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Otto Ruppius

Das Vermächtnis des Pedlars

Folge des Romans: "Der Pedlar"

I.

Ein prachtvoller Morgen lag über dem Mississippi. Unten wälzte der Strom seine gelben Fluten, denen man es ansah, dass sie aus dem westlichen land kürzlich erst allen Winterschmutz aufgenommen hatten; aber am linken Ufer, das vom wasser allmählich aufwärts steigt, bis der dichte Wald den weiteren blick versperrt, lagen einzelne kleine Farmen mit ihren roh gezimmerten Häusern und Einzäunungen, zwischen denen sich eine Fahrstrasse hinauf nach dem wald hinzog. Dort oben war eben ein Mann aus den Gebüschen getreten, sah prüfend über die Gegend und scharf den Fluss hinauf.

"Pech, und nichts als Pech, beim Teufel!" brummte er nach einer Weile in deutscher Sprache und fuhr mit der Hand über die verdriesslich zusammengezogene Stirn; "das kann noch Stunden dauern, bis mir eins von den Booten den Gefallen tut, sich sehen zu lassen, und noch nichts im leib als ein altes Stück Welschkornbrod, das kein deutscher Holzhacker verdauen könnte."

Er setzte sich langsam auf einen umgestürzten Baum, der neben dem Wege lag, stützte den Kopf in die Hand und sah, wie in Gedanken verloren, den Fluss hinauf. Nach einer Weile zog er aus dem modischen Ueberrocke, der ihm in Verbindung mit dem seinen hut ein ganz respectables Ansehen verlieh, eine grosse, plumpe Schnapsflasche hervor und tat zwei lange Züge daraus. "ScheusslichWhiskeiund was für ein Stoff!" brummte er und wischte sich den Mund. "Das also," fuhr er fort, die Flasche vor sich hinhaltend, "das ist Alles, was bei der letzten, grössten Speculation, die ich je gemacht, herausgekommen ist. Schöne Gegendes scheint, mein Stern ist im Untergehen, wie der des Wallenstein."

Wieder versank er in Gedanken, bis er endlich mit der Hand über das Gesicht fuhr, als wolle er die trübe Miene daraus hinwegstreichen. "Herr Seifert," fuhr er in seinem Selbstgespräche fort und richtete den Kopf langsam auf, "ich glaube, Sie verfallen in einen Zustand, den man gewöhnlich moralischen Katzenjammer nennt, der aber, wie Sie wissen, das allerschlechteste Mittel ist, sich wieder auf die Beine zu helfen. Lassen Sie uns die Verhältnisse ruhig überlegen." Er setzte die Whiskeiflasche von Neuem an den Mund, tat einen langen Zug, schüttelte sich, während er den Kork darauf steckte, und liess sie dann langsam in der Seitentasche seines Rockes verschwinden. "Wir sind nach diesem land gekommen, um unsern etwas zu bedeutend gewordenen Schulden und den Folgen eines kleinen Wechselgeschäfts aus dem Wege zu gehen; gut! In Deutschland würden wir jetzt wahrscheinlich Wolle spinnen müssen, während wir hier aus freien Füssen sind und ein freies Feld vor uns haben, also sind wir in bedeutendem Vorteil. Als wir in New-York ankamen, haben wir bald erkannt, dass wir zu einem regulären Geschäfte nicht taugen, dass es hier für den Klugen viel profitablere Wege gibt, um in diesem freien land Lebensunterhalt und Gelb zu machen. Wir haben zwar unser mitgebrachtes Vermögen in wenig Monaten durchgebracht, sind, was andere Leute vielleicht einen Erzlumpen nennen, gewordenlassen Sie uns, Herr Geifert, die Sache nur immer von der schwärzesten Seite ansehenhaben aber dabei die Landessprache, die Menschen und die Verhältnisse perfect kennen gelernt und jetzt einen Fond in uns gewonnen, der uns nie im Stiche lassen und den uns Niemand stehlen kann. Wir sind im Augenblicke zwar ohne Geld und ohne alle Hilfsmittel, stecken hier unten im Süden wie ein verlorener Postensind wir aber nicht schon in viel schlimmeren Lagen gewesen und haben uns mit einem Schlage herausgerissen? Warum also trübselig sein? Wir sind ein einziges Mal dumm gewesen, eigentlich das einzige Verbrechen, was es in Amerika gibtdas ist richtig, und die Strafe dafür fühlen wir jetzt; lassen Sie uns aber sehen, Herr Seifert, ob das wirklich unsere eigene Schuld war. Wir trafen einen Landsmann in New-York, einen guten Jungen, aber voll deutscher Vorurteile, aus dem nur durch die Noch etwas werden konnte. Wir erkannten das, und um ihn schneller zum Amerikaner zu machen, benutzten wir die gelegenheit, um ihm Geld und Uhr zu entführen. Für ihn musste das, trotz einer ersten Verlegenheit, zur Wohltat werden, und uns half es, um die nötigen Mittel zu einer Speculation hier im Süden zu erhalten. Soweit ist Vernunft und Logik in der Sache, die Folge hat es bewiesen. Wir haben den jungen Mann hier unten wieder getroffen, verwandelt und gestutzt, wie es eben nur die Not zuwege bringen kannund w i r machten mit dem Gelde als Anlage unser ganz angenehmes Geschäft am Spieltisch, so gut es sich nur im Hinterwalde unter den wohlhäbigen, harmlosen Leuten tun lässt. Warum waren Sie nicht damit zufrieden, Herr Seifert? Hatten Sie nicht in dem Spielgeschäfte noch dazu einen tüchtigen Partner, der hier den reichen Pflanzer vorstellte, immer Kunden zuführte und dem Sie mit aller Pfiffigkeit noch nicht beikommen? Warum ärgerten Sie sich, dass er den grossen Herrn spielte und in allen Familien aus- und einging, was Sie als offner Spieler und Bankhalter nicht konnten? Das war eigentlich schon dumm; wurde doch der Gewinn gleich geteilt, war doch selbst unsere letzte Speculation in schwarzem Menschenfleische, das leicht genug zu entführen und leicht genug zu verlaufen war, auf gleiche Profitteile