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" erwiderte diese, ohne aufzusehen; "man weiss nur nicht, was man zuerst tun soll, wenn man der einzige Dienstbote im haus ist. Kaum eine Stunde bin ich weg gewesen, und Mr. Helmstedt hat mich deshalb schon ausgescholtener will mich fortgebenund ich kann doch nichts dafür, wenn ich einmal vergesse, dass wir nicht mehr in Oaklea leben und nicht mehr die guten zeiten buben, wie sie dort waren." Sie blies in die Kaminglut, dass Funken und Asche umherstoben.

"Ist Mr. Helmstedt wieder ausgegangen?" fragte die junge Frau nach einer kurzen Pause.

"Er will in einer Stunde zum Abendessen wieder zurück sein," erwiderte das Mädchen und sah auf. "Aber nicht wahr, Miss Ellen," fuhr sie fort, "es geht nicht, dass er mich von Ihnen wegschickt, wenn Sie auch Mrs. Helmstedt heissen? Wir sind ja doch zusammen aufgewachsen, und ich gehöre doch nur Ihnen zu –"

"Er wird es auch nicht im Ernst beabsichtigt haben," erwiderte sie, dem Blicke der Schwarzen ausweichend; "aber vergiss nicht, Sarah, dass die Zeit der Sorglosigkeit vorüber ist, und tue deine Pflicht."

Sie ging langsam nach dem Parlor, liess sich wieder in den Schaukelstuhl nieder und stützte den Kopf in die Hand.

Waren es die hingeworfenen Worte der Schwarzen gewesen, welche die Bilder, die jetzt an ihrer Seele vorbeizuziehen begannen, hervorgerufen hatten, oder waren sie noch die Rückwirkung des Gesprächs mit ihrem jungen Begleiter vom Nachmittag, der von ihrem Vater geredet? Wer will alle die oft unbewussten Eindrücke erforschen, welche Gedanken hervorrufen und den gang anderer bestimmen? Vor Ellens geist stand das schöne, grüne "Oaklea", indem sie geboren und ausgewachsen, in welchem ihre jungen Jahre, gehätschelt von einem zärtlichen Vater und nur leicht überwacht von einer nachsichtigen Mutter, wie ein wolkenloser Frühlingstag verstrichen waren. Sie empfand, wie mit dem Gefühle eines drückenden Traumes, noch einmal die Zeit, in welcher es sich in ihrer reinen Sphäre zum ersten Male wie die Ahnung eines kommenden Gewitters sammelte, in welcher der unangenehme Mensch Baker, den ihre Eltern zu ihrem künftigen Lebensgefährten bestimmt hatten, in ihren Kreis trat; die Zeit, in der sie ihren Vater nicht begreifen und den ihrer wartenden Zwang nicht fassen konnte; in der ihre schwärmerische, kindliche anhänglichkeit mit dem Widerwillen gegen den aufgedrungenen Bräutigam in Kampf trat; sie sah Helmstedts edles Gesicht und treues Auge neben sich in der Familie auftauchen, bei deren erstem Anblick es ihr gewesen war, als müsse ihr in dem Neuangekommenen ein helfender Freund in ihrer Not erstehenAlles ging an ihr vorüber wie ein Traum, in welchem man schon vorher weiss, was kommen wird, und in dem man sich über nichts wundert. Sie sah sich durch den Drang der Verhältnisse an Helmstedts Brust geworfen, und es trat klar vor sie, dass doch eigentlich nur die Aufregung jener Tage ihren Gefühlen für ihn eine Färbung gegeben hatte, die sie für Liebe genommen und die sie für die erste Zeit auch wohl eben so beseligt hatte; dass doch nur die ungewohnte Hartnäckigkeit ihrer Eltern in Verfolgung des beschlossenen Heiratsprojectes, zusammen mit Helmstedts Edelmut, der sich lieber der höchsten Gefahr ausgesetzt, als dass er einen Schatten auf ihre Ehre hätte fallen lassen, sie zu den äussersten Schritten, zu einem Aufgeben ihrer Heimat und zu einer raschen Verbindung mit Helmstedt hatte treiben können. Sie träumte fort, und es fiel wie ein heller Sonnenstrahl in ihre Gedankendas waren die Worte, welche ihr heute von ihrem Vater gesandt worden waren; ihr Herz schwoll, und die Liebe zu dem mann, der sie ihr ganzes Leben lang wie eine teure Blume gehegt und gepflegt, brach in ihr mächtiger als jemals hervor, so dass sich unbewusst ihre Augen mit Tränen füllten. Und auch die Gestalt des jungen Ueberbringers der väterlichen Botschaft, welcher jetzt in dem haus ihrer Eltern aus- und einging, stieg vor ihrer Seele auf; es war ihr als sei sie durch die Berührung mit ihm aus einem Kreise, wohin sie nicht gehörte, wo ihr Fühlen und Denken nicht verstanden wurde, heraus- und wieder auf den Boden ihrer angeborenen Heimat getreten. Ein wohltuendes Gefühl, wie die Lösung einer verdeckten, uneingestandenen Dissonanz, überkam sie. – –

In der Strasse war es längst tiefe Nacht geworden und das Feuer im Kamin war bis auf ein Häufchen glühender Kohlen niedergebrannt, als die junge Frau mit der Hand über die Augen fuhr und aufsah. Sie schien sich erst besinnen zu müssen, wo sie seidann aber erhob sie sich mit einem leisen, wie unwillkürlichen Seufzer, blickte eine Weile sinnend in die Kohlen und nahm dann einen der Leuchter vom Kaminsims. Bald hatte sie sich an der Kohlenglut Licht geschaffen. Die Uhr auf dem Kaminsims wies schon eine halbe Stunde über acht. Sie liess die Vorhänge an den Fenstern über einander fallen und ging nach der Küche, wo Cäsar, der Schwarze, mit dem Ausbessern eines Pferdezaums beschäftigt war, während Sarah, den Kopf auf den Tisch gelegt, in regelmässigen Zügen schnarchte.

"Hat noch Niemand etwas von Mr. Helmstedt gesehen?" fragte Ellen.

"Ich bin eben erst herein, Ma'am!" erwiderte der Schwarze und rüttelte das schlafende Mädchen. "Ist Mr. Helmstedt dagewesen?"

Sarah warf auffahrend ihren ersten blick nach dem Ofen, in welchem längst alle Glut erloschen