sagte der Angekommene und schlug den Schleier von Ellens errötendem gesicht. Morton bog sich zu ihr hinab und küsste sie. "Denke, es sei der Kuss deines Vaters, Kind," sagte er, "wenn der auch jetzt noch zu hartköpfig dazu ist, und Gott gebe euch Beiden seinen reichsten Segen! – Er ist hier gewesen, der Alte," fuhr er fort, "ich ahnte doch schon heute Morgen das Rechte; geht jetzt nur zuerst nach dem Parlor, dort liegt ein Brief von ihm, nachher sprechen wir weiter!"
Als sie die Halle betraten, schritt aus einem Winkel eine dunkle Gestalt hervor, die Ellens Hand fasste und sie gegen ihre Lippen führte. "Sarah!" rief diese überrascht, "was tust du denn hier?" und die Schwarze brach in ein halbunterdrücktes Schluchzen aus. – "'S ist schon recht, Kinder, werdet Alles verstehen!" sagte Morton. "Geh jetzt nach der Küche, Mädchen, und das Uebrige wird sich finden."
Der erleuchtete Parlor war leer, auf dem Mitteltische aber lag in die Augen fallend ein dicker Brief. Helmstedt half erst seiner jungen Frau aus den Hüllen, dann griff er, während sie ihre hände auf seinen Schultern ruhen liess, nach dem Schreiben und öffnete es mit gespannter Seele. Es war an ihn gerichtet und entielt als Beilage ein kleines Buch. Der Inhalt des Briefes lautete:
"Sir!
Meine Tochter hat den von ihr eingeschlagenen Weg weiter verfolgt und ich komme zu spät, um sie vor einem unausbleiblichen trüben Geschicke zu bewahren. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, denn kaum weiss ich, wie Sie nach dem Vorgefallenen anders hätten handeln können; ich will Ihnen auch zugestehen, dass ich bei der geringen Zeit und gelegenheit, welche Sie in meinem haus hatten, nicht an eine vorsätzlich gesponnene Intrigue Ihrerseits glaube – ich mache auch meiner Tochter keine Vorwürfe, diese fallen alle auf mich selbst und die Art, wie ich mein gewesenes Kind erzog, zurück. Bei alledem werden Sie einsehen, dass Ihr heute getaner Schritt Ellen für alle Zeit aus ihrer Familie ausschliessen muss, und ich kann deshalb nichts weiter tun, als Gott bitten, dass er sie vor zu grossem Unglück bewahre, wie ich für jeden Fremden beten würde, und ihr beigehend das ihr gehörende Eigentum zu übersenden. Dahin gehört die Ueberbringerin: Sarah; ein Bankbuch, worin der aufgesammelte Betrag des für Ellens Nutzniessung bestimmt gewesenen Stückes Farm in den einzelnen Depositen verzeichnet ist und zu ihrer Verfügung steht, zusammen 1125 Dollars. Sollte sich noch Eigentum von ihr im Verwahr der abwesenden Mutter befinden, so hat diese heute Auftrag erhalten, es sofort an Mr. Morton für sie abzusenden. Das ihr zugehörige Pferd hat sie bereits heute Morgen an sich genommen, ich füge aber hierzu noch das von Ihnen selbst, Sir, gerittene, da ich dieses Ihnen, wenn auch unter anderen Umständen, überlassen hatte. Jeden Versuch zu einer Communication mit mir oder Ellens Mutter wollen Sie gefälligst unterlassen, da uns keiner Ihrer Briefe erreichen würde. Möge Ellen ihre zu früh gewonnene Selbstständigkeit nicht zu früh zu bereuen haben.
E l l i o t ."
Helmstedt sah noch, nachdem er ausgelesen, einen Augenblick wortlos auf die Zeilen; er hatte Anderes, Schlimmeres erwartet. Als er aber den blick in das Gesicht seiner schweigenden jungen Frau warf, sah er ihre Augen in hellen Tränen glänzen. "Es wird gewiss noch Alles ganz gut werden, August!" sagte sie leise, "ich kannte meinen Vater, und wenn er sich auch jetzt zwingt hart zu sprechen, so kann er sein Herz doch nicht ganz von mir reissen. Jetzt haben wir doch schon einen Anfang und brauchen keine Hilfe von anderen Leuten und lass nur eine Zeit verstreiAlles vergessen und vergeben sein!"
Es klang so wunderhübsch in dem mund dieses jungen verwöhnten Kindes: "wir haben doch schon einen Anfang!" dass Helmstedts ganze Seele hätte lachen mögen. "Halte fest an mir, du mein ganzes Glück," sagte er und drückte sie an sich, "und ich will dich tragen, dass kein Stein deinen Fuss berühren soll, so lange ich selbst noch aufrecht stehe!"
Sie wurden durch Mortons Eintritt unterbrochen. "Ich störe euch, Kinder," sagte er, "aber das wird euch wohl noch oft in euren glücklichsten Lebensstunden passiren, – Glück und Trauer liegen oft kaum einen Schritt von einander. Wir müssen einen Besuch beim alten Isaac machen, Mr. Helmstedt, es wird aber wohl unser letzter sein, kommen Sie!"
"Ist er so krank geworden, oder ist sonst Etwas mit ihm vorgegangen?" rief der junge Mann besorgt; Morton aber antwortete nicht, öffnete die Tür und schritt den Beiden die Treppe hinan nach dem Zimmer voraus, in welchem Helmstedt den Pedlar am Abend vorher verlassen.
Der alte Mann lag mit geschlossenen Augen in seinem Bette – die weisse Decke, die ihn einhüllte, war mit Blut gefärbt. Seine abgemagerte Hand ruhte neben einem offenen Notizbuche vor ihm; zur Seite des Lagers stand ein Arzt, dem chirurgischen Bestekke nach zu urteilen, das er eben zusammenwickelte, und am fuss des Bettes lehnte Pauline, die indessen beim Eintritte der jungen Leute das Zimmer verliess. Helmstedt war rasch bis zum Lager vorgegangen, warf einen blick auf die Umgebungen und dann in das bleiche, unbewegliche Gesicht des Daliegenden. "Ist er tot?"