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Arbeit war es gerade, was er brauchte. Zuerst wollte er sich vollkommen zum Meister der englischen Sprache machen; er fühlte, dass er nur dies bedurfte, um überzeugend auf irgend ein Publikum wirken zu können, und mit einem stillen Behagen erinnerte er sich der Complimente, welche ihm seine eigene Verteidigungsrede während des Baker'schen Mordprocesses von gewiegten Advocaten eingetragen hatte. Daneben sollte es zu einem gründlichen Studium der neuern geschichte der Vereinigten Staaten, besonders wo diese auf Rechtsfragen Einfluss haben konnte, gehendas war vorläufig Arbeit für die nächsten sechs Monate, und dann erst wollte er seinen weitern Studiengang nach den Verhältnissen, wie sie sich bis dahin für ihn gestaltet haben würden, bestimmen. Es kam eine Beruhigung, wie er sie noch niemals in Amerika gefühlt, über ihn, als er mit diesen Entschlüssen im Klaren war; er hatte längst gefühlt, dass sein bisheriger Beruf als Musiklehrer eben nur Notbehelf für ihn gewesen war und stets nur geblieben wäre, so sehr auch bis jetzt sein ganzes Interesse sich darauf gerichtet hatte, und zum Handelsstande, wozu ihn der alte Pedlar gedrängt hatte, passte seine ganze natur nicht. Konnte er sich der Advocatur zuwenden, so kam er wieder auf den Boden, welchem er sein ganzes arbeiten und Streben in Deutschland gewidmet, und wenn sich jemals eine gelegenheit dazu für ihn bieten konnte, so war sie jetzt da, wo er für eine Zeitlang die Mittel zum Leben und volle Zeit für die nötigen Studien hatte.

Noch an demselben Nachmittage hatte er sich von einigen Bekannten, welche ihm der Mittagstisch im Hotel näher gebracht, so viele Bücher zusammengeborgt, als er für die erste Zeit zu seinem Zwecke für notwendig erachtete, und am nächsten Morgen begann er nach einem selbstgeschaffenen Systeme seine arbeiten, denen er während der folgenden Tage ohne Hast, aber mit voller Beharrlichkeit oblag. Und so sass er auch jetzt am frühen Morgen bereits an seinem Schreibtische.

Eine halbe Stunde mochte er ohne Unterbrechung gearbeitet haben, als sich die Tür öffnete und Cäsar mit einer grossen Tasse voll rauchenden Kaffee's erschien; es war dies eine Neuerung, die Helmstedt eingeführt hatte, um nicht in den Morgenstunden des Frühstücks wegen das Haus verlassen zu müssen, und Cäsar hatte schnell genug gelernt, seinen Herrn in deutscher Weise zu bedienen. – Helmstedt schob sein Buch bei Seite und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

"Well, Cäsar, etwas Neues?"

"Nichts Grosses, Master," entgegnete der Schwarze, die Tasse niedersetzend. "Mrs. Morton ist noch immer traurig und niedergeschlagen; sie habe, meinte Mary, gestern nicht so viel gegessen, dass ein Vogel daran genug haben könne. Doctor Ford hat ihr beim Mittagstische erzählt, dass Mr. Elliot wohl seine Farm verlieren werde, und das hat sie so aufgeregt, dass ihr der Doctor ein niederschlagendes Pulver hat geben müssen. Der Doctor hat gesagt, ihre Reizbarkeit komme vom Klima, das sie noch nicht gewohnt sei und auch von ihrem einsamen Leben; sie solle sich mehr Zerstreuung machen; und Mrs. Morton hat gesagt, sie werde nächster Tage einmal nach Little Vallei fahren, sich die Farm betrachten und zusehen, was dort getan werden müsse; das werde ihr Arbeit und Zerstreuung geben."

"Wie steht es jetzt in Little Vallei?" fragte Helmstedt gedankenvoll.

"Es ist noch beim Alten, Sir!" antwortete der Schwarze. "Doctor Ford hat aber gesagt, er werde in den nächsten Tagen einen andern Aufseher schaffen."

Helmstedt nickte langsam und griff nach seinem Kaffee. "Es ist gut, Cäsar."

Der Schwarze verliess das Zimmer und Helmstedt wollte sich wieder seiner Beschäftigung zuwenden, aber er konnte seine Gedanken nicht festalten. Schon tages vorher hatte ihm Cäsar einen ähnlichen Bericht wie den heutigen gebracht, dem er nur wenig Wichtigkeit beigelegt hatteheute indessen fiel ihm die wiederholte Meldung mit ihren Details auf. War es nur ein vorübergehendes körperliches Leiden, oder lag die Ursache von Paulinens krankhafter Stimmung tieferkonnte nicht, bei ihrem jungen warmen Herzen ein Gefühl für irgend eine dritte Persönlichkeit in ihr leben, dem sie in ihrer abgeschlossenen Stellung nicht genug tun konnte und das zugleich die Ursache ihrer Schroffheit gegen ihn selbst und seine freundlichen Anerbietungen war? Helmstedt fühlte, wie ihm der Gedanke das Blut zum Herzen trieb; er erhob sich und durchschritt einige Male langsam das Zimmer; bald hatte er wohl seine innere Haltung wieder gewonnen, aber mit dem Interesse an seinem Studium war es für den Augenblick vorbei. Eine erfrischende Luft wehte ihm aus dem offenen Fenster entgegen und er beschloss, einen gang durch die Stadt zu machen, um sich andere Gedanken zu holen und dann mit neuer Lust an seine Arbeit zurückzukehren. Er kleidete sich an und wanderte dann langsam die Hauptstrasse des Städtchens hinab, wo bereits Weisse und Schwarze in lebhaftem Marktverkehr sich durcheinander trieben.

"Es ist ein Brief für Sie da, Mr. Helmstedtschon seit zwei Tagen!" hörte er eine stimme neben sich und sah aufschauend in das Gesicht des Postmeisters, welcher indessen das Postamt nur als eine Unterabteilung seines Stores führte, vor dessen Tür er eben jetzt auf- und ab spazierte.

"Für mich, Sir?" fragte der junge Mann zweifelnd.

"Wenigstens steht Ihr Name darauf, treten Sie ein, Sir, zehn Cents Porto!"

Helmstedt empfing ein dickgefülltes Couvert, auf welchem seine Adresse mit voller Genauigkeit verzeichnet stand, zahlte das Porto und verliess