1859_Rupius_161_75.txt

kaum einer Stunde so verändert, dass jeder Gedanke an die eben erlebten Scenen in dem jungen mann schwand und er sich besorgt umsah. Der Himmel in seinem rücken war dick mit gelbgrauen Wolken umzogen, die einen unheimlichen Schatten über die Gegend warfen, und während nur leichte Staubwirbel vom Boden aufstiegen, bogen sich die Kronen der riesigen Waldbäume und brausten wie unter einem gewaltigen Drucke. Helmstedt kannte diese Zeichen und trieb sein Pferd zu schärferem Trabe an, um womöglich noch vor Ausbruch des Wetters die Stadt zu erreichen; fast schien es auch, als solle ihm noch Zeit dafür bleiben; die Staubwirbel legten sich, die Bäume schwankten nur noch leise und bald war eine Stille eingetreten, in welcher kein Halm und kein Blatt sich mehr rührte; eben als Helmstedt aber an einer freien Stelle des weges anlangte und noch einmal sich nach dem Wetter umsehen wollte, schien es urplötzlich, als stehe der ganze Himmel in Feuerder Schein verschwand, aber ein Donnerschlag folgte unmittelbar nach, als berste die Erde von einander, als brächen, eins dem andern folgend, die Gebirge rings umher zusammen, so dass Helmstedt aus der plötzlich ihn überkommenen Betäubung nur durch einen Sprung seines erschreckten Pferdes wieder zur Besinnung gerufen wurde. Er hatte Mühe, das geängstigte Tier zu beruhigen und machte sich bereit, einem neuen Schlage mit der erforderlichen Geistesgegenwart zu begegnen; aber das Gewitter schien sich in der einzigen gewaltigen Kraftäusserung erschöpft zu haben und nur dann und wann grollte noch ein ferner Donner nach. Als er endlich aus dem bis jetzt verfolgten Waldwege in die grosse Strasse einbog, lag die County-Stadt wieder im Sonnenscheine vor ihm, während hinter ihm in der Ferne schwarzblaue Wolken und herniederströmender Regen die Aussicht verdeckten.

Mittag war schon einige Stunden vorüber, als er die Stadt erreichte, und er nahm seinen Weg ohne Aufentalt nach dem Globe-Hotel, um seinen knurrenden Magen zu befriedigen. Kaum war er aber dort abgestiegen und beschäftigt, sein Pferd anzubinden, als aus der Piazza eine mächtige Gestalt auf ihn zuschritt und ohne lange Ceremonie seine Hand fasste. "Hier ist der Dutch-Charlei, Sir," klang eine gewaltige stimme, "und nun sehen Sie zu, was Sie mit ihm anfangen können!"

Helmstedt hatte überrascht aufgesehen und drückte nach Kräften die Hand des Angekommenen. "Freut mich von Herzen, dass Sie da sind," sagte er, "es tut mir nur leid, dass Sie auf mich haben warten müssen."

"Never mind!" erwiderte der Goliat lustig, "ich wünschte, Sie hätten auf meinen Brief nicht länger zu warten brauchen."

Helmstedt warf einen blick auf die offene Tür des Bar-Rooms. "Wir brauchen nicht englisch zu reden, dass uns Jeder versteht," begann er dann deutsch, "sehen Sie sich vor, Charlei, dass Sie kein Wort von dem fallen lassen, was Sie mir schrieben; mit einer einzigen Unvorsichtigkeit können wir den Vogel, den ich fangen will, wieder aus dem Garne scheuchen. Ist der sogenannte Graf, dieser Mr. Wells, ein Yankee?"

"Nicht die Spur davon," entgegnete der Andere, seine stimme in einer Weise mässigend, dass sie den Zuhörer an das ferne Grollen des abziehenden Gewitters mahnte; "ächtes deutsches Sauerkraut, Sir; Sie können ihn aber in der Sprache schwer von dem wirklichen Amerikaner unterscheiden."

Helmstedt schüttelte den Kopf. "Ich verstehe kein Wort von der ganzen Intrigue," sagte er, "wir werden ja aber sehen. Nehmen Sie vorläufig einen Schluck, während ich ein paar Bissen esse, und dann sprechen wir weiter."

Eine Viertelstunde später traten Beide in Helmstedts Haus, wo dieser eins der Hinterzimmer öffnete. "Hier mag vorläufig Ihr Quartier sein, bis wir mit unserm Hauptgeschäfte zu Ende sind und ich Sie an einem ordentlichen platz untergebracht habe," sagte er, "jetzt machen Sie es sich vor allen Dingen bequem."

"Well, Sir, das Bequemmachen kommt mir gerade gelegen," erwiderte Charlei, kopfnickend die Ausstattung des Raumes betrachtend, "ich fühle wirklich, als müsste ich ein paar Stunden schlafen, ehe ich zu was Rechtem tauge. Ich gebe nichts um die zwei Nächte in der Postkutsche, auf einem Wege durch das Gebirge, der eher wie eine steinerne Treppe als eine vernünftige Strasse aussah; aber die Hitze hat mir meinen dikken Kopf so dumm gemacht –"

"All right, schlafen Sie," lachte Helmstedt, "ich werde einstweilen überlegen, was wir zunächst zu tun haben, und wenn ich Sie brauche, werde ich Sie rufen."

Er schloss die Tür und ging nach seinem Zimmer. Als er dort Hut und Rock von sich getan, warf er sich aufs Sopha und wollte nochmals Alles, was ihm Charlei geschrieben und was er bereits als notwendig in Bezug darauf beschlossen, sich als klares Bild vor die Seele stellen, aber der schwüle Tag, zusammen mit seinem Ritte in der Mittagshitze, machten auf ihn ihren Einfluss geltender wurde vom Schlafe überfallen, ehe er nur dessen Annäherung bemerkt hatte.

Wie lange er gelegen hatte, wusste er beim Erwachen nichtseine erste Erinnerung war die an unangenehme Träume, deren Eindruck er sich jetzt noch nicht ganz zu entreissen vermochteein leichtes Rütteln brachte ihn indessen zur vollen Besinnung. Es war bereits halbe Dämmerung in der stube, aber über seinem gesicht erkannte er den Kopf seines Schwarzen, welcher sich mit