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habe den Wert des Documentes, auf welchem die ganze Speculation ruht, überschätzt. Eine Kleinigkeit werde ich jedenfalls durch den erzeugten Schrecken herauspressen können, und Sie sollen nicht um Ihren Anteil kommen."

"Very well, Sir!" unterbrach Seifert, ein ernstes, bedenkliches Gesicht ziehend, "ich darf natürlich an Ihrer Wahrheitsliebe nicht zweifelnich muss Ihnen aber Eins sagen. Wie es Leute gibt, welche hunderttausend Dollars mit Vergnügen stehlen würden, wenn sie könnten, während sie vor einem Diebstahl von fünf Dollars zurückschaudern, so würde ich selbst mir die grössten Gewissensbisse machen, einen armen Judenjungen zu tod und eine achtbare Pflanzerfamilie dem Ruin nahe gebracht zu haben, wie dies Letztere wenigstens die ganze Stadt behauptetwenn ein reichlicher Erfolg diese Sünden nicht lohnte. Und Gewissensbisse sind ein erschreckliches Ding, Sir, wenn sie den Menschen treiben, wieder gut zu machen, was er verbrochen. Ueberlegen Sie also noch einmal, Mr. Murphy, was sich tun lässt, um dem Uebel vorzubeugenin einigen Tagen sehe ich Sie wieder, und wir werden dann bestimmter mit einander reden. Einstweilen leben Sie wohl. Sollten wir uns heute noch im Bar-Room sehen, so wissen Sie, wer ich bin und wie lebhaft unsere alte Freundschaft für einander ist." Er nickte dem Advocaten lächelnd zu und schritt langsam aus dem Zimmer.

Murphy, an den Tisch zurückgekehrt, hatte sich während der letzten Worte gezwungen, dem Sprechenden fest ins Gesicht zu sehen, und blieb in seiner Stellung, bis er Seiferts letzte Schritte auf der Treppe verhallen hörte. Mit einem unterdrückten Fluch schlug er dann mit der Faust auf den Tisch und warf sich auf den nächsten Stuhl. Eine Weile sah er finster sinnend vor sich nieder, plötzlich aber, wie von einem lichten Gedanken erfasst, sprang er auf und sah nach seiner Uhr. "Noch Zeit!" brummte er, griff nach seinem Hut und verliess raschen Schrittes das Hotel. Er bog von der Hauptstrasse des Städtchens in einen Nebenweg ein, bis er die Rückseite von Griswalds Office erreichte, wo sich durch die geschlossenen Jalousien ein schwacher Lichtstrahl stahl. Auf ein dreimaliges klopfen öffnete sich die Tür und er verschwand dahinter.

Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als er, von Griswald begleitet, wieder heraustrat. "Keinen Schritt darf er unbeaufsichtigt tun, und Sie müssen noch heute die nötigen Anstalten deshalb treffen," sagte Murphy mit gedämpfter stimme, "und sollte sich Ihre Vermutung bestätigen, so werde ich für das Uebrige Vorsorge treffen." Beide schieden, sich die hände schüttelnd.

VIII.

Es war kaum sechs Uhr am nächsten Morgen, aber Helmstedt sass schon eine Weile vor seinem Arbeitstische, auf welchem sich an Stelle der früher vorhandenen Musikalien mehrere Stösse Bücher zeigten, und schien ganz in das Studium eines vor ihm liegenden dickleibigen Bandes versunken zu sein. Dann und wann machte er auf einem Papierbogen kurze Bemerkungen und fuhr dann um so eifriger in seiner Lectüre fort. – In den ersten zwei Tagen nach seiner Entlassung aus der Akademie hatte er kaum gewusst, was er mit seiner Zeit beginnen sollte; er hatte während der heissen Stunden des Tages, die ihn ins Haus bannten, stundenlang auf seinem Sopha gelegen und mit offenen Augen geträumt von dem vergangenen Jahre, das in seinen mannichsachen Ereignissen ihm oft wie ein halbes Leben dünkte, geträumt von einer Zukunft voller Seligkeit und Befriedigung, die er doch selbst für unmöglich hielt. Er hatte sich wohl bald selbst gesagt, dass diese Lebensweise nicht lange fortdauern dürfe, wenn er nicht erschlaffen und sich untüchtig für eine spätere geregelte Tätigkeit machen solleaber das: was beginnen, ohne seinen jetzigen Aufentaltsort zu verlassen, war die Frage, welche er nicht zu beantworten vermochte. So hatte er sich am dritten Tage unzufrieden mit sich selbst wieder auf das Sopha geworfen. Seine Zukunft kam ihm fast eben so planlos vor, als zu der Zeit, wo er in New-York gelandet und in ungezwungenem Müssiggange sein Geld hatte verzehren müssenda tauchte mit den Bildern aus seinem damaligen Leben plötzlich der Rat in seiner Erinnerung auf, welchen ihm Pauline nach ihrem ersten Zusammentreffen mit ihm gegeben, ein Rat, den er in jener Zeit bei seiner Unkenntniss der englischen Sprache und der ganzen amerikanischen Verhältnisse so kindlich naiv gefunden, dass er sich des Lachens nicht hatte erwehren können. "Sie sind doch von Haus aus Jurist und haben ein glänzendes Examen bestanden," hatte sie ihm gesagt, "warum werfen Sie sich hier nicht wieder auf Ihr altes Fach, gehen zu einem Advocaten und lernen, was Ihnen in dem hiesigen land noch Not tut, halten nachher Reden, werden bekannt, bekommen dadurch eine tüchtige Praxis, oder lassen sich in ein paar Jahren zu einem amt wählen? Wenn ich ein Mann wäre, ich würde in Amerika gar nichts Anderes als advokat!" – Jetzt war es ihm, als werde es mit einem Male hell in seiner Seele. Was damals für ihn unmöglich gewesen, das durfte er jetzt wenigstens als erreichbar betrachtenund in jedem Falle hatte er ein neues Ziel für sein Streben gefunden. Erregt setzte er sich aufrecht. Er dachte wohl einen Augenblick an alle die Schwierigkeiten, welche dem Deutschen in einer solchen Carriere entgegentreten müssen, sobald er sich über den grossen Tross des Standes zu erheben gedenkter dachte an alle die grossen Lücken, welche er auszufüllen haben würde, an alle die Arbeit, welche vor ihm lagaber