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Mischung von peinlicher Ueberraschung und halber Furcht anstarrten, überkam es ihn fast wie Mitleid mit dem jungen Wesen, in dessen Leben er jetzt als hemmendes Gespenst stand.

"Guten Tag, Ellen," sagte er mit ausgestreckter Hand auf sie zugehend; "ich habe dir doch nicht so viel zu Leid getan, dass du mich fürchten musst?"

Sein Gesicht mochte wohl noch mehr ausdrücken, als seine Worte taten, denn ihr starrer blick löste sich, und zögernd legte sie ihre Hand in die seinige.

"Ich komme nicht unserer Angelegenheit wegen hierher, Ellen," fuhr er fort und führte sie einige Schritte weiter in den Parlor hinein, "aber ich freue mich, zwei Worte mit dir reden zu können. Ich will dir keinen Vorwurf über Das machen, was geschehen ist, ich habe es verschmerzt; wir wollen auch unsere gegenseitigen Gefühle nicht zergliedern. Ist es denn aber notwendig, dass wir kein freundliches Wort für einander haben dürfen, wenn wir nicht mehr als Mann und Frau mit einander leben können? Müssen wir uns denn durchaus hassen, weil die Liebe zwischen uns gestorben ist? Haben wir uns denn gegenseitig so viel vorzuwerfen, dass wir uns am besten stumm trennen, um dann einander wie Todfeinde meiden zu müssen? Ich mag nicht, Ellen, dass wir uns im öffentlichen Leben auszuweichen brauchen und der Welt das Recht zu jeder beliebigen Vermutung über die Gründe unserer Trennung gebenund so sage mir, wollen wir, wenn auch geschieden, Freunde bleiben, die sich gegenseitig achten, die, wenn auch gefesselt durch neue Bande, sich offen ins Auge sehen können? Wollen wir das, Ellen?"

"Ja, August," sagte sie mit gepresster stimme, während die Tränen in ihre Augen schossen.

Helmstedt wollte weiter reden, aber ein rascher Männertritt in der Halle liess ihn aufsehenElliot stand in der offenen Parlortür und schien in seiner ersten Betroffenheit über die Gruppe, welche sich ihm bot, die Sprache nicht finden zu können.

Helmstedt fühlte Ellens Hand in der seinen zittern und ergriff sie fester. "Ich hoffe, Sie werden nichts dagegen haben, Squire, dass ich mich mit meiner Frau einmal ausgesprochen habe?" sagte er, dem Pflanzer mit einem offenen Lächeln ins Gesicht sehend; "wir haben eben beschlossen, gute Freunde zu bleiben –"

"Und ich hoffe, Sir, dass ich ein Recht habe, in meinem haus zu dulden oder nicht zu dulden, was mir eben gut dünkt!" unterbrach ihn der Pflanzer heftig. "Wollen Sie etwas in Bezug auf meine Tochter sagen, so haben Sie sich an mich zu wenden, der ich jetzt ihr natürlicher Anwalt bin; so lange sie in meinem haus lebt, hört jede direkte Verbindung zwischen ihr und Ihnen auf. Geh nach deinem Zimmer, Ellen!"

Helmstedts Stirn begann sich zu röten; er hielt die Hand der jungen Frau so fest als vorher. "Sie handeln unklug, Sir," erwiderte er und sein klares Auge wurzelte fest in dem des Pflanzers. "Wenn ich mein Recht, verstehen Sie wohl, mein R e c h t erzwingen wollte, so würde meine Frau noch heute Abend, zu ihrer Pflicht zurückgeführt, in meinem haus wohnen. Sie scheinen ganz zu vergessen, Sir, dass nur die Rücksicht gegen Ellen selbst alle meine Schritte bisher geleitet hat. Ich wollte das Vertrauen, mit dem sie sich mir übergab, sie niemals bereuen lassensie sollte es auch selbst bei ihrer Trennung von mir noch gerechtfertigt finden – d a s waren die Gründe meines leidenden Verhaltens, Sir. Sie sind jetzt aufgebracht, mich hier zu sehenwell, Mr. Elliot, können Sie denn nicht vermuten, dass mich freundliche Absichten hierher führten, da ich ohne mein persönliches erscheinen mir längst hätte volle Genugtuung verschaffen können?"

Um Elliots Mund spielte ein Ausdruck von Verachtung. "Ich hatte Ihnen allerdings Zeit gegeben, mir Vorschläge zu machen," sagte er; "ich sehe aber dabei durchaus keinen Grund, warum Sie meiner Tochter noch einmal nahe zu treten haben."

"Sie sind eben im Irrtum, Sir," erwiderte der junge Mann wieder mit vollkommener Ruhe. "Mich führen ganz andere Dinge hierher, als das verhältnis zu meiner Frau, und wenn ich die gelegenheit benutzte, mich gegen sie auszusprechen, so bot sie mir der Zufall. Wenn ich mich einmal von Ellen scheide, so geschieht dies in vollkommen freier Uebereinkunft zwischen ihr und mir, und ich habe Ihnen, Sir, weder Vorschläge in Bezug darauf zu machen, noch deren von Ihnen entgegen zu nehmen. Glauben Sie mir aber, Mr. Elliot, dass jeder Ihrer Eingriffe in meinen freien Willen nur Ihren Wünschen entgegen arbeitet. Sie werden es nie ins Werk setzen, und wenn Sie mir jeden Fuss breit Boden unter den Füssen abzugraben versuchten, mich zu einem Schritte zu zwingen, den ich meiner unwürdig halte. Ich kann leben und bestehen, Sir, ohne eines einzigen Menschen Gunst hier zu bedürfen. Das musste ich Ihnen sagen, Mr. Elliot, und nun möchte ich Ellen bitten, uns zu verlassen, da mich Geschäftsangelegenheiten hierher geführt haben, welche sich nur unter Männern besprechen lassen."

Er liess die Hand der jungen, bleichen Frau los, und diese eilte mit einem besorgten blick auf ihren Vater, der nur zu warten schien, was sich aus Helmstedts Worten entwickeln würde, aus dem Zimmer