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war, und sprang dann von ihrem Sitze auf. "Die Biscuits sind schon zweimal kalt geworden, und der Schinken dorrte so aus, dass ich ihn von der heissen Platte habe nehmen müssen" sagte sie brummig; "ich kann nichts dafür, wenn Mr Helmstedt wieder zankt."

"War er noch nicht wieder hier?" fragte die junge Frau.

"Ich habe nichts von ihm gesehen."

"Geh in dein Bett, Sarahich werde nichts essen, und Mr. Helmstedt hat sicher irgendwo anders zu Abend gespeist. Cäsar wird warten bis er zurückkomm."

"Sicherlich, Ma'am!" war des Schwarzer. Antwort; "ich habe ohnedies noch eine Weile zu arbeiten."

Ellen ging langsam zurück nach dem Parlor, der nur trübe von dem einen Lichte erhellt war. Sie brannte ein zweites an, setzte sich in den Schaukelstuhl und wartete. Aber der Zeiger der Uhr wies schon auf zehn, und Helmstedt war noch nicht zurückgekehrt. Unruhig hatte die junge Frau zu verschiedenen Malen sich erhoben, die Vorhänge zurückgeschlagen und in die dunkle, stille Nacht hinausgesehen; jetzt verliess sie von Neuem ihren Sitz, zog die seinen Augenbrauen zusammen und schien mit einem Entschlusse zu kämpfen. Langsam löschte sie eins der Lichter aus und begab sich mit dem andern nach ihrem Schlafzimmer im oberen Stock. Es war das erste Mal seit sie verheiratet war, dass sie diesen Weg allein antrat. Als sie durch die "Halle" schritt, erklang aus der Küche einer der eigentümlichen Negergesänge, mit welchen sich Cäsar die Zeit vertrieb:

"Der alte Tommy wusste wohl

Mit Mädchen umzugehn;

Und kam sein Schatz um sechse nicht,

So harrt' er bis um zehn.

Bei Frauenzimmern heisst's: subtil,

Wenn man ihr Herz gewinnen will.

O Tommy, Tommy, Tommy, Tommy

War ein kluger Mann."

Ellen horchte einen Augenblick auf das Lied, das sie so oft von dem Schwarzen in dem haus ihres Vaters hatte singen hören, zog dann die Lippen in einer sonderbaren Mischung von Spott und Bitterkeit zusammen und verschwand in ihrem Schlafgemach.

Als Helmstedt sein Haus verlassen, war er eine Strecke zwischen den Feldern hinter dem Städtchen fortgeschlendert. Er wollte mit sich selbst klar werden, ehe er nach haus zurückkehrteund es lag mancherlei auf seiner Seele, was des ordnenden Gedankens und des kräftigen Entschlusses bedurfte, mancherlei, von dem die eben durchlebte Scene mit seiner jungen Frau nur einen teil bildete. Als Isaac, der alte Pedlar, der so vielfach in sein Leben eingegriffen und dem er so Manches zu verdanken hatte, in dem haus seines Freundes Morton gestorben war, hatte es Helmstedt gern zugesagt, der Vollstrecker seines letzten Willens zu sein, wie es der Verblichene gewünscht, aber jetzt fanden sich Schwierigkeiten in der Ausführung dieses Versprechens, die sich im ersten Augenblick nicht voraussehen liessen. Ein unmündiger Schwestersohn des Verstorbenen, in NewYork wohnhaft, war sein Erbe, und wollte Helmstedt sein Interesse nicht in fremde, vielleicht unzuverlässige hände geben, so musste er selbst nach dem Osten reisen, um die ganze Angelegenheit zu einem sichern Abschluss zu bringen. Dazu gehörte aber GeldGeld für die Reise und den Aufentalt in New-York, sowie für den Unterhalt seines Hausstandes, während er abwesend war und seinem Broderwerb als Musiklehrer in der "Akademie" des Städtchens nicht nachgehen konnte. Bei seiner Verheiratung hatte Ellen wohl ein Capital von etwa eintausendeinhundert Dollars gehabt, das von ihrem Vater als "Sparbüchse" nach und nach für sie angesammelt und von diesem an Helmstedt überliefert worden war; davon war aber der grösste teil für ihre Einrichtung darauf gegangen und der Rest in Ellens Händen für ihre Garderobe und anderweitige kleine Bedürfnisse geblieben, und Helmstedt hätte wohl lieber selbst still die grössten Entbehrungen ertragen, ehe er von dieser Summe einen Cent zurückverlangt hätte. Aber er besass zwei Reitpferde von ausgezeichneter Race, welche ihm gleichfalls bei seiner Verheiratung von Ellens Vater übermacht worden und von denen ihm wenigstens eins schon längst ein unnützer Fresser geschienen hatte, besonders jetzt, wo ihm nichts zuwuchs und er jeden Bushel Futter kaufen musste. Ellen war freilich seit frühester Jugend an den Luxus eines eigenen Reitpferdes gewöhntund sie ritt gernwährend die Verhältnisse des Landlebens ein Pferd für ihn selbst notwendig machten. Er hatte gerade bei ihr heute sondiren wollen, wie gross das Opfer sei, das sie ihm durch die Abschaffung des ihrigen bringen würde. Der Ertrag desselben hätte ihm das augenblicklich benötigte Geld herbeigeschafft, das, da die Wiedererstattung desselben aus der Hinterlassenschaft nicht lange auf sich warten lassen konnte, ihm zugleich ein Reservecapital für Krankheiten oder unvorhergesehene Fälle geworden wäre. Denn was er mit angestrengter Arbeit jetzt verdiente, ging Null für Null in seinem Hausstande auf. Er hatte heute nicht mit Ellen über diese Dinge reden könnenund ob er dies jemals zu tun im stand wäre, wusste er jetzt nicht; es drückte ihn jedoch, mehr als die ganze Angelegenheit, die Ursache, die eine gegenseitige Aussprache verhindert hatte. Im Hintergrunde seiner Seele stand, seit er sein Haus verlassen, ein Gespenst, das er mit Macht zurückdrängen wollte und doch nicht los werden konnte. Dies war die empordämmernde überzeugung, dass nicht die Liebe zu ihm das Alles durchdringende, jeden andern Einfluss ausschliessende Element in Ellens Seele war, das Element, welches ihre Gedanken und Handlungen leitete, wie er es sich in den Stunden stiller Träumereien vorgestelltda ihre Gefühlsweise, wie die