fragte er nach augenblicklicher Pause mit erschütternder stimme. "Das Leben scheint ihn schon seit länger als zwölf Stunden verlassen zu haben," erwiderte der Doctor, "er hat augenscheinlich während der Nacht einen Blutsturz bekommen – wie lange er aber nachher noch gelebt, lässt sich nicht bestimmen; jedenfalls scheint er schon vorher eine Ahnung von seinem Ende gehabt zu haben, nach der Art von Testament zu schliessen, welches sich hier in seinem Notizbuche findet." "Ja, er ist tot, der alte Kamerad!" sagte Morton und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. "Er hat ausgewandert und sein Kasten wird ihn nicht mehr drücken – möchten wir nur Alle so leicht aus dem Leben gehen, wie er es getan." Helmstedt fasste die kalte Hand des toten. "Aber um Gottes willen," rief er, "ich habe doch letzte Nacht ein langes Gespräch mit ihm gehabt und es war heute fast Mittag, als ich wegfuhr und auch da schien noch Niemand Etwas zu wissen." "Sehen Sie ihn nur an, ob er nicht aussieht, als schliefe er in voller Harmlosigkeit," sagte Morton; "so fand ihn Cäsar, als er heute Morgen ins Zimmer sah und ging zurück, um ihn nicht zu stören; so liess sich dieser das zweite Mal, kurz vor Mittag, täuschen und erst als ich Nachmittags selbst mit heraufging, um nach dem alten mann zu sehen, wurde das Blut auf dem Bette wahrgenommen und wir merkten, wie die Sachen standen. Ich schickte nach dem Doctor hin, um nichts zu verabsäumen; aber, wie er sagt, der Tod hat wahrscheinlich schon während der Nacht stattgefunden. – Da sind seine letzten Zeilen, die er für Sie aufgeschrieben hat," fuhr Morton fort und reichte dem jungen mann das Notizbuch vom Bette, "lesen Sie vorläufig – ich denke, der Coroner, nach dem ich aller Vorsicht wegen geschickt habe, muss in einer halben Stunde hier sein, und dann mögen Sie das Buch ganz an sich nehmen."
Auf einem ausgerissenen Blatte standen mit sichern englischen Schriftzügen die nachfolgenden mit Bleistift geschriebenen Zeilen:
"Ich weiss nicht, ob mir nicht während der Nacht etwas Menschliches zustossen kann, ich habe schon den ganzen Abend Blutgeschmack im mund und ein sonderbares Gefühl in der Brust; sollte es sein, so bedauere ich es nicht, denn ich habe jetzt nicht mehr viel in der Welt zu tun, und ich bitte nur Mr. Helmstedt, sich meiner Papiere anzunehmen, welche sich in der tasche dieses Buches befinden. Es sind die Depositenscheine meiner Ersparnisse, welche nach meinem tod meinem Schwestersohne gehören sollen. Alle die hierfür nötigen Nachweisungen sind auf dem ersten Blatte dieses Buches verzeichnet. – Mr. Helmstedt bitte ich ferner, da ihm sein Stolz doch nicht erlauben würde, Etwas von mir anzunehmen, den alten Isaac nicht ganz zu vergessen sollte aber eine Zeit kommen, wo er doch noch die ihm gemachten Vorschläge annehmen wollte, so bedarf es nur eines Briefes von ihm an das Haus in New-York, in welchem er das kaufmännische Geschäft gelernt hat und er wird offene Aufnahme finden. Im Riverhause befindet sich mein Pedlarkasten im Verwahrsam des Wirtes. Alle Waaren darin sollen Cäsar gehören, dem ich manchen Dank schuldig bin; er mag sein Glück noch einmal damit bei Sarah versuchen. – Mit meinem leib mag geschehen, was da wolle, und meine Seele wird ihren Weg finden ohne menschliches Zutun.
I s a a c H i r s c h ."
Das Schriftstück war bis auf die Namensunterschrift mit fester Hand geschrieben und musste zeitig in der Nacht angefertigt worden sein. – Helmstedt schloss das Buch, legte es unter die Hand des toten und drückte diese leise.
"Lassen Sie uns jetzt gehen," sagte Morton nach einer kurzen Stille. "'S ist noch etwas Anderes, was ich mit Ihnen ordnen möchte, Mr. Helmstedt; dem toten musste zuerst sein Recht werden, doch das Leben hat an Sie heute mehr Anspruch, als an irgend einem andern Tage. Kommen Sie mit hinunter."
Er öffnete die Tür, liess die Anwesenden hinausgehen und verschloss sie sodann. Der Arzt verabschiedete sich, sobald sie die Halle erreicht hatten, Morton aber ging nach dem Speisezimmer voraus, wo bereits das Abendessen aufgetragen war und Pauline wartend stand. Sie streckte Helmstedts Frau die Hand entgegen und küsste sie schweigend, als diese sich in ihre arme warf; dann reichte sie dem jungen mann die Hand. "Sein Sie glücklich, August!" sagte sie in deutscher Sprache, dass diesem bei dem ungewohnten Klange das Herz weich wurde, und liess ihn eine Secunde in ein Auge sehen, das lächeln wollte und doch vor Weh nicht zu können schien. Helmstedt drückte ihre Hand in einem Gefühle, das ihm selbst nicht klar war; sie aber zog sie leise hinweg und ging nach ihrem platz am Tische, wo der singende Teekessel auf sie wartete.
"Einen Augenblick noch, Paully, ehe wir uns niedersetzen!" sagte Morton, "dann sind wir mit Allem fertig. Ich möchte heute gern noch einen Menschen glücklich machen, das ist Cäsar, der ganz verdreht tut, seit Sarah wieder, zurückgekommen ist – und ich glaube, so viel ich heute gesehen, wird ihn das Mädchen nicht wieder fortstossen. Ist es nicht so, Mary?" rief er der bei Seite stehenden Schwarzen zu und diese liess ein kicherndes