Sie mir es wohl schreiben, ich wohne
noch immer beim alten Ormsby in Jamesstreet. Es
heisst freilich, dass im Süden die Nigger alle Arbeit
täten, aber ich glaube, ich könnte es mit Dreien
aufnehmen, und wenn Sie etwas für mich wüssten,
so könnte ich auch, bis Sie mir wieder schreiben,
den Zettel zu Gesicht bekommen, damit Sie erfah
ren, wo Sie Ihren Mündel wiederfinden können.
Das Geld zur Reise habe ich."
Zehn verschiedene Gedanken über die Beweggründe und den Urheber des gespielten Betruges waren, einer den andern verdrängend, durch Helmstedts Kopf geschossen – vor einem Gedanken aber wichen alle übrigen zurück. Helmstedt hatte aus leicht begreiflichen Gründen sich tiefer für den drohenden Angriff auf Elliots Eigentum interessirt, als viele Andere. Er hatte zu seiner Verwunderung erfahren, dass Murphy's Vollmacht, welche dieser gern vorwies, um jede Gehässigkeit von sich selbst abzulenken, von Rebekka, Ehefrau des Abraham Meier in New-York, als Erbin des verstorbenen Isaak Hirsch, ausgestellt war, und dass der verhängnissvolle Besitztitel von einer NewYorker Advocaten-Firma als Eigentum des Isaak Hirsch in die Erbschaftsmasse abgeliefert worden sein sollte. Wenn es ihm nun möglich wurde, den Aufentaltsort des bei Seite gebrachten Knaben zu entdekken, so war für den Augenblick der ganze gegen Elliot beabsichtigte Process beseitigt, da mit Auffindung des ersten, alleinigen Erben jeder Anspruch einer dritten Partei an den hinterlassenen Besitztitel in sich selbst zerfiel, und alle ferneren Massregeln lagen einzig in seiner, des Vormundes, Hand. Hiess es doch in des Pedlars letzten Willen:
"Ich bitte Mr. Helmstedt, sich meiner Papiere
anzunehmen, welche sich in der tasche dieses Bu
ches befinden. Es sind die sämmtlichen Depositen
scheine meiner Ersparnisse, welche nach meinem
tod meinem Schwestersohne gehören und von ge
nanntem Mr. Helmstedt, falls ihm dies nicht zu viel
erbeten dünkt, zum Vorteil meines Erben nach
seinem, des Mr. Helmstedts, alleinigem Dafürhal
ten angelegt oder verwendet werden sollen."
Helmstedt kannte die Stelle auswendig; zum ersten Mal aber fiel es ihm auf, wie der alte Isaak, der alle seine Angelegenheiten in so musterhafter Ordnung gehalten und mit so freiem Bewusstsein seinen letzten Willen abgefasst hatte, nicht an ein so wichtiges Document wie der vielbesprochene Besitztitel hatte denken können. – Helmstedt wusste genau, dass sich in den hinterlassenen Papieren auch nicht die Spur einer Notiz darüber befunden hatte, und je mehr er darüber nachdachte und die kaum glaublichen Angaben des vor ihm liegenden Briefes damit verglich, je verdächtiger wollte ihm die ganze Angelegenheit erscheinen, wenn er auch noch nicht wusste, nach welcher Seite hin er einen Verdacht richten sollte. Er beschloss, jedenfalls Schritte zu tun, um sich klarheit über das Woher der so plötzlich aufgetauchten Urkunde zu verschaffen – das war indessen nicht die Hauptsache. Schnelle, bestimmte Massregeln mussten zur Herbeischaffung seines Mündels getroffen werden, denn in jedem Augenblick konnte Elliot, um sich Ruhe zu verschaffen, zu Schritten verleitet werden, die vielleicht niemals wieder gut zu machen waren. Helmstedt schwanke eine Weile, ob er nicht durch eine weitere Mitteilung des Briefes vorläufig allen möglichen Unterhandlungen mit dem Pflanzer Einhalt tun sollte; schnell genug aber erkannte er, dass, wenn irgend eine an dem jetzigen Process beteiligte Partei ihre Hand in dem Bubenstück gegen seinen Mündel gehabt, wie es nach Charlei's Schreiben fast schien, das tiefste Schweigen über dessen Mitteilung walten müsse, sollte nicht der Knabe von seinem jetzigen Aufentaltsort aufs Neue, und wahrscheinlich für immer, verschwinden. Eine kurze Weile dachte er scharf nach, dann barg er den Brief in die Brusttasche seines Rockes und schritt wieder über die Strasse nach dem Store des Postmeisters. "Wie weit ist wohl die nächste Telegraphenoffice, Sir?" fragte er diesen.
"Telegraphenoffice!" war die lachende Antwort, "so vorgeschritten sind wir hier im Hinterwalde noch nicht, Sir! Die nächste ist meines Wissens in Nashville, Tennessee, etwa 150 Meilen oder so etwas weit."
Helmstedt legte die Hand an seine Stirn. "Also gar keine Möglichkeit, eine dringende Nachricht schnell nach New-York zu befördern?"
"Warum nicht? Senden Sie Ihre Depesche nach Nashville an die Telegraphenoffice, heute Mittag geht eine Post dahin ab. Legen Sie eine Fünfdollar-Note bei und beauftragen Sie die Beamten, Ihnen die Rückantwort, falls Sie diese erwarten, augenblicklich hierher zu senden. Sie sollen von mir sogleich benachrichtigt werden, sobald etwas angekommen ist."
Helmstedts Gesicht hellte sich auf; er dankte dem Postmeister und schlug ohne weitere Zögerung den Weg nach seinem haus ein. Dort machte er sich noch einmal an die sorgfältige Durchsicht der erhaltenen Zuschrift und fasste dann die folgende Depesche, mit der von Dutch-Charlei angegebenen Adresse versehen, an ihn ab:
"Kommen Sie augenblicklich, sobald Sie genau
wissen, wo der Knabe ist; ich trage die Reiseko
sten. Senden Sie sogleich Antwort per Telegraph
an die Nashville-Telegraphenoffice, dass Sie diese
Zeilen empfangen haben; ich erhalte Ihre Antwort
von dort."
Das Begleitschreiben an die Telegraphenoffice war schnell angefertigt, die Banknote beigelegt, und nach einer Viertelstunde ruhte der Brief, von Helmstedt selbst überbracht, in der Hand des Postmeisters.
"Jetzt wollen wir weiter sehen!" brummte der junge Mann und wandte seine Schritte nach dem BarRoom des Hotels, wo für die Morgenstunde der gewöhnliche Versammlungsplatz der männlichen Elite des Städtchens war. Gruppen von jüngern und ältern Herren standen bereits schwatzend darin umher,