er war, wenn er nicht sein Memorandum, worin sein Name und seine wohnung steht, bei sich gehabt hätte – und da haben sie mir vor zwei Stunden die Leiche ins Haus gebracht. – Zehntausend Dollars! Der arme Junge! Man hätte soviel dem alten Hirsch niemals zugetraut! Das fällt also nun an seinen zweitnächsten Erben! Und Sie haben das Geld in Ihrem Verwahr, Sir?"
Auf Helmstedt hatte die ihm so plötzlich gewordene Nachricht, welche den ganzen Zweck seiner Reise vernichtete, eine wirkung ausgeübt, welche ihm im ersten Augenblick die Sprache nahm und ihn Meier's letzte Worte ganz überhören liess.
"Das ist heute Morgen geschehen? und der tote ist recognoscirt und in Ihrem haus?" fragte er endlich.
"Vor zwei Stunden wurde die Todtenschau beendigt, und wir Alle in unserer Familie sind noch ohne rechten Verstand. Ich hielt Sie bei Ihrer Ankunft für einen Herrn von der Polizei, der uns irgend einen Aufschluss über das Unglück zu geben beabsichtige. Wenn Sie den Körper sehen wollen – er liegt im Hintergebäude, aber es ist ein schlimmer Anblick."
Helmstedt drückte eine Weile die Hand vor die Augen ohne zu antworten. Endlich erhob er sich langsam. "Bei dieser traurigen Sachlage," sagte er, "habe ich in Ihrem haus freilich nichts weiter zu tun und will Sie nicht länger stören."
"Aber erlauben Sie mir doch," rief Meier und stand rasch von seinem stuhl auf, "was soll denn weiter geschehen? Es muss doch etwas getan werden wegen der Hinterlassenschaft, von welcher hier in dem Papiere steht? Die Sache geht mich vielleicht näher an, als Sie denken!"
"Versteht sich, wird etwas getan werden, Sir!" erwiderte Helmstedt, welchen das Wesen des Pfandleihers unangenehm zu berühren anfing, "und ich will Ihnen gern sagen, was ich zu tun gedenke. Ich werde zuerst nach der Polizei-Office gehen, um mich über den Stand der Dinge in Betreff des Todes meines Mündels zu unterrichten, lässt sich an seinem Ableben nicht mehr zweifeln, so werde ich die gesammte Hinterlassenschaft bei der hiesigen Stadtbehörde deponiren, bis die Erbansprüche irgend einer oder der andern person erwiesen sind."
"Das ist sehr gut – sehr gut!" sagte Meier und rieb sich die hände; "aber Sie erlauben mir wohl – es ist doch in dem Papier hier nichts über den Betrag der Hinterlassenschaft gesagt; jedenfalls wird doch bei dieser Deponirung irgend ein Nachweis über die Richtigkeit der Summe geliefert werden müssen –"
Helmstedt hob den Kopf empor und sah dem Pfandleiher mit einem so stolzen blick ins Auge, dass diesem der Nachsatz im mund erstarb. "Was in der Sache notwendig ist, wird sich zeigen, wenn die Zeit dafür gekommen ist," versetzte der junge Mann; "jetzt aber würden Sie mich verbinden, wenn Sie mir jede Antwort auf irgend eine weitere Frage ersparten." Er schritt nach dem Ausgange des Zimmers und ohne ein weiteres Wort die Treppe hinab.
"Ich wollte nichts sagen, womit ich Sie beleidigen konnte," stotterte Meier, ihm bis zur Parlortür folgend. Helmstedt aber schien nicht zu hören, öffnete die Haustür und verschwand in der Strasse.
Eine kurze Strecke war er rasch und noch im Gefühle der Beleidigung, die er sich angetan glaubte, fortgegangen; bald aber wurde sein Schritt langsamer – er begann zu überlegen, welche Massregeln bei der unerwarteten Wendung der Dinge die geeignetsten für ihn seien. Er wurde durch ein gewaltiges: How do you do, Sir? aus seinen Gedanken gerissen und sah aufsehend den Mann vor sich, welchen er gestern am Hafen vor der Verhaftung geschützt hatte.
"Sie nehmen es doch nicht übel, Sir, dass ich Sie so ohne Weiteres auf der Strasse anrede?" fuhr dieser fort, "Sie machten aber eben ein so trübseliges Gesicht, dass ich fragen musste, ob Ihnen irgend etwas in die Quere gekommen sei."
Helmstedt musste trotz seiner Verstimmteit über den treuherzigen Ton der Erkundigung lächeln.
"Mir selbst ist nichts besonders Schlimmes passirt," erwiderte er, "desto mehr aber einem Andern, der mich angeht. Sie haben vielleicht schon von dem Vorfall heute Morgen, der Leiche des Judenknaben gehört, die aus dem Nort-River gezogen worden ist – das war ein Mündel von mir, wegen dessen ich die weite Reise von Alabama hierher gemacht und den ich nun tot finde."
Charlei hatte bei Erwähnung der Leiche die Augen weit aufgerissen und fuhr sich mit der Hand hinter das Ohr.
"Ihr Mündel, Sir? – und erleidet denn Jemand Schaden durch die geschichte?" fuhr er nach einer kurzen Pause fort.
"Wohl Niemand als der tote selbst, wenn man so sagen kann," erwiderte Helmstedt; "es war ihm vor Kurzem erst ein ganz hübsches Vermögen zugefallen, welches ich heute für ihn anlegen wollte – das geht nun in andere hände."
Charlei begann sich aufs Neue hinter dem Ohr zu kratzen.
"Ja – aber," sagte er, als könne er mit einem Gedanken nicht fertig werden, "das ist ja eine ganze Teufelsgeschichte! Sagen Sie, Mister, – ich habe Ihren Namen wieder vergessen – wollen wir nicht einmal an die Ecke hier gehen und ein Glas Bier trinken?"
Helmstedt glaubte jetzt den Grund von Charlei's grosser Teilnahme erraten zu haben, und nickte lächelnd, um ihn so auf die kürzeste Art loszuwerden.