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und Helmstedt hörte bald auch Murphy's helle stimme im hinteren Teile des Lokals erklingen. Der Eingetretene liess sich ein Glas Sherry mit Eis geben, lehnte sich gegen den Schenktisch und beobachtete still, was um ihn her vorging, bis die Gruppe von Advocaten, in welcher Murphy gestanden, sich löste und dieser langsam dem Ausgang zuschritt.

"Wollen Sie mir wohl zwei Worte erlauben, Sir?" sagte Helmstedt, ihm einen Schritt entgegentretend.

Der advokat sah auf. "Mit Vergnügen, Sir!" erwiderte er, augenscheinlich etwas verwundert.

"Sie werden einsehen," begann Helmstedt mit gemässigterer stimme, "dass der von Ihnen vertretene Anspruch gegen Mr. Elliot, der mein Schwiegervater ist, mich mehr als jeden andern Dritte berühren muss."

"Ich sehe das vollkommen ein," erwiderte Murphy, höflich den Kopf neigend.

"Darf ich Sie also wohl um Angabe der Advocatenfirma in New-York bitten, bei welcher das alte Document, welches den jetzigen Anspruch begründet, deponirt war?"

"Gewiss, Sir, wenn Sie sich auch dort nicht viel Trost holen werden; es ist die Law-Office der Herren Smit und Johnson in Duanestreet."

"Ich danke Ihnen, Sir, das ist Alles."

Murphy verbeugte sich mit einem verbindlichen Lächeln und verliess das Lokal. Helmstedt trank langsam seinen Wein aus und ging dann in gemessenem Schritte seinem haus zu. Als er indessen sein Zimmer erreicht hatte, warf er, wie voll von einem Gedanken, seinen Hut bei Seite, suchte Papier hervor und begann zu schreiben. Es war ein Brief an die Herren Smit und Johnson, in welchem er als Vormund des verunglückten Erben einfach anfragte: ob bei Deponirung des in ihren Händen gewesenen, auf Isaak Hirsch überschriebenen Besitztitels kein Empfangsschein ihrerseits gegeben worden seiund wenn dies der Fall, ob und durch wen derselbe an sie zurückgegeben worden.

Der Brief war fertig; ohne Zögern ging aber Helmstedt an einen zweiten, adressirt an Mrs. Rebekka Meier. Er zeigte ihr darin an, dass auf Grund eines Documentes, welches, wie er nachweisen könne, nicht zu dem Nachlasse des Pedlars Isaak Hirsch gehört habe, von ihr, als Erbin des Verstorbenen, Ansprüche auf ein Grundeigentum erhoben würden, die seine eigenen Privat-Verhältnisse auf das Empfindlichste berührten. Ehe er nun eine Untersuchung über den Ursprung und die Aechteit des Documentes einleiten lasse, bitte er sie um Nachricht, auf welche Weise sie zu dem alten Papiere gelangt oder wie sie von seiner Existenz unterrichtet worden sei, damit er in keinem Falle einem Unschuldigen zu nahe trete.

Die Briefe wurden geschlossen und schlüpften noch eine Stunde vor der abgehenden Post in den Briefschalter.

Helmstedt hatte sich nun wohl vorgenommen, in Gelassenheit die verschiedenen Antworten abzuwarten, aber eine unruhige Spannung, welcher er nicht Herr werden konnte, liess ihn nur selten eine Stunde bei seiner Arbeit ausdauern. Vom dritten Tage ab, an welchem er eine Antwort des Dutch Charlei zu erhalten gehofft, hatte er regelmässig bei Ankunft der Post nach Briefen für sich gefragt, aber es waren bereits sechs Tage verstrichen, und das eintönige: "Noting, Sir!" des Postmeisters war ihm so oft in die Ohren geklungen, dass er an der Ueberlieferung seiner Depesche vollständig zu zweifeln begann. Er hatte sich während dieser Tage mehr auf der Strasse und im Bar-Room des Hotels herumgetrieben, als jemals zuvor; er hatte geglaubt, irgendwo ein Wort auffangen zu können, das ihn über den Weg, welchen Elliot in Bezug auf den Angriff gegen ihn einzuschlagen beabsichtige, unterrichte, aber Niemand schien etwas von den Entschliessungen des Pflanzers zu wissen, und für Helmstedt begann dieser Zustand des Harrens fast unerträglich zu werden. Er beschloss, noch einen einzigen Tag zu warten, und wenn wieder vergebens, durch ein ihm bekanntes New-Yorker Handelshaus nochmalige und sichere Nachricht an Dutch Charlei gelangen zu lassen, dann aber auch zugleich, auf jede Gefahr hin, Elliot von dem stand der Dinge zu unterrichten, um wenigstens den möglichen Schritten für einen Vergleich von dessen Seite vorzubeugen.

Ganz darauf vorbereitet, wieder ein "Noting, Sir!" zu hören, begab er sich am siebenten Morgen nach der Postoffice; aber schon bei seinem Eintritte hielt ihm der Postmeister einen Brief von dem nämlichen Kaliber, wie den bereits erhaltenen, entgegen, und mit einem erleichternden "Endlich!" erkannte Helmstedt die majestätischen Schriftzüge von Charlei's Hand auf der Adresse. Er zahlte das Porto und eilte nach haus, um ein neues Studium dieser kühn alle Regeln verachtenden Schreibweise zu beginnen. Der Inhalt, in verständliche Worte übersetzt, lautete:

"Yes, Sir!

Ihr telegraphisches Schreiben habe ich erhalten,

aber mit der telegraphischen Antwort war es nichts.

Ich hatte einen Brief für Sie fein zugeklebt nach der

Telegraphen-Office gebracht, aber die Kerle dort

meinten, zum Telegraphiren müssten sie ihn aufma

chen und durchlesen, was ich nicht leiden mochte,

weil Manches darin stand, was nicht Jeder zu wis

sen braucht. Also habe ich ihn wieder mit fortge

nommen, und das war ganz gut. Die Weibsperson,

welche mit dem Grafen lebt, hatte von diesem am

selbigen Tage einen Brief bekommen, dass er nur

noch bis zum 14. Juni an dem bisherigen Orte blei

ben werde; das sei der letzte Tag, welchen er als

Frist gestellt habe, um sein Geld zu erhalten, nach

her müsse er wegen des Jungen andere Massregeln