1859_Rupius_161_58.txt

erzählen hatteaber er kam ihm damit ungelegen. "Was ist es, Cäsar?" fragte er kurz.

"Ich wollte nur etwas fragen, wegen Little Vallei, Sir, nichts Bedeutendes gerade –"

"Dann lass es bis ein andermal, ich bin jetzt beschäftigt."

Der Schwarze verschwand, und Helmstedt gab seinen Gedanken wieder Raum. Er begann in Gedanken sein ganzes Besitztum durchzugehen, um zu berechnen, was ihm aus dem Erlös desselben erwachsen könne; er öffnete zu dem Zweck ein Fach seines Schreibtisches, in welchem sich eine Kostenberechnung aller Anschaffungen bei seiner Verheiratung befand. Hier aber fiel ihm zuerst Mortons Brief in die hände, der unerbrochen und vergessen dagelegen hatte, seit er ihn aus Paulinens Händen erhalten. Helmstedt wollte ihn im ersten Moment wieder bei Seite legen, aber als sein Auge auf die unsichere Handschrift der Adresse fiel, kam ihm wieder das ins Gedächtniss, was der Vorsteher der Akademie über die Freundschaft des Verstorbenen zu ihm und den Einfluss, den er zu seinem Besten geltend gemacht, gesprochen hatte; er sah das biedere Gesicht des alten Pflanzers vor sich, er erinnerte sich, dass dieser an ihn noch in seinen letzten Stunden gedacht, und in plötzlich gemilderter Stimmung löste er das Couvert. Ein neuer, mit Papieren gefüllter Umschlag und ein teilweise beschriebener Bogen zeigten sich. Helmstedt entfaltete den letzteren und las:

"Mein lieber junger Freund!

Ich ahne, dass ich Sie nicht wiedersehen werde,

und so benutze ich eine Stunde, welche mir viel

leicht zum letzten Mal einige Kraft zurückgibt, um

ein Lebewohl an Sie zu richten und Sie an das Ver

sprechen zu mahnen, welches Sie mir bei unserm

letzten Zusammensein gaben. Pauline weiss nichts

von unserm Uebereinkommen: ihr Herz ist so stolz

und stark, dass sie wohl glauben mag, sich selbst

genug sein zu können, dass sie jeden aufgedrunge

nen Beistand von sich weisen würde. Aber ich

weiss auch, dass sie ihre Stärke nur durch Entsagung

und Aufopferung erlangt hat: ich kenne mehr von

diesem Herzen, dem ich doch nur Schutz und keine

Befriedigung geben konnte, als sie weiss, und ich

erkenne alle die Schwierigkeiten, welche ihr nach

meinem tod, so lange sie in den jetzigen Verhält

nissen lebt, entgegentreten und sie verwunden müs

sen. Darum lassen Sie das Auge nicht von dem,

was um sie vorgeht, wenn auch unbemerkt von

ihrder blick eines von der Welt Scheidenden

sieht klarer als sonst, und mir ist es, wenn ich die

Dinge um mich her betrachte, als würde auch noch

einmal ein Frühling für sie blühen, und ihr ein

Schutz werden, unter dem sie sich gern bergen

wird.

Die Wertpapiere, welche ich hier beigelegt

habe, betrachten Sie als das Vermächtnis eines

Freundes und als ein Zeichen meiner achtung und

anhänglichkeit; es sind 2000 Doll. Auch hiervon

weiss Pauline nichts, damit Ihr Zartgefühl, das so

leicht verletzt ist, geschont bleibe, – mögen sie bei

irgend einer gelegenheit Ihnen einmal passend

kommen.

Und nun sei es genug, das Schreiben wird mir

schwer; – wenn wir uns nicht wiedersehen sollten,

so widmen Sie bisweilen einem mann, der Ihnen

von Herzen wohlgewollt, einen freundlichen Ge

danken.

Jas. Morton."

Helmstedts Hand zitterte, als er zu Ende war; eine lange Weile sah er stumm vor sich hin, bis sich seine Brust endlich in einem tiefen Atemzuge Luft machte. Dann begann er die Zuschrift noch einmal von Anfang an durchzulesen. Mit jeder Zeile, die er langsam beendete, war es ihm, als liege ein tieferer Sinn in diesen letzten Worten des alten Pflanzers, als er bei der ersten raschen Durchsicht wahrgenommen; er hielt bei einzelnen Stellen an und begann darüber zu grübeln. Nicht die unerwartete Hilfe, welche ihm so plötzlich geworden, war es, die ihn hauptsächlich beschäftigteseine Gedanken waren bei dem stolzen, starken Herzen, wie es Morton genannt, dem Herzen, das er doch so weich gekannt und dem er jetzt so gern alle Opfer und Entsagungen hätte vergessen machen mögen. "Des toten Wille soll treulich erfüllt werden," sagte er still vor sich hin, "ich will über sie wachen, ohne dass sie es weiss, will die sorge für sie zu meinem Lebenszweck machen, bis sie selbst sich wieder einen natürlichen Schutz gewählt." Er konnte einen halben Seufzer nicht unterdrücken, aber wie ärgerlich über sich selbst sprang er auf. "Wie das Schicksal will!" rief er, beide arme von sich strekkend, "jetzt aber heisst es: dem eigenen Herzen, wie der Aussenwelt Trotz geboten!"

Soeben trat der Schwarze wieder ein, um frisches wasser für die Nacht zu bringen. Er wollte sich nach Beendigung seines Geschäfts leise entfernen, aber Helmstedt, der seinen frühern Platz wieder eingenommen hatte, rief ihn zurück. "Jetzt magst du erzählen, Cäsar," sagte er, "du hattest etwas wegen Little Vallei auf dem Herzen, was ist es?"

Der Neger zog ein halb verlegenes Gesicht und rieb seine hände. "'S ist nur etwas vom Hörensagen, Sir, aber ich möchte doch fragen, ob Sie etwas davon wissen? Es heisst, dass Mr. Barlett, der Aufseher, fortgeschickt werden soll, und das ist schon unter allen Schwarzen in Little Vallei herum. Sie wissen ja wohl, die Köchin in Mortons Haus ist wegen ihrer Horcherei dort nach Little Vallei zum Kochen geschickt worden, und die