ganze Nacht nicht wiedersehen," sagte er dann, "kommt uns aber bis morgen Mittag dieser Mr. Helmstedt nicht in den Weg, so denke ich, bis dahin die Hauptsache geordnet zu haben."
Murphy war ans Fenster getreten. "Und wann kann ich darauf rechnen, Sie wieder zu sehen?" fragte er, ohne sich umzudrehen.
"Jedenfalls morgen um diese Zeit, wenn nicht früher," erwiderte Seifert und nahm seinen Hut. "Aber noch Eins, Sir, wenn Sie mir die Ehre gönnen wollen, Ihr Gesicht zu sehen."
Murphy wandte sich langsam um.
"Ich bin," fuhr er Erstere fort, "unter allen Umständen, mag passiren was da wolle, Henry Wells, Geschäftsmann von New-York, den Sie schon längere Jahre von seinen Reisen im Süden her kennen. Es können Fälle eintreten, wo an einer einzigen Unvorsichtigkeit in dieser Beziehung der ganze Erfolg meiner Arbeit scheitern kann."
Murphy nickte, und Seifert verliess das Zimmer. – – In einer der Querstrassen nahe dem Hafen, deren Bewohnerschaft fast nur von dem Gelde der ankommenden Schiffsmannschaft lebt und in den zahlreichen Trinklocalen, Tanzhäusern und Kaufläden aller Gattungen jedes Mittel aufgeboten hat, um auch den letzten Penny aus den Taschen der Matrosen zu lokken, stand ein einstöckiges Haus, das sich indessen durch eine Breite von wohl sechzig Fuss, einen reinlichen, gelbbraunen Anstrich und durch eine bunte Gaslaterne über der Tür vor den übrigen, grösstenteils schmalen und unsaubern Localen auszeichnete. Ein gang führte von dem Haupt-Eingange nach einem grossen, geräumigen Tanzsaale im hintern Teile des Hauses, während sich im vordern Teile auf einer Seite des Ganges ein Trinklocal und auf der andern ein Billardzimmer befand.
Es war zehn Uhr, und aus dem Tanzsaale klangen die Töne einer Polka, oft von dem Stampfen und Aufjauchzen der Tänzer übertönt, während in dem vorderen Trinkzimmer nur ein schläfriger Barkeeper hinter dem Schenktische lehnte. Bald aber öffnete sich die Verbindungstür und zwei Männer, in heftigem Wortwechsel begriffen, traten aus dem Saal herein. Der eine war eine Gestalt von weit über sechs Fuss Höhe, mit einem Nacken und einem Schulternpaare, welche die natur kaum für etwas Anderes als einen Lastträger geschaffen zu haben schien, während das frische, gutmütige Gesicht darüber jede sorge über eine Begegnung mit dem Goliat sogleich niederschlug. Der andere war mehr von geschmeidigem, nervigem Bau, aber seine Züge trugen denselben Ausdruck von Wüsteit und Verlebteit, welchen man so oft unter den Besuchern dieser Tanzhäuser trifft.
"Hier – so!" rief der Erstere, während er die Tür nach dem saal schloss; "jetzt lass mit dir reden, Ben, und bringe mich nicht in Hitze – du weisst, was dann passirt! Die Mary steht heute Abend unter meinem Schutze, und wer sie anrührt, hat ganze Knochen g e h a b t ! Wir sind in einem freien land, und wenn sie dich nicht mehr mag, so musst du's zufrieden sein."
"Ich habe mit ihr als Mann und Frau gelebt; das gilt in New-York so viel als verheiratet, und weder du, noch irgend Jemand soll mir mein Recht streitig machen!" rief der Zweite auf den Tisch schlagend.
"Das Mädchen geht mit mir, und das ist Alles." Er drehte sich nach der Saaltür um, aber die Hand des Riesen, wohl um die Hälfte grösser als gewöhnliche Menschenhände, legte sich wie Eisen auf seine Schulter.
"Mach mich nicht böse, Ben; du kennst den Dutch Charlei!" sagte dieser, und auf seiner Stirn begann sich eine gewaltige Ader zu zeigend "Die Mary will ordentlich werden, will morgen aufs Land und ist nur noch einmal hierher gekommen, um mich hier zu finden. Sie ist meine Landsmännin, sie steht jetzt unter meinem Schutze, und weiter habe ich nichts mit ihr zu tun. Wer sie aber heute anrührt, du oder wer es sein mag, der hat es mit mir zu tun!"
"Lass mich los!" schrie der Andere, und hatte sich mit einer plötzlichen Wendung dem Griffe seines Gegners entwunden; "komm heran!" rief er und sprang zurück, beide Fäuste in Boxerstellung vor sich streckend. In diesem Augenblicke öffnete sich aber die Saaltür, und zwei andere Männer traten hastig ein.
"dachte' ich doch so 'was!" rief der eine und sprang zwischen die beiden Gegner. "Bist du toll, Ben, den Charlei wild zu machen? und weisst doch, dass das geschöpf, wenn es hitzig wird, Alles blind zu Brei schlägt, was vor ihm ist, und wäre sein leiblicher Vater darunter! Lasst jetzt den Streit, 's ist noch zu früh, und wenn Ihr euch durchaus hauen m ü ss t , so tut's später!"
Dutch Charlei, den einen Fuss kräftig vorgesetzt, stand mit drohend zusammengezogenen Augenbrauen da, und über seine Stirn schlängelte sich die Ader wie ein blauer Strick. Der Andere sah ihm mit einem bösen Blicke ins Gesicht und liess dann die geschlossenen Fäuste sinken. "Ich will jetzt keine Unruhe stiften," sagte er nach einer Pause, "aber ich werde mir mein Recht verschaffen, wenn es Zeit ist."
"Tue was du willst," erwiderte der Goliat, "nur wahre dich, dass ich nicht dabei bin."
"Die Zeit wird Alles lehren!" Damit drehte