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erwähnte die Sache nur, weil du unter den jetzigen Verhältnissen täglich ein paar Stunden mehr für mich wirst haben müssen. Du nimmst deine gewöhnliche Schlafstelle wieder ein und magst Morgens, wenn du die Pferde und die übrigen kleinen Hausgeschäfte besorgt hast, deinem Verdienste nachgehen. Ich nehme meine Mahlzeiten vorläufig im Hotel; von vier Uhr Nachmittags an bleibst du im Haus, damit ich in vorkommenden Fällen Jemand an der Hand habe."

"Dank Ihnen, Sir, Dank Ihnen," erwiderte der Schwarze; "aberwenn ich noch etwas fragen dürfte," fuhr er fort und rieb sich wie in halber Verlegenheit die hände, "könnte ich wohl, bis Alles wieder in Ordnung ist, dann und wann nach Oaklea gehen, um die Sarah zu sehen? Oder –"

Nur einen Augenblick ging ein Schatten über Helmstedts Gesicht, dann lächelte er im besten Humor. "Wenn dir die dreihundert fünf und sechzig Mucken deiner Sarah nicht im Wege stehenich werde dich nicht zurückhalten!" sagte er. "Benutze deine freie Zeit wie du denkst und magst, nur sei da, wenn ich dich brauche. Jetzt besorge die Pferde und sieh dann nach deiner eigenen Lagerstelle."

Der Schwarze verzog das Gesicht, als liege noch irgend etwas Anderes auf seiner Seele; als sich aber Helmstedt erhob und ihm den rücken kehrend an das offene Fenster trat, zuckte er, wie sich selbst beruhigend, die Schultern und verliess das Zimmer.

Helmstedt brannte ein neues Licht an und warf sich dann auf sein Bett, um noch einmal die Eindrücke der letzten Stunden an sich vorübergehen zu lassen. Es war längst zehn Uhr vorüber, als er sich endlich entkleidete und das Licht löschte.

Am nächsten Morgen hatte er bereits bei beginnender Schulzeit in der Akademie den Wiederanfang seiner Musik-Lectionen für den nächsten Tag angezeigt. Er hatte nichts als freundliche Gesichter getroffen, Niemand schien etwas von der Aenderung seiner häuslichen Verhältnisse zu wissen, oder davon Notiz genommen zu haben, und mit freier Seele hatte er sich auf den Weg nach Mortons Farm gemacht. Es war kaum zehn Uhr vorüber, als er an der Einzäunung, welche die nächste Umgebung des Hauses einschloss, von seinem Pferde stieg, um das Gittertor zu öffnen.

Auf der Treppe, welche nach dem Portico hinaufführte, sass ein Mensch in grober Kleidung mit gewaltigen Gliedmassen und finsterem, dreisten blick, der, ohne sich zu rühren oder Miene zu einem Grusse zu machen, dem Ankommenden entgegensah. Helmstedt band sein Pferd an einen Baum und ging dann mit leichtem Kopfnicken an ihm vorüber nach der offenen Halle. Seine Gedanken waren zu sehr mit dem Zwekke seines Besuchs beschäftigt, als dass er die einigermassen auffallende Erscheinung hätte beachten sollen. Er legte seinen Hut ab; eben aber als er sich vergebens nach einem der Schwarzen, der ihn hätte melden können, umgesehen und die Parlortür öffnen wollte, tat sich diese auf, und Mrs. Morton, die bei seinem unerwarteten Anblicke einige Schritte zurückwich, befand sich vor ihm. Auch Helmstedt war zurückgetreten und Beide standen einen Augenblick wortlos einander gegenüber. Sie war in tiefer Trauerkleidung, aber diese zeichnete um so bestimmter ihre feinen, gerundeten Formen ab und verlieh ihrer ganzen Erscheinung einen Anstrich von vollendeter Aristokratie. Ihr tadelloser Teint, eben nur von dem Rot der Ueberraschung überhaucht, trat zarter als je hervor und der Anflug von Trauer um den weichen Mund erschien Helmstedt fast noch reizender als das frische Lächeln, das er früher an ihr gekannt.

"Treten Sie ein, Sir, und seien Sie willkommen," sagte sie, ihm die Hand bietend. "Sie finden unser Haus vereinsamter, als da Sie es verliessen."

"Ich habe Alles vernommen, Ma'am, und machte deshalb meinen Besuch bei Ihnen zu einem meiner ersten Geschäfte," erwiderte er, ihre Finger leicht zwischen den seinigen drückend; "Sie wissen es wohl selbst, dass Morton eigentlich der einzige Freund war, den ich im ganzen Süden besass, und dass seinen Tod sicher Niemand aufrichtiger betrauert als ich."

"Und er verdient das," sagte sie zu ihm aufsehend, während ihre Augen sich mit wasser füllten, "er hat an Sie noch zwei Minuten vorher gedacht, ehe er entschlummerte. Es war wirklich nichts als ein sanftes Entschlafen," fuhr sie fort und trocknete sich die Augen; "ich weiss kaun ob er selbst die unmittelbare Nähe des Todes ahnte. Aber setzen Sie sich, Mr. Helmstedt." Sie liess sich auf einen der Divans nieder und Helmstedt wandte sich nach einem stuhl. So oft er auch schon in den Parlors von Mortons haus gewesen war, so hatte er doch nie ein besonderes Auge für deren Einrichtung gehabt. Heute aber liess er unwillkürlich einen beobachtenden blick über die reiche, geschmackvolle Ausstattung gleiten, die im vollen Verhältnisse zu dem eleganten haus und dem ausgedehnten Grundbesitze des Verstorbenen stand. Dieses Alles gehörte jetztwenn er Mortons Worte, die dieser zu ihm über seine letztwillige Verfügung gesprochen hatte, richtig verstandder jungen Frau, welche vor ihm sass, und das drückende Gefühl, welches schon tages zuvor sich bei Betrachtung ihrer beiderseitigen Verhältnisse seiner bemächtigt hatte, überkam ihn wieder.

Er hatte sich ihr gegenüber niedergelassen – "Well, Ma'am," begann er, "Sie sind jung, schön und jetzt auch reich –"

Die junge Frau schlug bei diesem Anfange das Auge mit einem so verwunderten Blicke zu ihm auf,