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die Gittertür auf, die er, kaum dass er herausgetreten, rasch wieder ins Schloss warf.

Der Parlor im oberen Stock, wohin Abraham seinen aufgedrungenen Gast führte, präsentirte sich so nobel als der Pfandleiher selbst. Ein Carpet von schreienden Farben bedeckte den Boden, und den mit Pferdehaar-Zeug überzogenen Möbeln, wie dem prahlenden Goldrahmenspiegel sah man es an, dass sie den Trödlerladen kennen gelernt hatten. Zwei grosse Oelgemälde hingen an der Wand, an denen die Rahmen indessen jedenfalls den wertvollsten teil bildeten, und zwei ordinäre Blumen-Vasen nebst einer gelblakkirten Parlor-Lampe schmückten den Kaminsims.

Der Fremde schritt ungenirt dem Schaukelstuhle zu, auf welchen er sich bequem niederliess. "Holen Sie sich einen Stuhl, Abraham," sagte er, "und lassen Sie vor allen Dingen Ihre ängstliche Miene fahren; ich beisse Sie wahrhaftig nicht und will auch kein Geld von Ihnen."

Meier liess sich, die Augen gross auf den Eindringling geheftet, ihm gegenüber nieder.

"Ich komme soeben aus Alabama," begann dieser leicht, "und habe da einen Verwandten von Ihnen, einen alten Pedlar, getroffen."

"Ahden Isaak Hirsch, vermute ich," sagte der Pfandleiher und sein Gesicht begann an ängstlicher Spannung zu verlieren. "Ist der alte Mann wohl, und hat er Ihnen vielleicht irgend einen Auftrag für mich gegeben?"

"Als ich ihn sah, war er wohl," erwiderte der Fremde, "sonst hat er mir für Sie nichts Besonderes übertragen. Ist aber nicht etwas wie ein Schwestersohn von ihm vorhanden? wenigstens sprach er –"

"Der Manuel, versteht sich, der Manuel, den ich in Kost habe. Haben Sie etwas für ihn?"

"Nichts von Bedeutunghilft er mit in Ihrem Geschäfte?"

Meier sah seinem gast einen Augenblick scharf in die Augen, ehe er antwortete. "Hat Ihnen der Alte vielleicht Auftrag gegeben, nachzusehen, ob ich unrecht handle an dem Jungen," sagte er dann, "so mögen Sie ihm nur melden, dass, wenn er mich auch drei Monate ohne das Kostgeld für ihn gelassen habe, der Manuel doch noch immer bei Smit und Johnson, Advocaten in Duanestreet sei, um zu schreiben und die gesetz kennen zu lernen, wie es der Alte verlangt hat, ehe er das letzte Mal nach dem Süden ging."

"So, bei Smit und Johnson arbeitet er, und der Alte ist Ihnen noch das Kostgeld für ihn schuldig," sagte der Fremde und stützte den Kopf in die Hand. "Sagen Sie einmal, Abraham," fuhr er fort, und es zuckte wie ein unwillkürliches Lächeln über sein Gesicht, "ist der alte Isaak ein stiller Partner von Ihnen gewesen, dass er so genau Bescheid wusste über die Geschäfte, welche Sie bisweilen Abends in Ihrem Geheimzimmer abschliessen, dass er mich wegen der Hintertür zurechtweisen und mir noch weitere derartige Dinge erzählen konnte?"

Meier zuckte wie von einem Stiche getroffen von seinem stuhl auf und warf wie unwillkürlich einen scheuen blick durch das Zimmer. "Was hat er gesagt, was weiss er, was k a n n er erzählt haben?" stiess er hervor und sah seinen Gast mit aufgerissenen Augen an. "Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass ich von allen solchen Worten nichts verstehe? Und wegen des Isaakso ist er doch nicht mehr als zweimal in meinem haus gewesen im letzten Jahrewas k a n n er wissen?"

"Woher weiss ich es, Abraham?" erwiderte der Andere und erhob sich langsam; "ich bin doch gestern erst nach langer Abwesenheit wieder in New-York eingetroffen. Aber," fuhr er fort und nahm seinen Hut, "Sie haben viel zu tun, und so will ich Sie nicht länger aufhalten. Adieu, und grüssen Sie Mrs. Meier!"

"Nun weiss ich aber doch immer noch nicht, was Sie von mir wollten!" rief Meier aufgeregt und stellte sich vor seinen Gast, als wollte er ihm den Weg vertreten.

"Schreien Sie nicht so, Abraham, das tut in Ihrem haus nicht gut!" erwiderte dieser, mit der Hand winkend; "ich wollte nichts weiter von Ihnen, als was ich jetzt weiss, adieu!"

"Aber Sie wissen doch nichts, Sie wissen doch bei Gott nichts!" rief der Pfandleiher, mühsam seine stimme niederhaltend.

"Desto besser für Sie!" sagte der Eindringling mit einem halben lachen und schritt die Treppe hinab.

Meier hielt noch unentschlossen die Parlortür in der Hand, als er den Andern schon das Haus verlassen hörte. "Was weiss er, was k a n n er wissen?" murmelte er unruhig vor sich hin. "Morgen kommt der Meier Friedmann, und dann nimmer wieder ein verdächtiges Geschäft! dass ich Ruhe behalte im haus – –"

Der Fremde hatte die Richtung nach dem Broadway eingeschlagen und schritt mit der Miene eines Mannes vorwärts, der ein Geschäft zu seiner Zufriedenheit abgemacht hat. Dann und wann spielte, wie in Erinnerung an die eben durchlebte Scene, ein spöttisches Lächeln um seinen Mund, und erst als er Chatamstreet kreuzte, wo die starke Passage von Fuhrwerk ihn zur Vorsicht mahnte, nahm sein Gesicht den Ausdruck von scharfer Beobachtung an, der ihm, nach den zwei tiefen Falten an der Nasenwurzel und den wie gewohnheitsmässig halb zugedrückten Augen natürlich zu sein schien.

An der nächsten Ecke