Schutz zurücklassen, und ich weiss nicht, welche Einflüsse sich während dieser Zeit bei ihr geltend machen mögen. Ich sehe vielleicht Gespenster," setzte er hinzu, als er Mortons verwundertem Blicke begegnete, "aber Ellen ist jung und liebt dazu ihren Vater fast mehr, als in ihren jetzigen Verhältnissen selbst die Bibel erlaubt."
"Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem mann anhangen," sprach Morton leise und nickte mit dem kopf; "haben Sie einen besonderen Grund, Unrechtes zu argwöhnen oder besorgt zu sein?"
"Ich mag, wie gesagt, vielleicht Gespenster sehen," erwiderte Helmstedt, den Kopf in die Hand stützend, "aber es ist Manches, was mich bedrückt, ohne dass ich durch die ruhigste überlegung davon loskommen kann. Doch lassen wir das vorläufig. Zum Zweiten muss ich erst zusehen, wie ich das nötige Geld für meine Reise und was dazu gehört, anschaffe – ich hatte heute schon überlegt, ob ich eins von meinen Pferden verkaufen könne."
Der Kranke setzte sich mit einer Kraft aufrecht, die ihm Helmstedt nicht zugetraut. "Nun sehen Sie einmal, was für ein Mensch Sie sind," sagte er mit allen Zeichen des Aergers. "Sie wissen, wo Sie Freunde wohnen haben, und doch plagen Sie sich lieber wochenlang mit sich selbst herum, versäumen die wichtigsten Interessen dabei, nur um Niemandem ein Wort zu gönnen. Was das mit Ihrer Frau betrifft, weiss ich nicht; was es auch sein mag, so bleibt es besser unter Ihnen Beiden – handelt es sich aber nur darum, das Frauchen während Ihrer Abwesenheit unter sichern Schutz zu stellen, so wissen Sie selbst, wie viel Platz in meinem haus ist, und dass meine Frau immer eine Freundin der Ihrigen war, bei der sie sich nicht unheimisch fühlen wird. Was nun die nötigen Geldmittel für Ihre Reise nach New-York anbetrifft, so hätten Sie schon Ihres Versprechens gegen den alten Pedlar und seines Erben wegen längst bei mir anklopfen sollen. Ich werde dafür sorgen, dass Sie morgen das Nötige in der Hand haben, und Sie zahlen es mir zurück, sobald die Erbschaft flüssig ist."
Helmstedt wollte etwas erwidern, als sich die Tür halb öffnete und das Gesicht des Arztes hereinsah. "Alle Wetter!" rief dieser, "das spricht ja so frisch, als gäbe es gar keinen Kranken im Haus; ich habe mit Verwunderung die stimme durch die Wand dringen hören. Und wahrhaftig," fuhr er eintretend fort, "die Backen sind in dem Gesprächseifer aufgeblüht wie ein paar Matrosen. Störe ich die Herren nicht?"
"Wir sind eben mit dem Notwendigsten fertig, und Sie sind willkommen, Doctor," erwiderte Morton, sich langsam in den Schaukelstuhl zurücklegend.
Der Arzt legte die Hand an den Puls des Kranken. "Very well," sagte er, "so tun wir auch am besten, wir sprechen jetzt nichts mehr und halten uns so ruhig als möglich."
"Aber ich fühle mich doch gerade jetzt recht wohl, Doctor, und möchte so gern noch mit meinem jungen Freunde plaudern."
"Damit Sie die Nacht über nicht schlafen können und morgen wieder am Sterben sind, nicht wahr? Lassen Sie mich jetzt Mrs. Morton zu Ihnen schicken, und glauben Sie, dass Sie noch etwas zu reden haben, so tun Sie das morgen oder übermorgen."
"So geht's, wenn man unter die hände von solchen Leuten gerät," sagte Morton und reichte Helmstedt lächelnd die Hand. "Ich werde Ihnen jedenfalls besorgen, was wir eben besprochen, und wegen des Uebrigen wissen Sie, wo mein Haus ist. Wollen Sie wirklich gewissenhaft sein, so lassen Sie keinen Tag unnötig verstreichen – um so eher werden Sie Zeit gewinnen, an das, was Sie mir zugesagt haben, zu denken."
Helmstedt hatte das Krankenzimmer verlassen und sass im Parlor neben dem Feuer, um auf das Anspannen der Kutsche zu warten, die ihn wieder nach haus bringen sollte. Bald meldete der Schwarze, dass Alles zur Abfahrt bereit sei; aber vergebens sah sich Helmstedt nach der Hausfrau um, um sich bei dieser zu verabschieden. Erst als er ihr seinen Gruss durch den Schwarzen gesandt hatte und das Haus verlassen wollte, trat sie ihm in der Halle entgegen. "Grüssen Sie Ellen!" sagte sie leise und reichte ihm ihre Hand, die wieder so kalt und leblos in der seinigen lag, dass Helmstedt sie kaum zu drücken wagte. Er musste auf seiner Rückfahrt lange Zeit an ihr zurückhaltendes, stilles Wesen denken – auch hierin war sie, wenn er an frühere zeiten dachte, wo sich jede wechselnde Empfindung offen in ihren Zügen gespiegelt, wo ihm ihr Auge wie ein tiefer klarer Brunnen erschienen war, eine ganz Andere geworden. War das nur die Folge ihres einsamen Lebens und ihrer Aufopferung für Morton? Helmstedt musste unwillkürlich eine Parallele zwischen ihrer Hingebung, die doch nur durch kalte Pflichttreue geboten sein konnte, und Ellens Handeln ziehen, und ein Gefühl von Täuschung, ein Gefühl wie die Ahnung eines verfehlten Wurfs für sein ganzes Leben überkam ihn, so dass er endlich mit Macht sich den drückenden Gedanken zu entziehen suchte. Er dachte an das Gespräch mit Morton, welches jede sorge um die Erfüllung seiner Verpflichtung gegen des Pedlars Erben von ihm nahm; aber erst die Vorstellung, Ellen in Mortons haus untergebracht zu sehen, fern von den Intriguen ihres Vaters