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einem früheren Aufentalt in NewYork verfolgten ihn und bemächtigten sich bald unabweislich seiner Seele. – Scene auf Scene zog an ihm vorüber, bis seine Gedanken endlich an einem Bilde hängen blieben, dem seiner Freundin Pauline Peters, die bei ihrem ersten Begegnen mit ihm hier in dem fremden land sich an ihn geschmiegt hatte wie der Epheu an seine Stütze und die er, ihr reines Gemüt missverstehend, kalt und stolz von sich gewiesen. Jetzt war es ihm, als könne er sich ganz versenken in diese Augen mit dem innigen Ausdruck, wie sie ihn damals angesehen. Sie hatte bald darauf den alten Pflanzer geheiratet und war nun Mrs. Mortonkalt und unzugänglich und sich nur der traurigen Pflicht, der Pflege ihres Mannes widmend; was hinter dieser Aussenseite lag, ob eine Resignation, die mit sich und der Welt fertig ist, oder ein niedergehaltenes rebellisches Herz, war nicht zu erraten. Er hatte auch geheiratet und war nicht glücklich geworden; noch niemals aber hatte er so sehr das Verfehlte seiner Wahl gefühlt als in den jüngst vergangenen Tagen, in welchen er die Vorbereitungen zu seiner Reise nach New-York gemacht. Er hatte seiner Frau die notwendigkeit derselben freundlich vorgestellt und sie gebeten, die kurze Zeit seiner Abwesenheit in Mortons haus zuzubringen, des Anstandes und seiner Beruhigung wegen; sie aber hatte ihn mit aufglänzendem Auge angesehen und gefragt, warum sie in ein fremdes Haus und nicht zu ihren Eltern gehen solle, die sie mit tausend Freuden ausnehmen würden? Er hatte ihr, wenn auch innerlich erregt durch ihre Antwort, die manche seiner leisen Befürchtungen bestätigte, doch äusserlich ruhig auseinandergesetzt, dass, so lange der Widerwille ihres Vaters gegen ihn und seine Verbindung mit ihr bestehe, der Aufentalt bei ihren Eltern sich von selbst verbiete, wenn sie ihren Mann nicht blossstellen wolle; dass nicht allein ihre Liebe zu ihm, sondern auch ihr Takt sie von einem Wunsche wie der geäusserte hätte zurückhalten sollen. Da war sie in ein schluchzendes Weinen ausgebrochen und hatte gefragt, ob sie denn, wenn der Sinn ihres Vaters sich nicht ändere, zeitlebens fern von diesem und unglücklich sein solle? Helmstedt hatte bei dem Ausbruch gefühlt wie der Ritter in dem Märchen von der "Schwanenjungfrau", der sich ein Weib aus dem Feenlande gewonnen, das ihn wohl hätte lieben können, wenn nicht die sehnsucht nach ihrer schöneren Heimat sie verzehrt hätte, – und eine drückende Ahnung, dass ein solches verhältnis für die Dauer nicht bestehen könne, hatte sich seiner bemächtigt. Die Worte des alten Pedlars, welche dieser noch kurz vor seinem tod warnend zu ihm gesprochen: "Ich habe noch niemals rechten Segen aus einer Heirat zwischen Leuten entstehen sehen, die mit einer verschiedenen Art zu fühlen geboren, und mit so verschiedenen Gewohnheiten erzogen werden, wie Deutsche und Amerikaner!" waren plötzlich vor seine Seele getreten, und ein starker Entschluss, allen Verhältnissen zum Trotz wenigstens seine äussere Ehre zu wahren, hatte sich in ihm gebildet. Was dann später kommen mochte überliess er dem Schicksal. Er hatte seiner Frau gesagt: entweder liebe sie ihn wie ein rechtes Weib ihren Mann lieben solle, das, wenn sie sich ihm einmal zu eigen gegeben, auch fest zu ihm stehe und wäre die ganze Welt gegen ihn, das kein anderes Interesse habe als ihr gemeinschaftlichesund dann werde sie gern seinem Wunsche Folge leisten und sich einstweilen unter Mortons Obhut begeben, – oder ihre Liebe zu ihm sei nur eine Selbsttäuschung gewesen, und dann würden sie weiter mit einander reden, wenn er von New-York zurückkäme; bis dahin verlange es aber seine eigene Selbstachtung, dass sie von einer ihm befreundeten Hand beschützt werde, zu welchem Zwecke Mortons Haus vorläufig der geeignetste Aufentalt für sie sei. Da war sie aufgesprungen und hatte ihn mit blitzenden Augen, denen man keine Spur von Tränen mehr angesehen, gefragt, ob er sie zwingen wolle, zu tun was ihr lästig sei, oder sich an einem Orte aufzuhalten, den sie nicht liebe? Und Helmstedt, der in diesem Augenblick mehr als je die breite Kluft erkannte, die zwischen ihnen lag, hatte kalt erwidert, sie möge tun, was sie für gut halte; mit dem morgenden Tage aber werde er ihr beiderseitiges lebendiges Eigentum an Morton zum Verwahr übergeben und das Haus schliessen. Wolle sie dann dem ganzen County Stoff zu einem Scandal liefern und dem mann, den sie sich erst vor wenig Monaten allen ihren Freunden zum Trotz erkoren, davon laufen, so möge sie es tun, er werde auch das im Gefühle seines Rechttuns zu ertragen wissen. – Da hatte sie von Neuem zu weinen begonnen, war an ihm vorüber zur stube hinaus gegangen und hatte sich in ihr Schlafzimmer eingeschlossen. Sie hatte den ganzen Tag über Niemanden zu sich gelassen als ihr schwarzes Dienstmädchen, und jede Hoffnung Helmstedts, ihr noch einmal zu Herzen reden zu können, war fehlgeschlagen, selbst als er Abends das gemeinschaftliche Bett gesucht. Sie hatte sich dicht in eine besondere Decke gehüllt und keine Notiz von ihm genommen. Am Morgen, als Alles zur Uebersiedelung nach Mortons Farm fertig war, hatte er ihr durch ihr Mädchen Nachricht davon geben lassen, und sie hatte, ohne e i n Wort zu Helmstedt zu reden, den Wagen bestiegen, nur an die Schwarze den Auftrag zurücklassend, ihre bereits gepackte Garderobe nachzubringen; sie hatte auch kein Wort während der ganzen Fahrt nach Mortons Haus geäussert, obgleich Helmstedt mehrere Male versucht hatte, ihr freundlich zuzusprechen.

Das Alles ging an