treffen; sie solle ihm also nicht wieder schreiben,
habe selbigen Brief gefunden, als ich nach dem
Zettel suchte, welchen wir haben mussten, um den
Jungen aufzufinden, und den ich Ihnen gern mit
schicken wollte, ehe ich durch die Post an Sie
schrieb. Ich bin nämlich ein alter Freund von der
Weibsperson und kann in ihre stube kommen, auch
wenn sie nicht zu haus ist. Also hatte ich heute
die rechte Zeit getroffen, habe ein paar Schlösser
an ihrer Kommode verdorben und den Zettel gefun
den und abgeschrieben. Hierbei will ich noch be
merken, dass sich der Graf 'Henry Wells' unter
schrieben hat, wenn Ihnen der Name zu etwas die
nen kann. Jetzt werde ich diesen Brief zumachen
und auf die Post geben; nachher setze ich mich auf
die Eisenbahn und gehe zur Mary, um ihr zu sagen,
wie es mit mir steht, und von da geht es gerades
weges hinunter zu Ihnen. Ich denke also, ich werde
einen halben Tag, oder, wenn es viel wird, einen
Tag später kommen als dieser Brief. Die Post-Of
fice, wohin das Weibsbild dem Grafen geschrieben
hat, heisst Rocky-Creek in Alabama, und er selber
wohnt, wie es in seinem Briefe heisst, bei einem
Farmer mit Namen McGraw."
Helmstedt hatte bei dem Namen "Wells" den Kopf geschüttelt, er war ihm vollständig unbekannt; sein erster blick aber, welchen er von dem Schreiben hob, siel auf den Wandkalender über seinem Arbeitstische und blieb dort nachdenklich hängen. Es war heute der 13. Wenn ein rascher Erfolg erzielt werden sollte, so musste die Aufhebung des sogenannten Grafen, wie des entführten Knaben in des Sheriffs hände gelegt werden. Charlei war aber der einzige, welcher den Erstern persönlich kannte, und somit war seine Gegenwart die notwendigste Bedingung für irgend einen Schritt. Helmstedt zweifelte keinen Augenblick, dass der Riese, wenn ihn nicht unterwegs ein Unglück betroffen, sich zur rechten Zeit einstellen werde, und beschloss deshalb, bis zum Nachmittag nichts zu tun, als einzelne nötige Erkundigungen einzuziehen und einen Ritt nach Oaklea zu machen. Während der ganzen Zeit, in welcher er auf Nachricht von New-York gehofft, hatte es ihm stets wie eine drückende Ahnung auf dem Herzen gelegen, dass Elliots Angreifer ihre Beute davon tragen würden, ehe er im stand sei, sein Schweigen zu brechen; jetzt wenigstens wollte er nicht mehr zögern, um dem Pflanzer vorsichtig einen Wink zu geben, und er empfand eine eigentümliche Genugtuung bei dem Gedanken, zur Vergeltung aller der gegen ihn gespielten Intriguen dem stolzen mann eine Hoffnung in dessen jetziger Bedrängniss entgegenbringen zu können. Er dachte im Augenblicke nicht einmal daran, dass es für Elliot den bittersten Nachgeschmack abgeben musste, wenn er hörte, dass sich sein Wohl und Wehe in Helmstedts Hand befinden würde.
Er nahm seinen Hut wieder und verliess das Haus. Sein erster gang war nach der Postoffice. "Können Sie mir wohl sagen, Sir, wo Rocky-Creek-Postoffice ist?" fragte er nachlässig, nachdem er sich mit einem schnellen blick überzeugt hatte, dass er mit dem Postmeister allein sei.
"Kaum fünf Meilen von hier, gerade in die Berge hinein," erwiderte dieser, mit der Hand die Richtung andeutend; "Sie können kaum fehlen, wenn Sie der Strasse folgen; es ist das einzige Wirtshaus am Wege, und die Gegend ist dort ziemlich unbewohnt."
"Also ist nicht viel zu holen," lachte der junge Mann.
"Nicht die Spur, Sir! Es gibt dort nur einzelne kleine Farmer, die in dem steinigen Boden mit harter Arbeit ihr Leben fristen."
Helmstedt dankte und ging. Er sah nach seiner Uhr – es war bereits neun vorüber und hohe Zeit für seinen Ritt, wenn er Mittags zurück sein wollte. Ohne weitern Aufentalt machte er sich daran, sein Pferd zu satteln, und bald eilte er im scharfen Trabe Oaklea zu.
Es war lange her, dass er zum letzten Male diesen Weg betreten. Damals war er noch Elliots Hausgenosse gewesen, und sein Herz, erregt von der Jugendfrische und Lieblichkeit Ellens, hatte kaum begonnen gehabt, für diese zu schlagen; aber alle die bekannten Umgebungen der Strasse mahnten ihn jetzt mir wie an ein längst abgeschlossenes Kapitel seines Lebens. Selbst Ellens Bild, wie er es sich vor die Seele rief, umgeben von all dem Reiz, welcher ihn damals zu jedem Wagniss für sie begeistert hatte, liess ihn völlig gleichgiltig; er hatte erkennen gelernt, dass keine Regung ihrer Seele etwas Verwandtes mit der seinigen hatte, dass er, und würden sie ein Menschenalter mit einander leben, immer unverstanden an ihrer Seite stehen müsste. – Je näher er Oaklea kam, desto mehr fühlte er eine Sicherheit in sich, als reite er der Abschliessung des alltäglichsten Geschäfts entgegen.
Die Pferdetritte wurden unhörbar, als Helmstedt von der Strasse abbog und auf dem geschlängelten Sandwege Elliots wohnung zuritt. Er band sein Pferd an die ihm so wohlbekannte Stelle nahe dem haus und ging mit festem Schritt, um nicht ungehört einzutreten, die Portico-Treppe nach der Halle hinauf. Hier hatte er kaum die Tür geöffnet, als aus dem Parlor eine weibliche Gestalt ihm entgegeneilte, aber wie im plötzlichen Schrecken stehen blieb, als er ihr sein Gesicht voll zukehrte, und dann todesblass zwei Schritte zurückwich. Helmstedt stand seiner Frau gegenüber; als er aber in ihre Augen blickte, die ihn mit einer