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was ich heute bei mir trage. Oder," lachte er nach einer kurzen Pause, als er in die Gesichter vor sich sah, von denen jedes die Note und auch die Bewegungen der beiden Andern zu bewachen schien, "ich werde den Schatzmeister machen, bis wir hinauf kommen und wechseln können." "Verdammt klug getan," brummte Ben aufstehend und drehte sich auf dem Absatze nach der Tür. Bill zündete das Talglicht an und verlöschte das Gasund vorsichtig trat die Gesellschaft wieder den Weg nach der Oberwelt an.

IV.

Es war am nächsten Tage Nachmittags, als das Dampfschiff "Souterner" von Charleston kommend, im Hafen von New-York einlief und sich neben einen der kleinen Küstendampfer legte, welcher eben für seine Abfahrt zu heizen begonnen hatte. Die Menge der Passagiere hatte bereits das gewaltige Schiff verlassen, als noch ein junger Mann mit seinem Reisesacke langsam über das Verbindungsbret nach dem Ufer schritt; er sah um sich, wie man bekannte Gegenden, die man von Neuem betritt, mustert, und wies den Haufen von Mietkutschen und Handkärrnern, die sich mit Dienstanerbietungen um ihn drängten, mit einer Sicherheit zurück, die deutlich genug bewies, dass er kein Neuling auf New-Yorker Boden war. Eben machte er sich fertig, seinen Weg durch eine der hier ausmündenden Strassen weiter zu verfolgen, als ein Auflauf von Menschen an der Landungsbrücke des kleineren Dampfers seine Aufmerksamkeit erregte. Er schritt näher hinzu und sah eine junge, weibliche Gestalt mit einer Reisetasche an der Hand in dem Kreise der neugierig zusammengelaufenen Menschen, vor welcher ein Mann in schäbigen Kleidern perorirend stand.

"Ladies und Gentlemen," wandte sich dieser soeben an die Zuschauer, "Sie sehen hier ein Muster von ehelicher Treue vor sich, das mir mit diesem Steamer auf und davon gehen wollte, dem ich aber noch zur rechten Zeit den Weg vertreten habe. Schämst du dich nicht, Mary, vor den Menschen, und willst du mir nicht gutwillig nach haus folgen?"

"Er lügt, er lügt!" rief das junge Weib zornig, "ich habe mit ihm nicht mehr zu tun gehabt als mit jedem Andern; er ist ein Lump und ein Spitzbube, der mich nicht aus seinen Krallen lassen will."

"Schimpfe, Mary, wenn du nicht anders kannst," sagte der Mann mit der Miene gekränkter Unschuld – "Sie wissen, Gentlemen, wer schimpft hat immer Unrecht! Aber sage, Mary, sind wir nicht seit länger als einem monat Mann und Frau, wohnen in einem Zimmer und teilen dasselbe Bett? Hier, Gentlemen," fuhr er fort, auf zwei Männer desselben Schlags wie er, hinter sich deutend, "hier sind Zeugen, die meine Aussagen bestätigen können. Komm', Mary, und tue was recht ist; fort darst du doch nicht, und wenn ich die Polizei zu Hilfe nehmen sollte."

"Er lügt, ich war nie seine Frau!" rief das Weib, in einen Strom von Tränen ausbrechend.

"Ja, er lügt!" wurde plötzlich eine gewaltige stimme laut und ein Mann, der alle Andern überragte, warf die umstehenden Menschen bei Seite und stellte sich neben die Angegriffene. "Bist du da, Ben? So! Und du hast dir meine Warnung, das Mädchen nicht weiter zu verfolgen, nicht zu Herzen genommen? Komm heran, wenn dir der Dutch Charlei nicht zu viel ist! Das Mädchen ist weder deine Frau, noch wirst du sie hindern, jetzt aufs Land zu gehen; sie ist meine Landsmännin, die ich kenne und die jetzt unter meinem Schütze steht! Komm mit mir, Mary!"

Der Andere gab seinen beiden Kameraden einen Wink zu folgen, und fasste das junge Weib in dem Augenblicke am arme, als sie sich mit ihrem Beschützer nach dem Dampfboote wandte. "Sie bleibt, und ich will doch sehen, ob ein Ehemann sein Recht nicht durchsehen kann!"

Charlei sah dem Menschen, wie ganz verdutzt über dessen Keckheit, einen Augenblick ins Gesicht; im nächsten hatten diesen aber auch schon die gewaltigen hände des Riesen gepackt, in die Höhe gehoben und so auf seine zwei nachfolgenden Kameraden geworfen, dass alle drei wie umgeworfene Kegel im Sande lagen.

Ein brüllendes Gelächter der Umstehenden lohnte die Kraftprobemitten hindurch klang die Pfeife des Dampfboots.

"Vorwärts, Mary, das Schiff geht ab!" rief Charlei dem Mädchen zu, "ich halte dir die Burschen vom leib!" und bereitwillig öffnete sich der Menschenkreis, um die Verfolgte durchzulassen.

Schnell genug hatten sich die Niedergeworfenen aus ihrer augenblicklichen Betäubung erholt und stürzten jetzt, wie Bullenbeisser auf den Bären, auf den Sieger los. Den ersten traf ein Faustschlag, dass er wieder zurück auf den Boden flog, der Zweite aber hatte mit raschem Griffe die Kehle des Goliats gepackt, während der Dritte ihn unterlaufen und zum Niederwerfen um den Leib gefasst hatte.

In diesem Augenblicke bahnten sich zwei Männer in blauen Röcken den Weg durch die Menge – "die Polizei!" flog es durch den Kreis der Zuschauer und schlug wie mit magischer Gewalt in die Ohren der Kämpfenden; jede Hand löste sich und die drei Angreifer waren unter den übrigen Menschen verschwunden, eben als die beiden Beamten den wirklichen Kampfplatz betraten. Der grosse Dutch Charlei allein stand da und fühlte auch sofort die Hand der Obrigkeit auf seiner Schulter.

"Sie sind arretirt!"

"Weshalb?" fragte