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meine eigenen Verhältnisse beziehen, so geben Sie mir wohl die erlaubnis zu einem zweiten Besuche."

"Sie scheinen mich irgendwie missverstanden zu haben," sagte sie, ihm forschend in das ernste Gesicht sehend. "Sie wissen, dass 'Mortons Haus' Ihnen immer offen stehen wird, und dass ich mir auch vorbehalten habe, da, wo eine Frau nicht mehr allein durchkommen kann, mir Ihren Rat zu erbitten."

Der junge Mann verbeugte sich schweigend und barg den erhaltenen Brief in seine Brusttasche.

"Sie werden doch in der Hitze nicht nach haus reiten wollen, und jedenfalls zu Mittag bei uns bleiben?" fuhr sie fort, als er Miene machte, sich zu verabschieden. "Sie finden Niemand hier als den alten Doctor Ford, der seit Mr. Mortons tod ein Zimmer bei uns eingenommen hat, weil er meinte, er dürfe mich und die weisse Wirtschafterin nicht allein im haus lassen."

"Ich danke Ihnen sehr, Ma'am, ich habe Schatten bis kurz vor die Stadt," erwiderte er und warf einen blick aus dem Fenster nach seinem Pferde. "Ich beginne morgen meine Lectionen wieder und kann den Nachmittag für meine Vorbereitungen nicht entbehren."

Sie sagte nichts; aber das grosse Auge, das auf ihm ruhte, begann seinen Glanz zu verlieren, ihre Züge nahmen eine marmorne Unbeweglichkeit an, und als er sich nach ihr wandte, um Abschied zu nehmen, neigte sie nur mit einem kurzen "good bye, Sir!" den Kopf und trat an eine der Fenstertüren, welche sich nach dem Portico öffneten.

Helmstedt hatte die kalte Entlassung kaum beachtet; er fühlte sich verwundet, er sehnte sich nach haus zu kommen und mit allen Herzensforderungen abzuschliessen. Auf der Porticotreppe sass der Mensch, welchen er bei seinem Eintritte bemerkt, noch in derselben Stellung wie eine Stunde zuvor; aber Helmstedt hatte kein Auge für ihn. Nur als er sein Pferd losgebunden hatte, warf er halb unbewusst einen blick aus das Haus zurück und sein Auge blieb einen Moment an der schlanken Gestalt in Trauerkleidern haften, die hinter einer der Fenstertüren des Parlors stand und mit unbeweglichen Zügen ins Weite starrte. Er führte sein Pferd langsam nach dem Gittertore. Als er dies geöffnet hatte und beim Aufsteigen noch einen letzten blick zurück sandte, sah er, wie Pauline aus der Halle trat, die Gestalt auf der Treppe sich langsam erhob und beide nach kurzem Gespräch mit einander in das Haus zurückgingen.

Eine Art Neugierde, was die Besitzerin von Mortons Haus mit einer solchen Erscheinung zu schaffen haben könne, wollte sich Helmstedts bemächtigen, aber was gingen ihn, dessen aufrichtiger Wille zurückgewiesen worden war, noch die ganzen Verhältnisse hier an? Er liess sein Pferd die Schenkel fühlen und sprengte davonbald aber zog er unwillkürlich die Zügel wieder an. Zwei Bilder traten trotz seines Grolles immer unabweislich vor seine Seele: Pauline mit dem dunkeln Auge und dem süssen, innigen Lächeln, das einen ganzen Himmel verhiessund Pauline die starre, marmorweisse Büste, in schwarzer Drapirung, wie er sie hinter dem Fenster des eben verlassenen Hauses gesehen.

Er erreichte seine wohnung in einem Zwiespalte mit sich selbst, den er nicht zu lösen vermochte. Er schloss Mortons Brief, den zu lesen er sich jetzt am wenigsten in der Stimmung fühlte, in seinen Schreibtisch und ging nach dem Hotel, um seine Mahlzeit zu nehmen. "Teufelmässig warm!" – "Zu früh für die Jahreszeit!" – "Wir werden viel Krankheit diesen Sommer haben!" das waren fast die einzigen Aeusserungen, welche während des Essens um ihn her fielen, und Helmstedt kam endlich selbst zu der idee, dass es das Wetter sein müsse, welches ihm den klaren Kopf nehme. Langsam ging er wieder nach seinem haus und nahm sich vor, alle belästigenden Gedanken aus seinem Gehirne zu verbannen und nur für das zu sorgen, was ihm am nächsten lag. Er holte seinen Vorrat von Musikalien und das Verzeichniss seiner Schülerinnen hervor, um morgen für alle Lectionen vorbereitet zu sein; er gab sich mit Eifer seiner Arbeit hinbald stiess er auf den Namen einzelner Lieblingsschülerinnen, von deren Talent er sich viel versprach und deren Unterricht Lichtstellen in seinen oft ermüdenden Beruf warfbald wieder stiess er auf die Namen von "hard cases", für deren Unterweisung er sich ein eigenes System geschaffenin Kurzem hatte sich sein ganzes Interesse auf die vor ihm liegende Arbeit gerichtet, und als er endlich damit zu Ende gekommen war, hatte sich auch der feste Vorsatz in ihm gebildet, seine Befriedigung nur in den Erfolgen zu suchen, welche ihm sein jetziger Beruf bieten konnte, alle ungelösten Dissonanzen in seinem Leben aber ruhig der Zeit zu überlassen. Er brannte sich eine neue Cigarre an und warf sich in den Schaukelstuhl aus offene Fenster. Trotz seiner guten Entschlüsse währte es indessen nicht lange, so zogen dennoch an seinem geist alle Scenen des heute verlebten Morgens wieder vorbei, so grübelte er über Paulinens sonderbares Wesen und begann sich den verschiedenartigen Ausdruck ihres Gesichtes zu vergegenwärtigen, bis er endlich mit einem tiefen Atemzuge aufsprang. "Bin ich denn ein Kind?" sagte er und rieb sich die Augen; "ich w i l l mich aus diesen weichherzigen Gefühlsstimmungen herausreissen. Ist denn das für einen Menschen von Charakter nicht genug? Sie meint, ihre Zeit sei jetzt gekommen, und will Revanche haben, das ist Alles! Very well, so sei ein Mann, August