es den Zufall gewesen sein? Wollen Sie mir denn durchaus nicht das Verdienst gönnen, etwas aus Herzensantrieb für Sie getan zu haben?"

"Aber, August –"

"Nein, Pauline!" rief er aufspringend, "ich kann jetzt nicht in dieser förmlichen, bedachten Weise