die sorge für die Zukunft wieder mit Macht vor seine Seele. Er fühlte keinen Appetit zum Abendbrod, warf sich auf sein Bett und liess die Gedanken durch seinen Kopf streichen. Seit dem lachen des neckischen Mädchens über seine Schulmeisteridee kam ihm diese, wenn er sich mit seinem ganzen Wesen hineindachte, selbst so absurd vor, dass er sie gar nicht mehr ansehen mochte und als aufgegeben über Bord warf – aber was dann? Wollte er nicht die ordinärsten Handlangerdienste verrichten, so war "Englisch können" der einzige Schlüssel zur Verwertung seiner etwaigen Kenntnisse, – aber wenn er auch den Rest seines Geldes zum Studium der Sprache anwandte, wer gab ihm die Versicherung, dass er dann sogleich eine Stellung finden, oder dass auch nur sein Geld hinreichen würde, bis er so fix und fertig sei, wie er's für notwendig hielt? Er sprang vom Bette, schloss seinen Koffer auf und begann wieder sein Geld durchzuzählen und zu berechnen. Nahm er einen guten Lehrer, so konnte er noch zwei, bei äusserster Einschränkung drei Monate leben; das langte weder hinten noch vorn, und doch musste etwas geschehen, wenn er nicht auf gut Glück hin seine Mittel zu Ende gehen lassen wollte.
"Halloh, Herr von Helmstedt, so einsam im Halbdunkel?" rief Seifert, der in diesem Augenblick zur Tür hereintrat, "delibrirend? O! Cassa machend – Ausgezeichnetes Geschäft! – aber lassen Sie sich nicht stören!" fuhr er fort, als Helmstedt das noch offen liegende Geld in die Börse zurückstrich, sie im Koffer verbarg und diesen zuschlug, "ich wollte Ihnen im Vorübergehen nur einen guten Abend wünschen!" Helmstedt sah auf und hätte kaum den früheren Menschen in ihm wiedererkannt; ein flotter, modischer Frack sass wie angegossen um ihn, über die weisse Weste fiel eine goldene Kette, das Fischbeinstöckchen schlug die enganschliessenden Beinkleider und auf dem wohlfrisirten Haare sass keck ein feiner Kastor.
"Mit Ihnen ist ja eine merkwürdige Veränderung vorgegangen!" sagte Helmstedt, ihn musternd, und es war ihm, als nehme seine Erscheinung eine sorge von ihm, die noch über die Ausführung seiner eben gefassten Entschlüsse auf ihm gelastet. "Kommen Sie her und nehmen Sie Platz!"
"Meinen Sie mich oder meinen Frack, dem diese Ehre zum ersten Mal widerfahren soll?" lachte Seifert, "aber ich hoffe, Sie werden Scherz verstehen," setzte er hinzu, als er das Blut in Helmstedts Gesicht steigen sah, "ich habe dieselbe Frage schon an zehn Bekannte gerichtet, die mich heute zum ersten Male wiedererkennen wollten."
"Vielleicht hätte sie auch bei mir gepasst," erwiderte Helmstedt, und machte einen Stuhl von den darauf liegenden Kleidungsstücken frei, "wenn Sie mir nicht erst gestern von Ihren verschiedenen Anstellungen erzählt hätten, wozu natürlich eine entsprechende Livree gehört. Also setzen Sie sich ohne sorge um ein Missverständniss."
"Fein revanchirt, beissend revanchirt," sagte Seifert mit einem Lächeln, dessen Deutung schwer gewesen wäre, "aber Sie wissen, wir differiren in einzelnen Punkten, und darum lassen Sie uns die Streitaxt begraben."
"Sie kommen mir eigentlich gerade recht," begann Helmstedt, sich auf seinen Koffer niederlassend und die Stirn in die Hand stützend, "ich möchte mir ein paar fragen an Sie erlauben. Haben Sie wohl die Dame genau gesehen, mit der ich sprach, als Sie mich gestern im Park trafen?"
"Mir entgeht Derartiges nicht leicht," sagte der Besucher und lehnte sich auf seinen Stuhl zurück, "und ich gestehe Ihnen, dass mich Ihr Glück einigermassen frappirt hatte."
Helmstedt hob den Kopf. "Davon ist nicht die Rede. Ich möchte nur wissen, ob Sie das Gesicht in Ihren Kreisen einmal irgendwo vor die Augen bekommen haben?"
"Das heisst – erlauben Sie," lachte Seifert, "in dem Falle hätte ich mir andere Bemerkungen gegen Sie und Ihre stillen Vergnügungen erlaubt, ich habe nicht einmal einen Zweifel in mir laut werden lassen, so fremd war mir die Erscheinung."
Helmstedt liess den Kopf wieder in die Hand sinken. "Seifert, ich glaube, Sie haben Recht, ich muss amerikanische Gesellschaft suchen – aber wie?" begann er nach einer Weile wieder, "ich möchte zuerst aus diesem haus heraus und mich kopfüber unter das englisch-sprechende Publikum stürzen!"
"Spät kommt die erkenntnis, aber sie kommt!" declamirte der Andere, "und ich gratulire Ihnen zu dem Entschlusse, wenn er auch wahrscheinlich nur in einem Paar hellen Augen wurzelt, die übrigens die besten Lehrmeister abgeben! Lassen wir aber Ihre vernünftige Stimmung nicht verstreichen, ich denke, wir fangen mit dem Kopfübersturz gleich heute Abend an."
"Je eher, je lieber," erwiderte Helmstedt, sich erhebend, "aber lassen Sie mich Eins sagen, Seifert, bringen Sie mich nicht an Orte, gegen die ich nun einmal grundsätzlich einen Widerwillen habe. Sie werden gewiss irgendwo muntere, aber anständige Gesellschaft wissen und ich will's Ihnen doppelt danken, wenn Sie diese Rücksicht für mich nehmen!"
"Werde Ihr jungfräuliches Gefühl möglichst zu schonen wissen! Lassen Sie sehen. Heute Abend sind Sie mein Gast bei einem Familien-Supper – fünf bis sechs noble junge Leute, einige Damen – das macht den Anfang, morgen werde ich Ihnen ein amerikanisches Boardinghaus, für Ihren Zweck vorzüglich geeignet, zuweisen, und dann findet sich das Uebrige.