1859_Rupius_161_81.txt

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"Sie sind sicher, Pauline, beruhigen Sie sich!" sagte Helmstedt mild.

Sie wandte die Augen wie noch geistesabwesend nach ihm; plötzlich aber schlang sie mit einem unartikulirten Ausrufe beide arme um seinen Hals. "August, August, bleibe bei mir, verlass mich nicht wieder, ich habe hart gebüsst!" Das letzte Wort erstarb und ihre arme lösten sich in neuer Bewusstlosigkeitin Helmstedts inneren aber sprang es auf wie ein Born junger Seligkeit; eine Minute noch hielt er sie an seiner Brust, dann aber legte er behutsam ihren Kopf in seinen Arm, dass er ihr Gesicht sehen konnte, und hielt sie an sich gedrückt, wie eine Mutter ihr schlafendes Kind.

Charlei hatte einige dünne Scheite in das Feuer geworfen, dass es ein helles Licht durch den Raum warf, und kam jetzt mit einem Arm voll Baumwollentissen die Stiege herunter.

"Da oben scheinen die Betten der Mädchen zu sein," sagte er und begann seine Last in der leeren Bettstelle des Aufsehers auszubreiten; "lassen Sie uns die Lady hierher legen, bis frisches wasser kommt, zum tod scheint's ja noch nicht gehen zu wollenaber auf den Kissen des Halunken dort sollte sie nicht liegenhalloh! Du bleibst wo du bist, Gevatter, bis andere Leute kommen" rief er, nach dem Aufseher blickend, als dieser eine vergebliche Anstrengung machte, sich zu erheben, und fuhr dann ruhig in seiner Beschäftigung fort. Es bot ein sonderbares Bild, die grosse, massive Gestalt die Kissen zurechtlegen und sorgsam jede Falte ausstreichen zu sehen; als ihm aber endlich Alles recht zu sein schien, wandte er sich nach dem jungen Mann:

"Soll ich helfen?"

Helmstedt schüttelte den Kopf und trug die Ohnmächtige nach dem Lager. Ein aufsteigendes Rot in ihrem Gesicht schien die Rückkehr des Bewusstseins zu verkünden, ihre Lippen begannen sich leise zu bewegen, als spreche sie im Traume, aber ihre Augen blieben geschlossen. Helmstedts blick haftete gespannt auf ihren Zügen, jede Veränderung darin beobachtend, bald aber wurde seine Aufmerksamkeit unterbrochen. Die Köchin und Mary mit verbundenem kopf voran, drang ein ganzer Haufen Neger, Alt und Jung ins Zimmer. Nur die beiden ersten richteten ihre Aufmerksamkeit sofort auf die bewusstlose junge Fraudie Blicke der Uebrigen wandten sich zuerst teils scheu, teils schadenfroh dem am Boden liegenden Aufseher zu. Helmstedt sah sich unmutig um.

"Es ist Niemand hier notwendig, als Mary und die Köchin," sagte er, "ihr Uebrigen geht, wohin ihr Abends gehört!"

Ein Haufen halb dummer, halb verwunderter Gesichter wandte sich nach der Allen unbekannten Persönlichkeit, aber Niemand bewegte sich und Helmstedt fühlte, dass hier eine andere Autorität als die seinige notwendig werde.

"Hier ist der neue Aufseher!" sagte er, – "Charlei machen Sie das Zimmer frei!"

"Platz gemacht, hier!" sagte der Gerufene, vom fuss des Bettes vortretend, "oder ich nehme den ersten von euch bei den Beinen und prügele damit die Andern hinaus!" und ein panischer Schrecken schien beim Anblicke der riesigen Gestalt, wie beim Klange der gewaltigen stimme unter das schwarze Volk zu fahren. Ein kurzes Drängen nach dem Ausgange erfolgte, und in kaum zwei Minuten war das Zimmer leer. Charlei, der mit derben Worten zur Eile treibend dem Haufen bis nach der Tür gefolgt war, drehte sich jetzt um, liess die Augen durch den Raum gleiten und stand eine Weile wie sich besinnend. "Da fehlt mir doch etwas," sagte er endlich, "da ist doch etwas nicht richtig?! Donnerwetter, d a s ist es," brach er dann los, "der Halunke ist mit fort!" und mit einer plötzlichen Wendung war er hinter der Tür verschwunden.

Helmstedt hatte den Ausruf gehört und wandte den blick nach der Stelle, wo der Aufseher gelegen, die jetzt nur durch den zerschnittenen Strick bezeichnet war; aber seine Gedanken waren schnell durch Paulinens unruhige Bewegungen, die noch immer mit geschlossenen Augen da lag, in Anspruch genommen. "Das ist mehr, als eine gewöhnliche Ohnmacht," sagte er nach kurzer Beobachtung. "Sie, Mary, öffnen alle Bänder und Haken an dem Anzuge Ihrer Mistress, damit sie von nichts beengt wirdund du, Cäsar, reitest scharf los und siehst, wo Doctor Ford zu finden ist." Mit einem Blicke, aus tiefer Innigkeit und Besorgniss gemischt, wandte er sich von der Kranken, diese ihren beiden Dienerinnen überlassend, und folgte dem Schwarzen ins Freie, wo die Sterne bereits in wunderbarer klarheit aufgezogen waren und ihr mattes Licht über die Landschaft warfen.

"Er ist fort, Sir, er ist fort!" empfing ihn hier Charlei's unmutige stimme, "der Teufel mag wissen, wie er los gekommen ist, ich hatte ihn so fest geknüpft."

"Ich habe Jane's Gesicht unter den Niggern gesehen," sagte Cäsar, der eben sein Pferd losband, "sie hat ihn sicher losgeschnitten, Sir, kein Anderer hätte es getan."

"Mag er jetzt laufen, wenn es nicht zu ändern ist, er entläuft dem Galgen doch nicht!" erwiderte Helmstedt und begann langsam vor dem haus auf- und abzugehen.

Cäsar jagte davon und Charlei stand eine Weile, mit dem Blicke Helmstedts Schritten folgend, bis dieser wieder in seine Nähe kam. "War das Ihr Ernst, Sir, wegen