stand eine von den Gestalten, wie man sie in New-York besonders in der Nähe von Trinklocalen so häufig trifft, ein Mensch in modernen Kleidern, von denen indessen jeder teil, vom zerdrückten hut bis zu den ungeputzten Stiefeln, eben aus den Trödelbuden gekommen zu sein schien. Er hatte die hände müssig in den Hosentaschen stecken und musterte mit halbschläfrigem Blicke die vorbeipassirenden Menschen und Fuhrwerke. Der Fremde hatte ihn kaum bemerkt, als er seine Schritte auf ihn zulenkte. "Ich muss Euch heute Abend sehen, Bill, am gewöhnlichen Orte," sagte er, ohne länger als nur einen Augenblick bei ihm anzuhalten, "es gibt Etwas, seid pünktlich da!"
"All right!" erwiderte der Angeredete, ohne seine Stellung zu verändern, und der Fremde setzte in rascheren Schritten seinen Weg fort, bis er das Astorhaus erreicht hatte und hier nach einem der Zimmer in den obern Stocks hinaufschritt. Dort lag, eine Cigarre rauchend, ein junger Mann auf dem Sopha, der sich indessen aufrichtete, als er den Eintretenden erkannte.
Der Angekommene legte seinen Hut ab und trat dann, mit einem halbsarkastischen Lächeln in das erwartungsvolle Gesicht des Andern sehend, vor diesen.
"Well, Sir," begann er mit vorsichtig gemässigter stimme, "der Erbe wäre aufgefunden, und ich verbürge mich, sein Verschwinden zu veranstalten, ohne dass nur Jemand etwas Unrechtes dabei vermuten soll. Jetzt fragt es sich vor allen Dingen, wie weit Sie mit Ihrer Arbeit sind."
"Seifert," sagte der Dasitzende, mit einem lachen der Befriedigung aufspringend und seine hände auf die Schultern des Andern legend, "bei Gott, ich erkläre Sie für den abgefeimtesten Spitzbuben, den ich jemals gesehen!"
"Danke schön!" erwiderte dieser kalt; "Sie aber scheinen mir ein Kind zu sein, Mr. Murphy, das so subtile Speculationen wie die unsern gar nicht unternehmen sollte. Ich heisse Wells, Sir – Henry Wells, mögen wir allein oder in Gesellschaft sein. Den Seifert habe ich in den Mississippi versenkt, als ich dort das Dampfboot bestieg."
"Gut, gut! ich verspreche Ihnen, es soll keine Namenverwechslung mehr vorkommen," erwiderte Murphy. "Jetzt setzen Sie sich hierher. Ich gestehe Ihnen offen, dass ich schon fürchtete, wir würden nicht Zeit genug gewinnen, um unsere Nachforschungen und weiteren Massregeln ausführen zu können. Hier," sagte er und zog aus der Brusttasche seines Rockes einen Brief, "lesen Sie und sagen Sie mir dann Ihre Meinung."
Seifert entfaltete ihn langsam, überflog erst Datum und Unterschrift und begann dann bedächtig zu lesen:
"Big Spring. Alab., April 13. 1850.
Lieber William!
So gut ich auch glaube Deinen Auftrag, der so
ganz mit meiner Neigung übereinstimmte, ausge
führt zu haben, so scheint doch der Deutsche einen
Strich durch Deine Rechnung machen zu wollen,
und ich eile, dir das Nötige zu melden. Als ich zu
erst die junge, reizende Frau sah, welcher ich nach
Deinem Plane meine Aufmerksamkeit widmen soll
te, konnte ich ganz den Unwillen ihrer Eltern,
sowie der Nachbarschaft begreifen, dass es einem
solchen hergelaufenen deutschen Schlingel hatte
gelingen können, diese Perle für sich wegzufischen.
Ich wurde bei einer zufälligen gelegenheit ihrem
Vater vorgestellt, der ziemliches Gefallen an mir zu
finden schien, und bald merkte ich, als ich, wie un
kundig der bestehenden Verhältnisse, seiner Toch
ter erwähnte, dass es vielleicht ein noch stärkeres
Mittel geben könne, um den Deutschen von seiner
Reise nach New-York abzuhalten, als die Eifer
sucht – das war die Liebe, mit welcher der alte
Mann an seinem kind hing und die in jeder seiner
Aeusserungen eben so unwillkürlich hervorbrach,
wie sein Missfallen an ihrer Verbindung mit dem
Deutschen. Schon bei meinem nächsten Besuche,
welchen ich der jungen Frau machte, während ihr
Mann seinem Musikunterricht ausser dem haus
nachging, sah ich, dass jedes Wort, das ich von
ihrem Vater sprach, tiefere wirkung hatte, als ich
selbst gehofft – sah, dass sie sich in der Stellung, in
die sie sich durch ihre schnelle Heirat gebracht,
nicht heimisch fand, und bestrebte mich von dieser
Zeit an, ein verbindendes Glied zwischen ihr und
ihrem elterlichen haus zu sein. Ich brachte es
wirklich dabei fertig, ihren Mann, selbst wenn er
bei meinen Besuchen anwesend war, vollständig zu
ignoriren und ihn, wie mir sein ganzes Benehmen
bewies, mit grösserer sorge um den Frieden seiner
Häuslichkeit und den ungestörten Besitz seiner
Frau zu erfüllen, als es mit meinen blossen Auf
merksamkeiten für die letztere, und wären diese
noch so auffallend gewesen, möglich geworden
wäre. Ich hielt es schon für ganz gewiss, dass Du
wenigstens für die nächsten Wochen ruhig dort ar
beiten könntest, ohne seine Abreise von hier fürch
ten zu müssen, als er plötzlich mit einer Entschlos
senheit einen Streich ausführte, die ich ihm nicht
zugetraut, einen Streich, der mich vollständig aus
dem Sattel geworfen hat. Du kennst den alten Mr.
Morton, welcher die junge deutsche Frau hat, –
nach dessen Farm hat gestern unser Mann Alles,
was in seinem haus lebt und Beine hat, übergesie
delt. Ich begegnete ihm, als er sein junges Frauchen
hinfuhr, auf der Landstrasse. Er sah finster geradaus
und tat, als ob er mich nicht bemerkte; s i e hatte
rotgeweinte Augen und erwiderte meinen Gruss
nur halb. Wenige Minuten