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müssen mich deshalb entschuldigen; aber die Veränderung um mich her ist seit einigen Tagen so sonderbar, und hat mich eben erst so empfindlich berührt, dass mir das Begegnen mit Ihnen wie eine Fügung erschien, um mir Gewissheit über meine Stellung zu verschaffen."

"Ich glaube, ich kann Ihnen die nötige Aufklärung geben, wenn wir es auch hier nicht vornehmen wollen," erwiderte der Vorsteher in einem Tone, der Helmstedt wohltat, "und ich gestehe Ihnen, dass ich selbst die aufrichtigste Betrübniss über den Stand der Dinge fühle. Wir haben nur wenige Schritte bis zur Akademie, lassen Sie uns dort einige Worte in Ruhe mit einander sprechen."

Er wandte sich zurück und Helmstedt ging schweigend an seiner Seite, bis sie das Schulgebäude erreicht hatten. Dort band der junge Mann sein Pferd an die Stacket-Einzäunung und folgte dem Vorsteher nach dessen Arbeits-Zimmer.

"Ich muss Ihnen sagen," begann der Letztere, nachdem Beide Platz genommen hatten, "dass ich wahrscheinlich schon morgen Sie ersucht haben würde, sich mit mir auszusprechen, und es ist mir lieb, dass Sie dem selbst zuvorkommen. Ich will ohne Umschweif zu Ihnen reden. Sie wissen, wie gern ich Sie hier en agirt habe, als Sie Mr. Morton mir empfahl, und wie sehr zufrieden ich mit allen Ihren Leistungen gewesen bin. Aber Mr. Morton, der unser beiderseitiger Freund war, ist jetzt tot und sein Einfluss, welcher Manches während seinen Lebzeiten ausglich, existirt nicht mehr. Ihre junge Frau ist zu ihren Eltern zurückgekehrt und die verschiedensten Versionen über die Ursachen dafür sind plötzlich in Umlauf gekommendabei ist aber das Schlimmste, dass Sie, wie es heisst, des zu erwartenden Vermögens wegen in keine Scheidung willigen wollen, und dass, wenn diese ja auf irgend eine Weise erzwungen werden sollte, alle Eltern für ihre Töchter, welche sie hierher zur Erziehung geben, fürchten, so lange Sie den Musik-Unterricht leiten."

Helmstedt wollte sprechen, aber der Vorsteher unterbrach ihn. "Lassen Sie uns alle unnützen Worte sparen, Sir," sagte er, "ich glaube von Allem, was in Umlauf gesetzt worden ist, kein Wort, ich habe Ihrem Processe beigewohnt und Sie während Ihres nachherigen Lebens genauer als vielleicht irgend Jemand kennen gelernt; aber ich hänge nicht von mir allein ab, ich bin selbst nur Beamter der Gesellschaft, welche die Akademie gegründet hat, und muss dem, was die Mehrzahl der mir zur Seite gesetzten Vertrauensmänner beschliesst, folgen. Ich entlasse Sie ungern, sehr ungern, Mr. Helmstedt, aber ich wäre gezwungen gewesen, Ihnen diese Nachricht schon morgen zu geben."

Helmstedt sass eine Weile ohne ein Wort zu reden da. "Well!" sagte er dann, "ich kenne die Quelle, aus welcher alles dieses fliesstwenigstens bin ich doch jetzt nicht mehr im Unklaren. Ich bin entlassen, weil ich so handelte, wie es jeder rechtliche Mann für allein ehrenhaft gehalten hätte; ich soll Ordre pariren, weil man glaubt, mich durch meine Armut dazu zwingen zu können. Wir werden sehen! Ich danke Ihnen, Mr. Pierce, für die Freundlichkeit, mit welcher Sie mich stets behandelt haben," fuhr er aufstehend fort, "danke Ihnen für Ihre gute Meinung über mich, vielleicht kann ich Ihnen noch einmal beweisen, dass Sie Recht hatten. Gute Nacht!" Er drückte kräftig die Hand des Vorstehers und schritt aus dem Zimmer. Als er sein Pferd losgebunden, sass er mit einem Schwung im Sattel, dass es zum Galopp ansprengte und bald hatte er sein Haus erreicht, wo Cäsar auf ihn wartete.

"Er ging nach seinem Zimmer, brannte Licht an und warf sich in den Lehnstuhl vor seinem Arbeitstische. Eine Weile liess er alle Gedanken und Gefühle, welche das Gespräch mit seinem bisherigen Prinzipale in ihm erregt hatte, durcheinander wogen; bald aber setzte er sich aufrecht und begann seine augenblickliche Lage bestimmt ins Auge zu fassen. Ein Wunsch stand im Vordergrunde seiner Seele, dem Angriffe, welcher so heimtückisch auf seine Existenz gemacht worden war, nicht weichen zu müssen. Er wusste, dass wenn er den Staat verliess, wozu man ihn jetzt wahrscheinlich zwingen wollte, es leicht genug gemacht war, eine Scheidung seiner Frau von ihm zu erzielengaben doch schon seine jetzt mangelnden Subsistenzmittel Grund genug dafür ab, und wenn er auch, wie das verhältnis zwischen ihm und Ellen stand, einer Trennung nie einen eigentlichen Widerstand hätte entgegensetzen mögen, sobald nur seine Mannesehre dabei gewahrt wurde, so empörte sich doch Alles in ihm gegen die Weise, wie sie ihm abgedrungen oder gegen seinen Willen bewerkstelligt werden sollte. Die Frage war jetzt: wie materiell bestehen, um nicht seinen Feinden ohne Schlag das Feld zu räumen. Mit einem ferneren Erwerbe durch Musik-Unterricht war es wenigstens in der nächsten Umgegend zu Ende, und seine ganzen Mittel bestanden in der Summe, welche ihm wenige Tage vorher als Betrag des Unterrichtsgeldes für den laufenden monat ausgezahlt worden war. Sollte er sich an ein anderes Erziehungs-Institut im staat um Erlangung von Beschäftigung wenden, oder musste er nicht fürchten, dass der Einfluss, welcher ihn von hier vertrieb, ihm auch dortin folgen würde?"

Während seines Grübelns hatte sich die Tür geöffnet und Cäsar sich an den Eingang postirt. Helmstedt sah aufer kannte die verschiedenen Arten von Gesichtsausdruck des Schwarzen und wusste, dass dieser jetzt irgend etwas zu