mit seinem stuhl zurücklehnend und mit der Hand durch seine dichten Haare fahrend; "ehrlich gestanden, bin ich selbst mit mir noch nicht im Reinen. Es ist einer von den Fällen, in welchen sich gar keine bestimmte Krankheit des Körpers classificiren lässt, in welchen anscheinend die ganze Maschine in Ordnung ist, aber die Triebkraft erlahmt scheint. Bisweilen schleppt sich bei Patienten dieser Art derselbe Zustand noch jahrelang fort, bisweilen welkt der Leidende schnell dahin, ohne dass man im streng medicinischen Sinne eigentlich sagen kann, er sei wirklich krank gewesen, – bisweilen wird durch Gemütseinflüsse, denn dort ist der eigentliche Sitz des Uebels zu suchen, eine innere Umwälzung hervorgebracht, und der Kranke gesundet ganz von selbst – jedenfalls können in solchen Zuständen Arzneien aus der Apoteke das Wenigste tun. Sie haben, wie ich weiss, Mr. Mortons Vertrauen genossen, und so werden Sie auch die traurige geschichte mit seiner Tochter kennen, die dem Wahnsinn verfiel. Ich habe das unglückliche Mädchen, die sein einziges Kind war, damals selbst nach Montgomery in eine Irrenanstalt gebracht. Sie starb schon kurze Zeit darauf und hier scheint mir die Wurzel der Krankheit, wenn ich es so nennen soll, zu stekken. Hätte irgend etwas einen wohltätigen Einfluss auf unsern alten Freund ausüben können, so hätte dies die hingebende Pflege seiner jungen Frau tun müssen, die mir in diesen letzten Wochen, in denen ich Morton besuche, eben so heroisch in ihrer Freudigkeit, womit sie Alles opfert, was man sonst für das Lebenselement junger Frauen hält, wie eine von den katolischen barmherzigen Schwestern erschienen ist." Er schüttelte, wie im weitern Ausspinnen des Gedankens, still den Kopf.
"Und ihr Einfluss hat nichts gewirkt?" fragte Helmstedt, die Stirn in die Hand stützend.
"Well, Sir, der alte Herr ist freundlich und geduldig; er scheint sich oft, um nur ihr trostreiches Lächeln erwiedern zu können, stärker zu machen als er ist, aber das ist eben Alles nur äusserlich."
"Und ist er heute kränker als gewöhnlich?"
"Ja und nein, – nichts als einer seiner gewöhnlichen Zufälle von Schwäche, welchen er in den letzten Wochen unterworfen gewesen ist, der aber heute bestimmter auftrat und länger anhielt als gewöhnlich, und der mich deshalb mehr als früher beunruhigt."
Beide sahen eine Weile schweigend ins Feuer, bis das Oeffnen der Tür Helmstedt sich umsehen liess. Eine weibliche Gestalt im weissen, halben Negligé trat ein und ging auf den jungen Mann zu. Helmstedt wusste, dass er Pauline, die jetzige Mrs. Morton, vor sich hatte – aber das war nicht mehr dieselbe, die er früher gekannt. Das frische Rot ihres Gesichts hatte einer feinen, durchsichtigen Blässe Platz gemacht; ihr Auge, das ihm ernst entgegensah, schien grösser geworden und voll tieferen Ausdrucks zu sein. Noch lag das weiche, süsse Lächeln, das er früher gekannt, um ihren Mund, aber ein Hauch von Melancholie hatte sich ihm beigesellt. Sie war nicht mehr dieselbe wie früher, aber fast schien es Helmstedt, als habe er sie nie schöner gesehen. Er war aufgesprungen und hatte ihre Hand gefasst, die sie ihm mit leichtem Gruss entgegenhielt – er hatte diese Hand oft in der seinigen gehalten und ihren warmen Druck gefühlt – jetzt aber, als er ihre Finger umschloss, blieben diese kalt und bewegungslos.
"Sie werden es gewiss entschuldigen, Mr. Helmstedt, dass wir Ihnen noch die Unannehmlichkeit eines so späten Ritts hierher gemacht haben," begann sie, und ihr Auge sah mit einer Gleichgiltigkeit und Ruhe in das seine, die ihn in seinem heimlichsten inneren verletzten, ohne dass er sich das wohl selbst hätte gestehen mögen. "Mr. Mortons Zustand war indessen so bedenklich und er wünschte so lebhaft Sie zu sehen, dass ich nicht umhin konnte, Sie bitten zu lassen, seinem Wunsche zu willfahren."
Helmstedt hielt noch immer ihre Hand und sah in ihre Augen ohne sogleich zu antworten, bis ein schwaches Rot in ihr Gesicht trat, das indessen noch schneller verschwand, als es aufgestiegen war, und sie leise ihre Finger aus den seinigen zog. "Wenn Sie mir folgen wollen – Mr. Morton hat sich schon etwas erholt," sagte sie und wandte sich nach der Tür.
"Ich bin vollkommen zu Ihren Diensten, Ma'am," erwiderte Helmstedt und folgte der leicht Voranschreitenden.
In dem anstossenden Hinterzimmer sass Morton, zusammengesunken in einem weichen Schaukelstuhle, an dem helllodernden Kaminfeuer, und Helmstedt erschrak über die Veränderung, welche in den letzten Wochen mit dem früher so kräftigen mann vor sich gegangen war. über des Kranken Gesicht aber flog ein heller Schein der Zufriedenheit, als er den jungen Mann eintreten sah. "Sind Sie wirklich da?" sagte er und streckte, indem er sich aufrecht zu setzen versuchte, ihm die Hand entgegen; "ich glaube beinahe, Ihre besten Bekannten müssten Sie mit Gewalt holen lassen, wenn sie Sie einmal bei sich sehen wollen."
Helmstedt fasste seine Hand und wollte eine Entschuldigung beginnen. "Lassen Sie doch," unterbrach ihn Morton; "ich weiss Alles, Sie haben viel zu tun, sind daneben erst ein paar Monate verheiratet – setzen Sie sich zu mir her, Sir, und erzählen Sie mir, wie es Ihnen geht."
Helmstedt wandte sich nach einem stuhl und sah sich zugleich nach der jungen Hausherrin um; diese hatte aber bereits das Zimmer wieder verlassen.