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war leer. Mit dem Ausgange des Winters ist die grösste Ernte des Pfandleihers vorüber; was der arme entbehren konnte, hat er für Feuerung und Lebensmittel geopfert; die Masse von jungen Leuten aber, deren Einkommen mit ihren Ansprüchen auf Vergnügungen, an denen die grosse Stadt im Winter so reich ist, nicht im Einklange stehen, haben "springen" lassen, was einigermassen entbehrlich war, oder auch zum Versetzen auf die eine oder andere, oft nicht zu rechtliche Weise beschafft wurde, und so versiegt mit den ersten Frühlingstagen eine Quelle des Pfandleihers, welche seinen Hauptgewinn bildet, da selten an eine Wiedereinlösung der versetzten Gegenstände gedacht wird.

"Vierundfünfzig Nummern!" brummte Abraham, als er die letzte beschriebene Seite seines Geschäftsbuchs erreicht hatte. Er stand auf und schloss die beiden Fenster des Gitters; dann öffnete er einen grossen eisernen Geldschrank unweit seines Pultes und begann eine Menge kleiner, in weisses Papier gewickelter und numerirter Päckchen daraus hervorzuholen. Bei jedem derselben verglich er die Nummer mit den Angaben seines Geschäftsbuchs, öffnete auch wohl hie und da eins derselben und besah mit prüfendem blick die Uhren, Ringe, Ketten und anderen Schmuckgegenstände, welche sich zeigten, sie aber jedesmal wieder sorgfältig in ihren Umschlag wickelnd, und packte zuletzt den ganzen Haufen in einen flachen Korb, der sichtlich zu diesem Zwecke sich auf dem Geldschrank befand. Nachdem er diesen wieder sorgfältig verschlossen, trug er seine Kostbarkeiten nach einem Nebenzimmer, wo eine ganze Niederlage von Packeten aller Grössen sich in grossen an der Wand hinziehenden Regalen befand. Vor einem langen Tische stand eine schmächtige Frauengestalt, mit dem Sortiren eines Haufens von Frauenkleidungsstücken beschäftigt.

"Wenn du fertig bist, kleine Rebecka," sagte er Englisch, "so kommt Alles in den vorderen Keller. Morgen will endlich der Meier Friedmann hier sein, und ich werde den Plunder los sammt den andern Waaren im hintern Keller, die schon länger im haus sind als gut ist."

Die Frau sah langsam von ihrer Arbeit auf und zeigte ein ernstes Gesicht, dessen Schnitt und dunkler Teint die orientalische Abkunft nicht verläugnen liess. Sie war augenscheinlich bedeutend jünger als der Pfandleiher und hätte, wäre nicht ein sonderbarer Zug von Erschlaffung über ihr ganzes Gesicht verbreitet gewesen, bei Vielen für eine Schönheit gelten können.

"Ist es nicht ein gefährliches Geschäft, was du treibst seit dem letzten Jahre?" sagte sie.

"Gefährlich? Wie heisst gefährlich!" erwiderte er eifrig, ins Deutsche fallend, und setzte den Korb mit Goldwaaren auf den Tisch. "Ist der Termin für die Einlösung von den Nummern dahier nicht abgelaufen schon seit der letzten Woche? Und spricht auch das Gesetz, dass ich soll halten die Sachen noch so und so lange Zeit nach dem Verfalle, so weiss ich doch, dass Keiner wird kommen und mich daran mahnen, so kenne ich doch die Menschheit, so werde ich doch nicht sein töricht und lassen das Geld liegen tot in den Sachen ein volles Jahr."

"Das ist deine Sache, Abraham," unterbrach ihn die Frau; "aber ich meinte wegen der Waaren in dem hintern Keller."

"Was willst du, Rebeckche, was willst du?" sagte er, seine stimme dämpfend, "weiss ich, woher die Waaren kommen, oder was für ein Recht die Leute daran haben, welche sie gebracht? Soll ich sie lassen gehen nach einem andern platz und einem Andern lassen den Profit daran? Was bringt's ein, wenn man hat ein gar zu genaues Gewissen? Du hast die Gedanken vom alten Isaak Hirsch, der herumdrehte jedes Geschäft dreimal, ehe er hat zugefasst. Was hat er gemacht dabei? Läuft er nicht noch herum unten im Süden bei den Niggern als Pedlar und hat für den Manuel, den er angenommen an Kindesstatt und den wir jetzt müssen verpflegen, noch nicht einmal geschickt das Kostgeld für die letzten drei Monate? Und bist du nicht selber geblieben ein so armes Josim, dass du hast zugegriffen, als der Abraham Meier zu dir kam, wenn er auch war zwanzig Jahre älter?"

"Ich hab' dich genommen, weil du warst ein anständiger Mensch und ich meinte, du sei'st ehrlich," erwiderte sie, den Kopf hoch aufrichtend; "ich habe dir geholfen nun manches Jahr in deinem Geschäfte und zu deinem Verdienste, und wenn ich einmal spreche, wo ich denke es sei Not, so habe ich nicht verdient, dass du mir vorwirfst, ich sei gewesen arm, als du mich genommen."

"Rebeckche, was willst du?" sagte er eifrig; "habe ich doch nichts sprechen wollen, was. Dich könnte beleidigen; bin ich nicht anständig noch immer? Gehöre ich doch zur Gesellschaft der Benei Beriss; treibe ich doch mein Geschäft, dass sie schon oft haben gesprochen vom n o b e l n Abraham Meier; habe ich dir doch gesagt, dass du sollst wegbleiben ganz und gar vom Fenster in der Office und sollst sitzen in deinem Parlor als eine Lady, und dass ich will nehmen den Manuel ins Geschäft an deinen Platz, wenn der Isaak Hirsch noch länger zurückhält mit dem Kostgelde für ihn. Und wegen der Waaren im Hinterkeller," fuhr er halblaut fort, "weiss Jemand, wo der Weg hineingeht und sucht Jemand dergleichen beim Abraham Meier, der sein Geschäft so nobel betreibt? Warum soll ich nun nicht nehmen einen grossen, sichern Gewinn –" er hielt plötzlich inne und