ich ihre ganze Qual verstehen lernen – stets von dem geldhungrigen Ungeheuer mit der Veröffentlichung ihres Fehltritts bedroht, wenn sie ihn nicht zufriedenstellte, und doch zuletzt, als Alles was sie Wertvolles besass, heimlich verkauft war, ausser stand, seinen neuen Anforderungen zu genügen. – Sie wich mir aus, um nicht von meinen fragen geplagt zu werden, bis ich endlich jedes Forschen aufgab, und erst meiner Frau, die sich ihr mit warmer Teilnahme, aber ohne ihr Vertrauen zu fordern, angeschlossen hatte und sie wie ein krankes Gemüt behandelte, gelang es in einer günstigen Stunde, in welcher das Mädchen wohl durch den Jammer ihrer Lage überwältigt worden sein mochte, ihr das Herz zur vollen Mitteilung zu öffnen. Hätte ich nur damals noch Nachricht von dem stand der Dinge erhalten, es wäre Alles anders gekommen: aber meine Frau hatte die heiligste Verschwiegenheit gegen Jedermann geloben müssen, dazu schien Baker, seit er in Elliots Familie eingeführt war, sein Opfer aufgegeben zu haben, und Niemand konnte die Schrecken ahnen, die sich noch entwickeln sollten." Morton atmete tief auf, stützte die Stirn eine Minute in die hohle Hand und fuhr dann fort: "Es war am Morgen nach der Nacht, in welcher der Mord geschehen, als meine Frau an die Tür des Schlafzimmers meiner Tochter pochte, um sie zum Frühstück zu holen – sie tat das jeden Morgen und bisweilen schlief sie auch mit Alice zusammen. Sie erhielt keine Antwort, fand aber, als sie zu öffnen versuchte, die Tür unverschlossen. Drinnen lag das Mädchen in ihren Kleidern, aber mit herabhängenden Haaren, quer über ihr Bett geworfen, schlafend oder ohne Besinnung; ihr ganzer Anzug war mit dem Schmutz der Strasse besudelt. Meine Frau erzählte mir später, dass es ihr, seit sie Alice's Gemütszustand habe kennen lernen, immer gewesen sei, als müsse sie einmal Zeuge eines geschehenen Unglücks sein und dass der Anblick meiner besinnungslosen Tochter sie nur wie die Verwirklichung ihrer Furcht getroffen habe. Voll Schrecken, aber doch gefasst, suchte sie das Mädchen aufzurichten, sie fühlte das Herz noch schlagen – und das gab ihr neue Kraft; als sie aber dem Körper eine andere Lage gegeben, entdeckte sie zwischen den krampfhaft vor die Brust gedrückten Händen ein kleines Bündel zusammengebundener Papiere und ein scharfes Messer, das in der Küche gewöhnlich zum Schlachten des Federviehs gebraucht wurde. Die Papiere, wie die Aermel und der vordere teil ihres Anzuges waren wie in Blut getaucht; als ihr aber Mrs. Morton, von einem neuen Schrecken gefasst, das Kleid aufriss, bemerkte sie bald, dass es fremdes Blut war, was sie gefärbt hatte. Frauen zeigen in solchen Augenblicken des Schreckens oft mehr Gegenwart, als Männer. Ich wollte, als mich meine Frau zum Beistande herbeigeholt, das schwarze Kammermädchen rufen, sie hielt mich aber zurück, bis jede Spur eines aussergewöhnlichen Ereignisses beseitigt war, bis meine bewusstlose Tochter in ihrem Bette lag, als habe sie die ganze Nacht dort gelegen, und endlich nach mancherlei Versuchen, sie ins Leben zurückzurufen, wieder die Augen aufschlug. Ich werde den Moment ihres Erwachens niemals wieder vergessen. Ihr Auge war ruhig, teilnahmlos, kalt – ich bog mich über sie, aber ihr blick glitt an mir vorüber, sie sah und kannte mich nicht. Ich sandte einen Schwarzen nach der Stadt zu einem arzt, der mein spezieller Freund ist, und als ich wieder in das Zimmer der Kranken zurückkehrte, lag sie, leise vor sich hinsprechend, da, von meiner Frau aufmerksam beobachtet. Mir war der Sinn jedes ihrer Worte unverständlich, aber Mrs. Morton schien den Schlüssel dazu gefunden zu haben und ich musste von ihr, als das Mädchen endlich immer leiser redend eingeschlafen war, die ganze geschichte meines unglücklichen Kindes hören. Noch waren wir in vollem Dunkel über die Ereignisse der letzten Nacht, aber die Untersuchung des blutigen Bündels Papiere, die sich als die Briefe meiner Tochter an ihren Verführer erwiesen, zusammen mit dem Messer und ihren blutgefärbten Kleidern, gab uns eine fürchterliche Ahnung, die zur Gewissheit anwuchs, als im Laufe des Nachmittags die Nachricht von dem geschehenen Morde einlief. Jetzt verstanden wir auch die Irr-Reden der Kranken – Baker musste spät am Abend vorher dagewesen sein, sie aufs Neue bedrängt haben und mit Drohungen fortgegangen sein – sie aber war ihm in ihrer Verzweiflung gefolgt. Was bei der Begegnung Beider geschehen, wird wohl für ewige zeiten unentüllt bleiben – zwei Dinge aber, die in der Untersuchung gegen Sie eine so grosse Rolle gespielt, sind mir unerklärlich: das Zeichen an der Stirn der Leiche, das wahrscheinlich von dem Falle gegen einen Baumstumpf herrührt – und der Reitpeitschenknopf, den mein irrsinniges Kind beim Suchen nach ihren Briefen wahrscheinlich mit aus der tasche herausgerissen hat. – Lassen Sie mich Ihnen noch zwei Worte sagen und dann werde ich auf Ihre Angelegenheiten kommen. Noch ehe mein Bote aus der Stadt zurückkehrte, erwachte die Kranke wieder – ihr blick aber war der einer Stumpfsinnigen, ihr Mund blieb geschlossen, und als der Arzt endlich anlangte, als er seine Beobachtung geendigt und mir am Abende sein Urteil gab, war es das, was mir schon seit dem Morgen wie ein Gespenst vor der Seele stand –meine Tochter war körperlich vollkommen gesund, aber – w a h n s i n n i g . Sie wurde," fuhr der alte Pflanzer nach einer kurzen Pause mit bebender stimme fort, "acht Tage darauf nach Anordnung des Arztes in eine Privat