dich in Ruhe, kleines Lamm, ich kann das Schreien nicht hören; der Bartlett will seine Genugtuung haben, darum mache nicht, dass er mit seinen grossen Händen dir die kleine Kehle stopfen muss." Mit einem Blicke voll tierischer Begierde ging er auf sie los; Pauline aber, welche bis jetzt starr ihre Augen auf ihn gerichtet hatte, war mit einem Sprunge in die Höhe, und der Aufseher prallte vor seinem eigenen Bowie-Messer, das ihm in ihrer Hand entgegenblitzte, zurück.
"Keinen Schritt gegen mich, oder ich tue, was ich nicht ändern kann!" rief sie. "Oeffnen Sie die Tür und ich will vergessen, was ich erlitten, wenn Sie auf der Stelle die Farm verlassen!"
Bartlett hatte sich nach dem Hintergrunde des Zimmers zurückgezogen, wo ein Haufen Feuerholz aufgeschichtet lag, und blickte von hier aus die hoch aufgerichtete junge Frau mit dem Auge eines ergrimmten Bulldoggen an. "Will die Hummel stechen?" sagte er verbissen und zog einen starken Knittel aus dem Holzstosse neben sich; "schade, wenn ich ihr die seinen hände zerschlagen müsste."
Pauline sah ihn vorsichtig gegen sie herankommen, und der Mut wollte sie verlassen. In einer Eingebung ihrer Verzweiflung stürzte sie ihm den schweren Tisch entgegen und eilte die Stiege nach dem obern Raum hinan.
Sie hörte hinter sich den Tisch zu Boden schlagen und einen ergrimmten Fluch Bartletts, welcher dem Geräusch nach mit niedergerissen sein musste. Sie warf einen hilfesuchenden blick durch das Gemach, welches sein Licht nur durch die Ritzen zwischen den Baumstämmen der Wände erhielt; aber hier zeigte sich nichts, das ihr nur einige Hoffnung auf Entrinnen hätte geben können. Zwei schmutzige Betten und ein im Bau begriffenes Kamin mit einem Haufen noch unbenutzter Ziegelsteine daneben war Alles, was ihre Augen entdecken konnten. Sie wandte sich wieder der Tür zu, jeden Augenblick erwartend, das bestialische Gesicht des Aufsehers erscheinen zu sehen – aber kein laut von dort liess sich hören. Vorsichtig und das Messer für alle Fälle bereit haltend, schlich sie endlich heran, wo die äusserlich abgerissene Türbekleidung ihr durch die Ritzen der Zwischenwand einen blick in den untern Raum gestattete, ohne selbst gesehen zu werden.
Einen Schritt von der Stiege entfernt stand Bartlett, den Kopf vorwärts gestreckt, wie der Tiger auf der Lauer, aber sichtlich unentschlossen. "Er ist feig!" klang es durch Paulinens Innere und die frühere Scene zwischen dem Aufseher und ihrer Köchin, welche ihr Doctor Ford mitgeteilt, trat plötzlich vor ihre Erinnerung. Ein neuer Mut begann in ihr aufzuleben, und mit dem Entschlusse, ihre jetzige Stellung mit aller Energie zu verteidigen, bis irgend eine Hilfe von Aussen erscheine, kehrte ihre fast erloschene Hoffnung zurück.
In diesem Augenblicke sah sie, wie Bartlett, stets seinen Knittel vor sich haltend, die Stiege herauf zu kriechen begann. Ein Gedanke durchzuckte sie. Im Fluge hatte sie zwei der grossen Ziegelsteine neben dem unvollendeten Kamine ergriffen und trat, einen derselben hoch in beiden Händen haltend, in die Tür. "Zurück, oder ich zerschmettere Ihnen den Schädel!"
Der Aufseher warf einen blick empor und sprang vor der drohenden Bewegung nach dem Zimmer hinab. "Ich fasse dich doch, und sollte ich dich ausräuchern – wir haben noch Zeit!" sagte er mit der vollen Wut der Enttäuschung. Er setzte sich wieder auf sein Bett, den gierigen blick nicht von dem Eingange zu dem obern raum lassend, und schien zu überlegen.
In dem haus war es von Minute zu Minute dunkler geworden; Pauline konnte in ihrem fensterlosen Zufluchtsorte schon geraume Zeit keinen Gegenstand mehr unterscheiden, und in dem untern Zimmer begann der Schein des Feuers die Hauptbeleuchtung zu bilden. Bartlett sass noch immer auf seinem Bett, den blick auf die Stiege geheftet, und schien fruchtlos mit sich Rat zu pflegen. Durch die Glieder der jungen Frau, die keinen blick von der unverwandten Beobachtung ihres Feindes abzuziehen gewagt hatte, begann es langsam wie eine unbesiegliche Abspannung herauf zu kriechen, während ein dumpfes Gefühl in ihrem kopf sich immer mehr bemerkbar machte. Schon zum zweiten Male kam es über sie wie die Anwandlung einer Ohnmacht und diese war nur einer entsetzlichen Furcht, die zugleich in ihr auftauchte, gewichen – sie fühlte, dass sie diesen Zustand keine halbe Stunde länger ertragen könne und dann wehrlos ihrem Feinde zum Opfer fallen müsse; da begann sich Bartlett zu bewegen und sonderbare Massregeln zu treffen. Pauline suchte nochmals alle ihre Kräfte wach zu rufen und lauschte mit atemloser Aufmerksamkeit. Er nahm zwei mit Baumwolle gestopfte Kissen von seinem Lager und band sie sich mit einem Strick um Leib und Brust; dann ergriff er die Strohmatratze, hielt sie wie ein Dach über seinen Kopf und schritt auf die Stiege los. Pauline stiess einen Schrei aus, sie wusste, dass diesen Vorbereitungen gegenüber alle ihre Waffen nutzlos waren; kaum ihrer selbst noch mächtig, warf sie, als der Angreifer die Stiege betrat, den ersten Stein nieder, der indessen harmlos von der Matratze abprallte und in den untern Raum flog; der zweite folgte, aber nur ein kurzgestossenes lachen Bartletts war die Folge des Wurfs; die junge Frau brach in die Knie zusammen, nur noch instinktmässig das Messer vor sich haltend – Bartlett aber, bei jedem Tritte innehaltend und scharf vor sich spähend, schritt langsam Stufe für Stufe hinan. – –
Eine Viertelstunde vorher ritten drei Männer im scharfen Trabe durch eine wilde Schlucht des Gebirges, in welcher bei der hereinbrechenden Dunkelheit kaum noch