1859_Rupius_161_76.txt

ängstlicher Miene über ihn gebeugt hatte.

"Was gibt es?" rief Helmstedt und sass rasch aufwärts.

"Sie müssen entschuldigen, Master," erwiderte Cäsar, augenscheinlich halb ausser Atem, "aber ich dachte, ich müsste Sie weckenmir scheint etwas nicht richtigich bin gelaufen – –"

IX.

Kurz vor Mittag desselben Tages rollte eine leichte, halbverdeckte Kutsche den Bergen zu. Drinnen sass eine junge, blasse Frau in Trauerkleidern und an ihrer Seite eine Mulattin, welche Zügel und Peitsche regierte. Der Weg war wenig befahren und so von Baumwurzeln durchzogen und mit grossen Steinen übersäet, dass es der vollen Aufmerksamkeit der Fahrenden bedurfte, um wenigstens den bedeutenderen Hindernissen auszuweichen. Die junge Frau schien indessen wenig der einzelnen, unvermeidlichen Stösse zu achten, und liess, als die erste Anhöhe erreicht war, mit aufglänzendem Auge den blick über die Gegend vor ihr schweifen. Nach allen Richtungen hin breiteten sich sanft abgedachte Hügel, mit jungem Pfirsichgebüsch und dunkeln Gruppen riesiger Wallnussbäume bedeckt, aus; einzelne Schluchten, die sich ausnahmen, wie ein romantisches Stück Landschaft auf einem Miniaturbilde, unterbrachen die Hügelreihe und liessen hier und da einen schäumenden Gebirgsbach hindurch. Hinter diesen Anhöhen indessen erhoben dichtbewaldete Berge von allen Formationen und Schattirungen ihre Häupterwieder in weiterer Ferne überragt von dem dunkelblauen zug des eigentlichen Gebirges, dessen höchste Spitzen noch weiter hinaus mit dem helleren Blau des himmels zu verschmelzen schienen. Links hinüber, zwischen den verschiedenen Höhenzügen brachen sich die Sonnenstrahlen glitzernd in einem Gebirgssee.

Ein leises Rot begann nach und nach die seinen Züge der jungen Frau zu beleben und als bei Erreichung einer der folgenden Anhöhen sich plötzlich ein weites Waldtal vor ihnen öffnete, dessen frischgrüne Rasendecke nur mit einzelnen Gruppen dichtbelaubter Bäume besetzt war, durch welche sich der Weg in mannichfachen Windungen schlängelte, so dass man eher hätte glauben mögen, in einen geschmackvoll angelegten Park, als in ein wildes Tal der Alleghany's hinabzusteigen, da hob ein tiefer, langer Atemzug ihre Brust. "Ich wusste nicht, Mary, dass es so viel Schönheiten hier gibt!" sagte sie.

"Ja, es ist schön in den Bergen!" erwiderte die Mulattin, aber ihrem Blicke nach, der forschend in die Ferne gerichtet war, schienen ihre Gedanken kaum bei der Antwort zu sein. Sie trieb das Pferd, das jetzt ebenen Weg unter den Hufen fand, zu rascherem Laufe, und bald war die jenseitige Höhe erreicht, wo die wieder beginnenden Schwierigkeiten des weges neue Vorsicht geboten.

"Ich glaube, Ma'am, wir haben in Kurzem ein Gewitter über uns," sagte die Mulattin, den Himmel vor sich betrachtend, dessen früheres reines Blau durch einen dicken gelblichen Dunst verdeckt schien, "ich wünsche nur, dass wir Little Vallei bei zeiten erreichen!"

"Wie weit haben wir noch?" fragte die junge Frau, mit ihren Augen dem blick der Farbigen folgend.

"Nur noch zwei Meilen, Ma'am, aber der Weg ist so, dass wir nirgends rasch fahren können, ohne den Wagen zu zerbrechen."

"Glaubst du, dass irgend eine Gefahr droht, wenn uns das Wetter überrascht?"

"Ich weiss von keiner besonderen Gefahr, Ma'am, der Blitz kann auch ins festeste Haus schlagen, aber die Gewitter in den Bergen sind schrecklich!"

"Dann lass es kommenhöchstens werden wir nass!"

Die Mulattin schien indess wenig auf den erhaltenen Trost zu geben, sie nahm jede einigermassen ebene Stelle des weges wahr, um das Pferd anzutreiben und teilte, sichtlich besorgt, ihre Aufmerksamkeit zwischen der Beobachtung des Wetter? und dem Fuhrwerk.

Der Himmel schien sich mit jeder Minute dichter zu umziehen, der Sonnenschein war längst verschwunden und ein eigentümlicher Druck der Luft machte sich bemerkbar. Die Berge, kaum noch so freundlich in der klaren Mittagsbeleuchtung, schienen jetzt wie finstere, drohende Riesen herabzublicken und die Wipfel der Bäume begannen bereits in langsamen Schwingungen sich vor dem heraufziehenden Wetter zu beugen.

Der Wagen hatte eben die Spitze einer neuen Anhöhe erreicht. "Dort ist Little Vallei, Ma'am!" sagte die Mulattin mit einem Seufzer der Erleichterung und zeigte nach der Tiefe, wo ein langgestrecktes Tal mit Baumwollenfeldern und einer Gruppe von Hütten sich vor dem blick auftat, "in einer Viertelstunde können wir dort sein!" Das Pferd trabte auf dem abwärts gewundenen Wege scharf vorwärts, so dass die junge Frau mit beiden Händen das Wagengestell fasste und sich in der Schwebe zu halten versuchte, um den unvermeidlichen Stössen zu entgehen.

"Gibt es dort kein anderes Obdach als die Negerhütten?" fragte sie nach einer Weile, als eine ebenere Stelle des weges ein Gespräch möglich machte.

"Gleich vorn an der Umzäunung ist die wohnung des Aufsehers, dort das einzeln stehende grosse Blockhaus," erwiderte die Farbige, die Richtung mit dem Finger andeutend, "und dort hinten bei den Hütten, das Haus mit dem grossen Schornstein, ist die Küche."

Sie liess das Pferd von Neuem die Peitsche fühlen, im nämlichen Augenblick aber richtete sie sich hoch auf und zog die Zügel andas Tal und die Berge ringsumher erglänzten einen Moment in weissem Feuer, im nächsten aber erfolgte ein prasselnder, betäubender Donnerschlag, dem unmittelbar wie das Pelotonfeuer einer Artillerie-Salve neue krachende Schläge von allen Seiten antworteten, und als wären plötzlich die Banden der schweren Wolken zersprungen, strömte der Regen hernieder, gleich einer Sündflut. Hochauf