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und seines jungen Abgesandten, liess wieder eine stille Beruhigung in seine Seele einziehen. Der Gedanke tauchte in ihm auf, ob er nicht die junge Frau ein- für allemal den Einflüssen, welche die Ruhe seines ganzen Lebens bedrohten, entführen könne; er kam jetzt nach New-York, und vielleicht war es ihm möglich, dort irgend ein profitables Unterkommen zu erhalten; aber wenn er seine jetzige Lage mit einer Stellung verglich, wie er sie dort selbst im glücklichsten Falle erhalten konnte, so musste er selbst jede Aenderung eine Torheit nennenund wie hätte er auch von Ellen verlangen können, ihren gepriesenen Süden zu verlassen und vielleicht nichts als Entbehrungen dagegen einzutauschen!

Die Wendung des Weges, welcher nahe der Stadt in die Landstrasse einbog, störte ihn aus seinem Sinnen auf, und jetzt erst fiel ihm ein, was wohl Ellen von seinem Aussenbleiben gedacht haben mochte. Er sah scharf nach der Gegend hin, wo er sein Haus stehen wusste, aber kein Lichtschimmer zeigte dort, dass ihn Jemand erwarte. "Wie spät ist es wohl?" fragte er den schwarzen Kutscher; "es ist zu dunkel, um etwas auf der Uhr zu erkennen."

"Es mag 11 Uhr vorbei sein, Sir!" war die Antwort.

Der Wagen rollte nach kurzer Zeit vor das Haus, und Helmstedt, der umsonst nach einem Zeichen des Lebens darin sich umsah, wollte eben verstimmt aussteigen, als Cäsar aus der Dunkelheit hervoreilte und dienstfertig das Schutzleder am Wagen zurückschlug. "Ist meine Frau schon zu Bett?" fragte der Angekommene.

"Mistress hat bis nach 10 Uhr gewartet," erwiderte der Schwarze, "und befahl mir dann, wach zu bleiben."

Helmstedt nickte befriedigter, fertigte den Kutscher mit einem Trinkgelde ab und schritt ins Haus. Er fand das Schlafzimmer offen, wo das niedergebrannte Kaminfeuer nur eine kaum noch bemerkbare Helle verbreitete. Leise trat er ein und zündete ein Licht an. In den schneeigen Kissen des Bettes lag Ellen, das Gesicht ihm zugewandt, und der halbgeöffnete lächelnde Mund schien von einem süssen Traume zu erzählen. Einzelne Teile ihres dunklen Haares waren auf die weisse, zartgebaute Schulter, die sich aus dem Nachtüberwurf gestohlen, herabgefallen, und die kleinen, eleganten hände ruhten leicht über einandergelegt auf der Decke. Helmstedt stand eine Weile in ihre Betrachtung versunkener hätte viel darum gegeben, wenn er die Bilder gekannt hätte, welche jetzt vor ihrer Seele vorübergingen. Er bog sich vorsichtig nieder und drückte leise einen Kuss auf ihre Lippensie lächelte; dann aber ward sie unruhig, schlug die Augen auf und sah ihn gross an. "Du bist es!" sagte sie endlich, die Augen reibend; "hättest du mir doch meinen Traum gelassen!"

"Und was war es denn so Schönes, was du träumtest?"

"O lass mich," erwiderte sie, und drehte das Gesicht nach der Wand; "ich war wieder Kind und bei meinem Vater."

Helmstedt richtete sich mit einem unterdrückten Seufzer auf, kleidete sich aus und löschte dann das Licht.

III.

In Pearl-Street in New-York, da, wo in spätern Jahren der neue Durchbruch gemacht wurde, stand das Haus des Pfandleihers Abraham Meier. Es war ein niederes, unscheinbares Gebäude, dem man äusserlich die Räumlichkeiten, welche es entielt, nicht ansah. Unter den drei vergoldeten Kugeln, dem Pfandleiherzeichen, gelangte man durch den Eingang in einen engen, nur spärlich erleuchteten Hausflur, aus welchem eine Tür nach der geräumigen "Office" führte. Ein starkes Gitter, hinter welchem der Pfandleiher seinen Platz hatte und das ihn vor jeder Unbequemlichkeit durch seine Kunden schützte, schied diesen Raum der Länge nach in zwei Hälften. Es hatte zwei durch Schiebgitter geschützte Fenster, welche sich durch einen einfachen Mechanismus im Nu schliessen konnten. Hinter dem ersten tronte neben einem hohen Pulte Abraham Meier selbst, und hier war der Ort für den Versatz von Allem, was in das Bereich der edlen Metalle und Juwelen schlug, während Mrs. Meier hinter dem zweiten Fenster sich mit der Prüfung von jeder Art Bekleidungsstücken aus Seide, Sammet, Tuch oder Leinwand, wie sie in das Lokal wanderten, beschäftigte. Abraham Meier war noch wenig über die Vierzig hinaus, trug sein Haar, selbst im Geschäft, wohlfrisirt und seinen Bart glatt geschoren; er sprach stets Englisch, wenn er nicht durch "grüne" Kunden zum Deutschsprechen gezwungen war, aber auch in diesem letzteren Falle suchte er den anerzogenen jüdischen Accent möglichst zu verbergen. Abraham Meier galt im Allgemeinen für einen vorsichtigen Geschäftsmann seiner Art, denn noch war kein Fall von einiger Bedeutung vorgekommen, in welchem die Polizei bei ihren Nachforschungen nach gestohlenen Gütern ihm etwas hätte zur Last legen können. Er galt aber auch bei der unverheirateten, jungen Männerwelt für einen der wenigen Pfandleiher, mit welchen ein Mensch von Erziehung zu tun haben konnte, ohne das Demütigende seiner augenblicklichen Lage zu sehr zu empfinden. Seine Taxirung von Pfandgegenständen geschah ohne geringschätzende Miene und beleidigendes Achselzucken. Mit höflicher Geschäftsmiene gab er die Summe an, zahlte oder wies bedauernd eine höhere Forderung zurück, und so gehörte seine Bekanntschaft unter dieser Klasse von Geldbedürftigen zu den ausgebreitetsten, wenn auch seine Taxirungen, von denen er nie wich, eben nicht zu den höchsten gehörten.

Es war Nachmittags zwei Uhr an einem Apriltage. Abraham sass vor seinem Pulte, blätterte in einem seiner Geschäftsbücher und markirte einzelne Posten mit Bleistift. Die Office