1859_Rupius_161_89.txt

und am Finster sass Ellen, dass Kinn in die Hand gestützt, und sah träumerisch in die dämmernde Landschaft hinaus.

"Diese Gefahr wäre also vorläufig vorüber," sagte der Pflanzer, stehen bleibend; "aber ich weiss kaum, ob ich mich darüber freuen soll. Im grund genommen ist es kaum mehr als eine Galgenfrist, und ich hatte bis jetzt wenigstens Gegner, mit denen man, ohne sich etwas zu vergeben, unterhandeln konnte. Was soll ich aber mit diesem Deutschen tun, der jetzt das Heft gegen mich in die Hand bekommt? Soll ich ihn aufsuchen, wie ich es ihm in einer Stunde der Bedrängniss zugesagt, und seinem Hochmute die Krone aufsetzen? Er mag das erwarten, sonst hätte er mir wohl kaum so eilig die Meldung von der Auffindung seines Mündels geschickt."

"Ich glaube, Pa, du beurteilst Helmstedt ungerecht," unterbrach ihn Ellen, vom Fenster aufsehend, "und ich möchte dir das zu deiner eigenen Ruhe sagen. Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, warum er mir in so kurzer Zeit entfremdet werden konnte; ich habe mein ganzes Zusammenleben mit ihm durchgegangen, und es war nicht sein Charakter, nicht das, was er als Mensch wert war, was unsere Uebereinstimmung hinderte; es waren unsere verschiedenen Ansichten vom Leben überhaupt, oft bis zu den kleinsten Dingen herab, die, wohl Jedem anerzogen, sich immer einander entgegen traten. Helmstedt ist grossherzig; er hat es bewiesen, und denkt gewiss jetzt am wenigsten an die Befriedigung irgend eines unedlen Gefühls."

Der Pflanzer nickte unmutig. "Das mag die Ansicht junger Ladies sein, Mistress Tochter; bejahrte Männer aber urteilen anders!" sagte er und nahm seinen gang wieder auf. "Ich hasse diese Grossherzigkeit, diese Uneigennützigkeit, welche sich dann zu haus hinsetzt und in der Genugtuung schwelgt, die sie Leuten von mehr Gewicht gegenüber errungenes hat mein innerstes Gefühl beleidigt, als dieser junge Mann, der mein Brod gegessen und dessen armselige Finanz-Verhältnisse ich kenne, wenn er sie bisher auch noch vor der Welt zu bemänteln gewusst, sich vor mich als Retter hinstellte und zugleich, um seine Uneigennützigkeit zu beweisen, jeden Anspruch auf eine nähere Beziehung zu mir von sich wies. Hätte er damals noch zu mir gesagt: Rücksicht gegen Rücksicht, Sir, ich nehme Ihre Sorgen von Ihnen und trete dafür als anerkanntes Glied in Ihre Familie einso weiss ich nicht, zu was ich mich hätte verleiten lassen, denn es wäre Verstand und Gegenseitigkeit in dem Vorschlage gewesen; aber er ging weg, kaum dass er es der Mühe wert fand, meine Hand zu ergreifen, mit der einzigen Genugtuung den Grossmütigen gespielt und mich ihm gegenüber in eine unsichere Stellung gebracht zu haben."

"Aber, Pa, hast du nicht selbst versucht, ihn mit allen Mitteln zu einer Scheidung zu treiben?" sagte Ellen erregt, "und nun willst du es ihm zum Vorwurf machen, dass er dir nachgegeben hat und Alles, was gegen ihn getan worden ist, mit guten Absichten vergilt?"

"Ich glaube, du hast alle Bescheidenheit gegen deinen Vater verlernt!" liess die Mutter vom Schaukelstuhle vernehmen.

"Lass sie, sie ist von meinem Schlage," sagte Elliot mit einem Anfluge von Laune; "wenigstens kann ich mich dabei doch einmal aussprechen und brauche nicht Alles still mit mir herumzutragen. Und was glaubt denn nun meine kluge Tochter, dass ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen tun sollte?"

"Nichts, Pa, aber dir auch den Kopf nicht schwer machen um Dinge, die wahrscheinlich gar nicht existiren!" erwiderte die junge Frau. "Ich glaube bestimmt, Helmstedt wird selbst kommen, sobald er nur weiss, wie die Angelegenheiten stehen, und dir die nötigen Mitteilungen machen, und ich bin überzeugt, dass du ihn nur als Gentleman, der er wirklich ist, zu behandeln brauchst, um jeder Rücksicht sicher zu sein."

"Und wo möglich bis dahin auch die Scheidungsangelegenheit aufzuschieben," versetzte Elliot, stehen bleibend, "und zuzusehen, ob der junge Herr sich nicht vielleicht eines Bessern besonnen hat, und sich zu einer Aussöhnung bewegen lässt; nicht so?"

"Vater!" rief Ellen vorwurfsvoll, und die Tränen traten in ihre Augen, "womit habe ich das verdient? Ich verteidige nichts als seinen Charakter. Hätte ich nicht erkannt, wie wenig wir für einander passen, so wäre ich dir sicher nicht nach Oaklea gefolgt, und seit du in meinem Namen eine Rückkehr in sein Haus verweigert hast, weisst du, dass ich nur auf eine Scheidung in deinem Sinne gerechnet habe. Aber wenn Helmstedt nichts weiter verdient, so verdient er achtung, Vater, und die werde ich ihm bewahren, so lange ich lebe!"

"Mr. Griswald ist im Parlor!" rief in diesem Augenblick eine Schwarze, den Kopf zur Tür hereinsteckend.

Elliot sah auf, als komme ihm die Unterbrechung eben erwünscht. "Führe ihn hierher, Flora, und bringe Licht!" sagte er und setzte dann schweigend seinen Schritt fort.

Nach wenigen Minuten öffnete sich die Tür wieder. "Teufelsgeschichte, das!" rief der advokat eintretend, " – oh, bitte um Entschuldigung, Ladies; ich hatte keine Ahnung von Ihrer Gegenwart. FamilienBeratung? Ich hoffe, ich störe nicht?"

"Nicht im Geringsten, Sir, setzen Sie sich!" erwiderte Elliot,