1859_Rupius_161_27.txt

sich sein Gegner um und schritt zur Tür nach der Strasse hinaus.

Eine Minute stand er vor dem haus und sah wie überlegend die Strasse hinab und hinauf. Kein Mensch liess sich blicken, wie überhaupt selten Jemand, der etwas zu verlieren hat, so spät diese verrufene Gegend betritt. Nur aus den einzelnen Trinklocalen drang wüster Lärm. Ben schritt langsam die Strasse nach der Stadt hinauf. Als er um die nächste Ecke bog, hörte er den Tritt eines sich nähernden Manneser stand still und beobachtete, und bald sah er die nächste Gaslaterne eine stattliche Figur und einen seinen Anzug bescheinen.

"Wollen Sie mir wohl gefälligst sagen, welche Zeit es ist?" fragte er, dem Herankommenden entgegengehend.

Dieser warf einen musternden blick auf den Frager. "Mit Vergnügen," sagte er dann; "lassen Sie uns nur hier an die Laterne treten." Kaum aber war Ben der Aufforderung gefolgt, als ihm auch die sechs Mündungen eines Revolvers ins Gesicht starrten, welchen der Fremde statt der Uhr hervorgezogen hatte.

"Teufel!" rief Jener, überrascht zurückspringend; "ich sehe, dass Sie um die Zeit Bescheid wissen. Ich danke schön für die Auskunft!"

"Einen Augenblick noch!" rief der Fremde, als sich der betrogene Spitzbube in die nächste Seitenstrasse schlagen wollte, und senkte seine Waffe; "ist das nicht der Ben?"

Dieser blieb stehen und warf einen misstrauischen blick zurück.

"Der immer Nr. 4 Howardstreet sein Absteigequartier hatte?" setzte der Fremde hinzu.

Der Andere kam vorsichtig heran. "Beim Donner!" rief er plötzlich, "das ist der Graf! Wo in Teufels Namen kommen Sie denn her, um Ihren Bekannten solche Streiche zu spielen?" Er hielt seine Hand hin, die Jener ohne Bedenken ergriff.

"Und wie kommen S i e denn zu den Geschäften, bei denen ich Sie treffen muss, Ben?" sagte der Angeredete. "So weit herunter gekommen seit den paar Monaten, in denen ich von New-York weg war?"

"Nur nicht den Mund so voll genommen, Verehrter," war die Antwort; "ich erinnere mich der Zeit noch sehr wohl, wo andere Leute gleichfalls so herunter waren, dass sie gern ein Strassengeschäft, wie ich soeben, gemacht hätten, wenn's nicht vielleicht am Besten, an der Courage, gefehlt hätte!"

"Ich danke für diese Art Courage, Beu!"

"All right, Sir! Wie darf man denn aber den Herrn jetzt nennen, ohne anzustossen?"

"Ich heisse Henry Wells, wenn Ihr nichts dagegen habt!"

"Also amerikanisirtguter Gedanke das! Und darf man fragen, was den Mr. Wells in diese so wenig fashionable Gegend führt?"

"fragen darf JederIhr sollt aber auch eine Antwort haben, Ben; ich habe ein Geschäft mit Bill West abzumachen."

"Beim Donner, das sind S i e also!" rief der Andere und schlug mit der Faust in die linke Hand, "und ich hätte die ganze geschichte beinahe über meinem Aerger vergessen. Wir gehen mit einander, Squire," fuhr er fort und fasste Seiferts Arm; "Bill hatte mich bestellt, um Ihrer Conferenz mit ihm beizuwohnenwissen Sie, wir arbeiten seit einiger Zeit bei grösseren Geschäften im Partnership."

"Auch ein guter Gedanke das!" lachte Seifert und schritt an Bens arme die Strasse hinab, dem Tanzhause zu. "Sagt einmal," begann er nach einer Weile wieder, "existirt der T o d t e n g r ä b e r wohl noch? Ich war neun Monate von New-York weg, und muss meine Personal-Kenntniss erst neu ergänzen."

"Alles noch frisch auf den Beinen; ich habe ihn vor kaum zehn Minuten mitten unter einem Haufen von Mädchen verlassener hat an den Medicin-Studenten, denen er Leichen für ihre Studien liefert, seine regelmässigen Kunden und lässt gern etwas darauf gehen."

"Das klappt, wie es nur gewünscht werden kann," brummte Seifert; "steckt ihm ein Wort, dass ich ihn brauche, Ben!"

Sie hatten das Tanzhaus erreicht und schritten in das Trinkzimmer. Ben verschwand im Tanzsaal und kam bald mit zwei andern Männern zurück, die, ohne ein Wort zu sagen, dem Neuangekommenen die Hand schüttelten. Einer von ihnen nahm aus einem an der Wand hängenden Blechkästchen einige Streichzündhölzer und verliess dann durch eine nach dem hof führende Seitentür das Zimmer. Die vier Männer schienen sämmtlich genau mit der Localität bekannt zu sein, denn ohne Anstoss und Zögern gelangten sie durch die Dunkelheit nach einer Falltür am Ende des Hauses, welche der Vorderste öffnete und, als der letzte Mann darunter verschwunden war, wieder schloss. Dann entzündete er eins der Streichhölzer an seinem Aermel, nahm aus einer Vertiefung in der Mauer ein Stück Licht und brannte es an. Ein Raum, mit gespaltenem Holze und alten Gerätschaften gefüllt, zeigte sich, der indessen schnell durchschritten ward. Eine Tür an dessen Ende, anscheinend ohne Schloss, wurde von dem Voranschreitenden durch einen Druck geöffnet, und ein geräumiges Zimmer mit Tischen, Stühlen, lederüberzogenen Sophas und Gasvorrichtung ausgestattet, tat sich auf. Bald brannte ein helles Gaslicht und der Führer schloss vorsichtig die Tür.

"Wird hier noch viel gespielt?" fragte Seifert, sich an einem der Tische