1859_Rupius_161_31.txt

Charlei, sich verwundert umsehend.

"Wegen öffentlicher Schlägerei!"

"Darf sich ein Mensch nicht seiner Haut wehren, oder ein angegriffenes Mädchen in Schutz nehmen?"

"Das wird sich finden, Sie haben jetzt mit mir zu kommen!"

Charlei warf einen blick unter die Menschen, die ihn umstanden hatten, als wollte er sich nach einem Freund in der Not oder einem Zeugen für seine Sache umsehen; aber mit dem Auftreten der Polizeibeamten hatte sich die Zuschauermenge wunderbar gelichtet und sein Auge traf auf nichts als Leute, welche sich zu entfernen bestrebten.

"Haben Sie denn gesehen, was hier vorgegangen ist?" fragte er endlich, beide abwechselnd ansehend.

"Genug, um Sie zu verhaften," erwiderte der Eine, "und Sie tun gut, keine grossen Umstände zu machen."

Da trat der kurz zuvor mit dem "Souterner" angekommene Passagier heran.

"Der Mann war meines Erachtens nicht im Unrechte, Gentlemen," sagte er, "und wenn es ihm dienen kann, will ich gern für ihn zeugen; ich habe der ganzen Affaire beigewohnt."

"Haben Sie ein Interesse an dem Arrestanten?" fragte der Beamte, ihn scharf fixirend.

"So viel als Jemand haben kann, der eben aus dem Süden kommt," erwiderte er, auf den noch rauchenden Dampfer deutend, "und einen Menschen arretiren sieht, weil er sich eines schutzlosen Mädchens angenommen hat."

Der Beamte mass den Sprecher von Kopf bis Fuss.

"Würden Sie Bürgschaft für den Mann stellen?"

"Bürgschaft? Ich sehe ihn ja zum ersten Male und biete nur mein zeugnis über den Hergang des jetzigen Vorfalles an. Er hat nichts Anderes getan als was ich oder Sie selbst als Gentlemen tun würden, wenn Sie ein Mädchen Ihrer Bekanntschaft bedrängt sähen!"

"Lass ihn laufen!" sagte der zweite Polizeibeamte, sich wegdrehend; "ich glaube kaum, dass etwas bei der Sache herauskommt!"

Der Erstere sah den Arrestanten und seinen Verteidiger prüfend an.

"Nehmen Sie sich in Acht," sagte er zu dem Riesen, "dass ich Sie nicht nochmals bei einem ähnlichen Strassenspectakel findees könnte schlimmer auslaufen als heute."

Damit folgte er langsam seinem bereits davongeschrittenen Collegen, und auch der neuangekommene Passagier wollte seinen Weg fortsetzen, als er sich am Arm gefasst fühlte.

"Sie werden mich doch ein 'Danke schön' zu Ihnen sagen lassen, ehe Sie gehen?" sagte der erlöste Arrestant, "Sie haben besser an mir gehandelt als alle die verdammten Kerle, wie sie dahin laufen, die mich, ohne ein Wort zu sagen, hätten einstecken lassen, obgleich sie wussten, dass ich nichts Unrechtes getan."

"Nichts zu danken, Sir," erwiderte der Fremde, "ich tat nur, was ich für eine einfache Pflicht gegen Jeden gehalten hätte."

"Alles eins, Sir, und ich wollte Ihnen nur sagen, dass, wenn Sie einmal irgend einer Hilfe bedürfen, wozu ein paar feste arme erforderlich sind, Sie nur ein Wort für den Dutch Charlei bei dem alten Omsby in Jamesstreet zu hinterlassen brauchen. Und nun sagen Sie mir auch wenigstens Ihren Namen, damit ich Bescheid weiss."

"Ich heisse Helmstedt," sagte der Fremde lächelnd, "und wenn ich auch noch keine Aussicht habe, von Ihrem Anerbieten Gebrauch machen zu können, so nehme ich es doch dankbar an; ich habe noch selten ein paar arme von einer solchen Kraft gesehen, wie Sie eben gezeigt."

"O, das war doch eigentlich nur Spass," erwiderte Charlei geringschätzend; "die drei Halunken sind gute Bekannte von mir, und ich wollte ihnen nicht zu wehe tunich kam nicht einen Augenblick in Hitze. Wenn ich böse gemacht werde, nehme ich sechs von diesem Kaliber auf mich."

"Well, Sir, dann ist es freilich besser Freundschaft mit Ihnen zu halten," erwiderte Helmstedt lachend; "good bye, ich muss eilen, dass ich in die Stadt hinauf komme."

Er fühlte einen Händedruck von dem Riesen, dass er hätte aufschreien mögen, und bog dann in die nächste Strasse hinein.

Neun Monate waren erst verflossen, seit Helmstedt New-York verlassen hatte, um mit der ganzen Unternehmungslust der frischen Jugend sein Glück im Süden zu versuchen, und doch war es ihm, wenn er an jene Zeit zurückdachte, als wäre er neun J a h r e älter geworden. In seinem Fühlen und seiner Weltanschauung war durch Alles, was er geistig und körperlich durchlebt hatte, eine Veränderung mit ihm vorgegangen, deren er erst jetzt recht inne wurde. Er hatte fast unwillkürlich den Weg nach dem Boardinghause in der Williamstreet eingeschlagen, in welchem er, so lange er in New-York lebte, gewohnt hatte. Als ihm aber hier neben manchen andern Veränderungen auch ein neues Schild mit fremdem Namen entgegenblinkte, blieb er stehen und drehte sich langsam wieder umes war ihm, als sei jetzt jede Verbindung seines früheren Lebens in New-York mit seinem gegenwärtigen Aufentalte abgebrochen. Er dachte einen Augenblick nach, und als er eine leere Mietkutsche die Strasse herauskommen sah, liess er sich nach einem der Broadway-Hotels fahren.

Als ihm dort ein anständiges Zimmer angewiesen worden war, warf er sich auf das Sopha, um die nächsten Schritte zu überlegen, die ihn zu einem schnellen Abschluss seiner Geschäfte führen könnten; aber die Erinnerungen aus