Auffassung ihrer jetzigen Verhältnisse eine durchaus andere war als die seinige – dass er sich nicht mit ihr verstand. Er sah einen Menschen in seinen Kreis treten, gegen welchen ihn ein Gefühl, von dem er sich selbst keine Rechenschaft geben konnte, auf seiner Hut zu sein hiess – er sah diesen augenscheinlich das Vertrauen seiner Frau gewinnen und sein Anstreben dagegen machtlos – er fühlte eine fremde Macht, den Einfluss von Ellens Eltern, sich zwischen ihn und seine Frau, auf deren Festigkeit er den Plan seines ganzen künftigen Lebens gebaut, drängen, eine Macht, deren Einfluss sich schon soweit geltend machte, dass darüber selbst die gewöhnlichste Rücksicht gegen ihn, die der einfachste Arbeiter in seinem haus verlangt: eine pünktliche Mahlzeit, wenn er von der Arbeit zurückkehrt, vergessen wurde. – Er stand still und drückte die Hand vor die Augen – was sollte er tun?
So weit war er in seinem Gedankengange gelangt, als er seinen Namen nennen hörte. Er sah auf und bemerkte jetzt erst, dass er, willenlos dem Wege folgend, auf die Landstrasse geraten war. Vor ihm hielt ein Schwarzer zu Pferde.
"Wenn Mr. Helmstedt abkommen könnte," sprach dieser, "so möchte er doch nach Mr. Mortons haus kommen. Mr. Morton ist heute Nachmittag recht krank geworden und möchte Mr. Helmstedt sehen."
Der Angeredete hatte sich rasch aus seinen eigenen Gedanken gerissen. "Krank? Ist er sehr trank?" fragte er.
"Ich weiss nicht, Master, aber Mistress Morton befahl mir, rasch zu reiten."
Helmstedt stand einen Augenblick unschlüssig. "Ich bin schon zu weit von meinem haus entfernt, um wieder zurückzugehen," sagte er dann, "komm herunter Bill, und überlasse mir das Pferd, du kannst langsam nachkommen."
Der Schwarze stieg gehorsam ab, und im nächsten Augenblick war der junge Mann schon im Sattel.
"Soll ich vielleicht Ihr eigenes Pferd nachbringen?" fragte Bill. Helmstedt aber sprengte bereits davon und hörte nichts mehr. Der Schwarze sah ihm nach und kratzte seinen Wollkopf. "Da habe ich nun noch ein gutes Ende Weges bis zu meinem Abendbrod!" sagte er mehr launig als ärgerlich und schlug, langsam davonschlendernd, den Rückweg ein.
Mortons Landsitz war über fünf Meilen von dem Städtchen entfernt, und Helmstedt liess den steifen Akkergaul unbarmherzig die Hacken fühlen, um rasch vorwärts zu kommen; aber die völlige Dunkelheit war bereits hereingebrochen, ehe er nur die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Als er endlich die erleuchteten Fenster des Hauses und die dunklen Gruppen der Bäume daneben erblickte, überkam ihn eine ganz eigentümliche Empfindung. Morton war es gewesen, der durch eine sonderbare Verkettung von Umständen der Beschützer seiner Liebe zu Ellen geworden, dessen Hilfe ihm die Vereinigung mit ihr allein möglich gemacht hatte und der ihm in der ganzen Gegend auch allein ein Freund geblieben war. Auf demselben Wege, welchen er jetzt ritt, war er vor einigen Monaten, des Glückes voll, mit seiner jungen Frau von der Trauung zurückgekehrt; wie jetzt hatten ihm die Lichter desselben Hauses entgegengeschimmert, die er damals als Leitsterne zu einem sichern Hafen betrachtet. Zum ersten Male, seit er in der Stadt wohnte, kam er diesen Weg wieder – die Wolken, die sich seit jener Zeit um sein junges Glück gezogen, traten in ihrer ganzen Trübe vor seine Seele; und doch war es ihm, je deutlicher das stille Landhaus aus der Dunkelheit hervortrat, als müsse er hier wieder den rechten Rat finden, der ihn, wie damals, aus seiner Bedrängniss erlöste. Er suchte sich die Scene zu vergegenwärtigen, welche ihn wohl jetzt dort erwarte, und ein weibliches Bild erhob sich vor seinem inneren blick, an welches er in den letzten Monaten am allerwenigsten gedacht: Mrs. Morton, seine junge Landsmännin, welche der alte Pflanzer geheiratet, nur um eine treue Pflegerin zu haben, und die diesem ihre ganze blühende Jugend zum Opfer gebracht hatte. Helmstedt wusste, dass sie ihn selbst einmal geliebt, als sie noch ihren Mädchennamen, Pauline Peters, führte, ein Bewusstsein, das ihm damals fast drückend geworden war; als aber jetzt ihr frisches Gesicht mit den weichen, feinen Zügen vor ihm auftauchte, als mit der Erinnerung an durchlebte Scenen ihr klares, lachendes Auge vor ihn trat, da wollte es ihm fast sonderbar scheinen, wie er früher nur einen so gleichgiltigen blick dafür hatte haben können – und je mehr er sich diesem inneren Anschauen hingab, desto mehr begann ein stilles, wohltuendes Gefühl ihn zu durchziehen, dem er sich überliess ohne zu grübeln oder sich darüber Rechenschaft geben zu wollen, bis er die Pflanzung erreichte.
Er schien bereits erwartet worden zu sein. Ein Schwarzer öffnete das Gittertor der Umzäunung, als er heranritt, und nahm ihm das Pferd ab. Helmstedt ging den wohlbekannten Weg nach der Hauspforte, wo ihn das schwarze Kammermädchen der Hausfrau empfing und vor ihm den erleuchteten Parlor öffnete. Dort sass, die Füsse bequem gegen das Feuer gestreckt, ein ältlicher Mann, der ihm einen leichten Gruss zunickte und dann mit augenscheinlichem Wohlbehagen den Tabakssaft aus dem mund in das Kamin spritzte. Helmstedt erkannte einen der ärzte aus der Nachbarschaft.
"Well, Doctor," begann er, einen zweiten Stuhl aus Feuer ziehend, "was ist denn so plötzlich über den alten Herrn gekommen? Es hat doch keine Gefahr, hoffe ich?"
"Well, Sir," erwiderte der Arzt, sich