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aus dem Salon, die Treppe hinab und nach dem Ausgange des Bootes, wo eben die letzten Stücke der neuen Ladung vom land herübergeschafft wurden. Er trat bei Seite und sah nach dem Ufer. "Aufpassen, Seifert!" brummte er; "etwas ist hier nicht richtig. Wer ist der Mensch, was will er und was weiss er? Ist es besser, lieber das nächste Boot abzuwarten, als hier in eine Falle zu geraten?" Er sah eine Minute mit zusammengezogenen Augenbrauen in die Weite. "Nichts können sie mir anhaben, g a r nichts, k e i n Zeuge ist da, der mich meines Teils des Negerdiebstahls beschuldigen könnte; mein guter Freund Baker, mein nobler Partner, hat das ganze eigentliche Geschäft allein besorgtim Notfall aber bin ich Mr. Wells von New-York; wer will mich etwa verdammen, weil ich zufällig dem Spieler Seifert, der in Alabama sein Wesen getrieben, ähnlich sehe?"

Er warf noch einen letzten überlegenden blick ans Ufer; dann schritt er, wie mit seinem Entschlusse fertig, mit kurzem Kopfnicken wieder in das Boot. Als er in dem untern Raum den Weg nach dem Bar-Room suchte, empfing ihn schon ausserhalb der Tür desselben der Mann mit dem Lächeln, welches ihm so wenig gefallen wollte; fast schien es, als habe ihn dieser beobachtet.

Als die Beiden in den Bar-Room traten, klang hinter ihnen das Geräusch der aufgezogenen Landungsbrücke; die Dampfpfeife ertönte und das Boot drehte sich vom Ufer nach der Mitte des Stromes. Seifert wandte sich nach dem Fenster und warf einen letzten blick nach dem land. "Der Rubikon ist überschritten; jetzt heisst's Cäsar sein und sich nicht blamiren!" murmelte er zwischen den Zähnen.

"Well, Misterwas trinken Sie?" rief sein neuer Bekannter hinter ihm; "entschuldigen Sie, ich vergesse immer Ihren Namen."

Seifert drehte sich um und trat an den Schenktisch. "Mein Name ist Wells, Henry Wells, aus New-York, Sir, wie ich die Ehre hatte Ihnen schon zweimal zu sagen," erwiderte er, die Augenbrauen in die Höhe ziehend; "bis jetzt war ich jedoch noch nicht so glücklich, den Ihrigen zu kennen."

Wiederum zuckte das frühere Lächeln um den Mund des Andern. "William Murphy, heisse ich, Sir," sagte er dann, "Advokat und in Limestone County, Alabama, wohnhaft."

"Ich nehme etwas Brandy und Zucker, Mr. Murphy, und freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen," erwiderte Seifert und bog, ohne eine Miene zu verändern, den Kopf leicht.

Der Brandy kam, und der beiderseitige "Drink" ward genommen. Seifert fühlte jedoch stets den beobachtenden blick auf sich ruhen, der ihm nicht gestattete, selbst eine Examination seines Gesellschafters anzustellen.

"Wollen wir nicht eine Cigarre anbrennen und uns ins Nebenzimmer setzen? man sitzt dort ungestört," begann der Advokat nach einer Weile, als Seifert, wortlos gerade aussah, als wolle er die natur der verschiedenen Flaschen und Gläser vor ihm studiren.

"Eine Cigarre? Wirklich, das könnte nichts schaden; ich glaube, ich habe bei dem verteufelten Abenteuer seit zwei Tagen nicht geraucht," versetzte dieser und griff in die Cigarrentasche, die ihm entgegengehalten wurde.

"Wir finden Feuerzeug hier," rief der Advokat und schritt nach dem andern Zimmer voran. Seifert folgte, und die zuklappende Tür trennte sie von dem BarRoom.

"Well, Sir, es ist hier ganz angenehm," begann der Erstere. Seifert ein brennendes Zündhölzchen reichend und sich dann bequem in einen der umherstehenden Lehnstühle werfend. "Setzen Sie sich und lassen Sie uns plaudern."

Seifert brachte erst mit aller Sorgfalt seine Cigarre in Brand und liess sich dann langsam nieder. "Ich bin zu Ihrer Disposition und ganz Ohr!" sagte er, allem Anschein nach mit vollem Behagen den Rauch von sich blasend.

"Well, es ist eben nichts Besonderes, was ich sagen wollte," erwiderte der Andere nachlässig, "aber etwas Schwatzen vertreibt die Zeit." Eine sonderbare Sache, dieser Sklavendiebstahl mit allen damit verbundenen Umständen. Sie werden jedenfalls den Haupttäter, diesen Mr. Baker gekannt haben, welcher am andern Morgen, nachdem die Schwarzen verschwunden waren, ermordet gefunden wurde.

Seifert fuhr auf und starrte den Redenden einen Augenblick an. "Ermordet? Also Baker wirklich ermordet?" sagte er, als habe ein plötzlicher Schreck seine stimme gelähmt: "und von wem? Vom Eigentümer der Schwarzen, Mr. Elliot?"

"Sie scheinen also den Täter ganz genau gekannt zu haben, Sir, – vielleicht auch seinen Spielgenossen, der mit den geraubten Schwarzen entfloh und leider von Niemandem weiter als eine Strecke den Fluss hinauf verfolgt wurde; – wie hiess er doch? Es war ein Deutscher, wenn ich nicht irre, – wissen Sie es vielleicht?" fragte der Advokat, ohne sich im Geringsten in seiner Bequemlichkeit stören zu lassen, aber das schwarze Auge scharf auf den vor ihm Sitzenden gerichtet.

Seifert strich sich mit der Hand langsam über das Gesicht. "Es ist entsetzlich, Sir," sagte er dann mit halbgeschlossenen Augen, "ich habe Mr. Baker allerdings gekannt, und zwar in New-York, wo er sich häufig aufhielt. Es ist entsetzlich, so plötzlich eine solche Nachricht zu erhalten.