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Der Schweiss perlte in dicken Tropfen von des Redenden Gesicht und offenbar erleichtert, zu Ende zu sein, wischte er sich die Stirn mit dem Aermel seiner Jacke.

Helmstedt war von seinem stuhl aufgestanden und ging einige Male nachdenkend das Zimmer auf und ab. "Du magst so Unrecht nicht haben, Cäsar," sagte er, vor dem Schwarzen stehen bleibend, "glaubst du, dass in der nächsten Zeit etwas zu befürchten ist?"

"Heute ist Sonnabend, da ist der Aufseher meist in der Stadt, und morgen, am Sonntag, wird nicht gearbeitet," erwiderte der Neger mit einem gesicht voll Verstand; "aber am Montag früh, Sir, wo die Arbeit noch am wenigsten schmeckt und die Aufseher die Peitsche meist am lockersten haben, am Montag kann's etwas geben."

"Es ist gut, Cäsar, sattle mein Pferd." Der Schwarze verschwand mit befriedigter Miene, und Helmstedt setzte seinen gang durch das Zimmer fort, bis er endlich am Fenster stehen blieb und in Gedanken verloren hinausstarrte. Er dachte nicht mehr an Cäsars Mitteilungen, es stand nur vor ihm, dass er wieder nach Mortons Haus reiten wollte, welches er seit vierzehn Tagen gemieden; er suchte sich den Gesichtsausdruck zu vergegenwärtigen, mit welchem ihn nach dem letzten sonderbaren Scheiden Pauline empfangen würde, und er musste dabei tief aufatmen, um sich die Brust frei zu machen. Und wieder sprach die heimliche stimme vom Nachmittag zu ihm, wie wunderschön es doch wäre, wenn er Elliots Scheidungsanerbietungen kurz angenommen hätte, wenn er jetzt Paulinens beide hände fassen und sagen könnte: Ich bin ein Narr gewesen und blind dazu, aber ich bin sehend geworden und habe meine Bande von mir geworfen; hier bin ich, und nun tue mit mir wie du willst. Stosse mich zurück, aber ich werde bei dir bleiben; fliehe mich, ich werde dir folgen, bis du mich erkannt hast und mir wieder zulächelst wie ehedem.

"Wahnsinn!" sagte Helmstedt, sich gerade aufrichtend und mit der Hand über seine Augen fahrend. "Erst das alleinstehende Mädchen mit ihrem warmen Herzen zurückgewiesen und dann ihr als reiche Frau die Cour gemacht – o b sie nicht ein Recht hätte, mich zu verhöhnen? Ja, wenn jetzt ein Erdbeben ihre Plantagen und Neger verschlänge, wenn sie wieder so arm oder ärmer würde als zuvor, dass sie einsehen müsste, was aus mir spräche – – aber Phantasie und Unsinn! Wende den blick von dem Glücke, August, das du selbst verscherzt hast, und wahre dich vor einer neuen Demütigung!"

Er durchschritt wieder das Zimmer, bis der Schwarze sein Pferd vorführte und das Geräusch der Tritte auf dem Pflaster ihn aus seinen Gedanken weckte.

"bleibe hier, Cäsar, bis ich zurückkomme, falls ich dich brauchen sollte," sagte Helmstedt beim Aufsteigen und trabte davon.

Es war ein Tag wie im hohen Sommer, und die Sonnenglut, an welche der Deutsche noch nicht gewöhnt war, schien ihm nach kurzer Zeit fast unerträglich; er war froh, als er den Waldschatten erreicht hatte. Aber auch hier war der Ritt in der stillen Mittagshitze so unleidlich, dass alle müssigen Gedanken, die in ihm aufsteigen wollten, von selbst verschwanden und dass er sich erschöpfter als jemals fühlte, als er Mortons Haus erreichte. Er band sein Pferd im Schatten an und ging nach der offenen Halle, wo ein leises Lüstchen hindurchzog, und liess sich hier auf eine der Ruhebänke nieder, um sich einige Minuten abzukühlen, ehe er sich bei der Hausherrin melden liess. Innerhalb des Hauses wie in seiner Umgebung schien kaum etwas Lebendiges vorhanden zu sein; eine Stille herrschte, dass Helmstedt das leise Rauschen der Blätter ausserhalb vernehmen konnte, wenn ein Luftzug sie bewegte. Fast wirkte die Rast und die Kühle nach dem warmen Ritte einschläfernd auf ihn und nach kurzer Zeit raffte er sich wieder auf, um in dem hintern Teile des Hauses nach einem der schwarzen Dienstboten zu sehenaber nirgends liess sich ein menschliches Wesen entdecken. Helmstedt öffnete endlich den Parlor, dessen Fenster durch grüne Jalousien vor der Sonne geschützt waren, und trat in den halbdunkeln Raum, auf dessen Boden nur einzelne helle Lichtpunkte sich wie hingestreutes Gold abzeichneten. Er sah um sich und wollte eben wieder zurücktreten, als sein Auge in einer Ecke des Zimmers ruhen blieb, wo sich ihm ein Bild bot, wie man es eben nur im Süden beim frühen Eintritt der heissen Jahreszeit antreffen kann.

Auf einem der Divans leicht zurückgelehnt sass Pauline mit geschlossenen Augen. Der eine ihrer unverhüllten schönen arme ruhte auf der Seitenlehne, während der andere, in ihren Schooss gesunken, einzelne Papiere hielt, mit deren Durchsicht sie beschäftigt gewesen schien. Ihr linker Fuss stützte sich auf einen niedern, weichen Schemel, während der rechte, unbedeckt von dem schwarzen Gazekleide, seine eleganten Formen bis über die seinen Knöchel zeigte. Zur Seite ihres Knies sass eine schlanke Mulattin, ein geschlossenes Contobuch auf dem Schoosse, und den Kopf auf die Brust gesenkt. Beide schienen ohne ihr Wissen vom Schlaf überrascht worden zu sein.

Helmstedt stand eine Minute lautlos betrachtend. Das Märchen vom schlafenden Dornröschen in der hundertjährigen Stille, das der Ritter mit einem Kusse aus der Verzauberung weckte, kam in seinen Sinn. Sie lehnte da so mädchenhaft in ihrer Erscheinung und doch so alle Sinne aufregend, dass es eine Seligkeit hätte sein müssen, den erlösenden Ritter zu spielen. Kaum hatte er sich indessen zum geduldigen Warten in