Mortons Arm durch eine Seitentür dem Staatsanwalt gefolgt; – Ellen sass neben ihrem Vater, der, die Stirn in tiefe Falten gezogen, wortlos vor sich hinstarrte, und richtete bald einen besorgten blick auf diesen, bald liess sie das Auge, sich selbst vergessend, in Helmstedts Auge ruhen; – Sarah hatte sich, scheu ihre herrschaft beobachtend, neben den Pedlar gedrückt, der teilnahmlos den Kopf wie im halben Schlafe gegen die Brust gesenkt, dasass und nur dann und wann ein leises Husten hören liess; – der Verteidiger war zu den übrigen Advocaten getreten und selbst hier wurde das Gespräch nur in gedämpftem Tone geführt; Niemand ausser einigen Männern von der Jury hatte den Saal verlassen. Die Abenddämmerung hatte sich bereits bei den letzten Auftritten der Verhandlung bemerkbar gemacht und ein Beamter zündete die Lampen an. Der Zuschauerraum blieb bald in halbem Dunkel, während sich der Platz für Richter, Jury und Zeugen in vollem Lichte befand.
Eine Ruhe, die keines Ordnungsgebotes bedurfte, legte sich über die Versammlung, als von der einen Seite der Richter und gleich nach ihm von der andern der Staatsanwalt eintrat und Beide ihre Plätze einnahmen. Die Sitzung wurde für eröffnet erklärt, und der Staatsanwalt bat um das Wort.
"Eine traurige Verkettung von Umständen," sagte er mit lauter stimme, "hatte die gegenwärtige Anklage hervorgerufen und als gerechtfertigt erscheinen lassen; nach der soeben gewonnenen überzeugung von der Irrtümlichkeit derselben aber sehe ich mich veranlasst, jede weitere Verfolgung derselben fallen zu lassen, und trage hiermit als einfachen Act der Gerechtigkeit auf die sofortige Freilassung des Gefangenen an. Für die Sicherung des mutmasslichen wahren Täters," fügte er mit einem Blicke auf das Publikum hinzu, "sind bereits die nötigen Massregeln getroffen und das Gesetz wird seine volle Genugtuung finden."
Ein Augenblick der Stille folgte, als der Staatsanwalt zurücktrat, dann aber erhob sich ein Summen wie in einem riesigen Hummelschwarme, in welchem die letzten Worte des Richters untergingen.
Helmstedt sah sich von seinem Advocaten beglückwünscht und von seinem platz mitten unter fremde Gestalten geführt; der Richter kam einen Augenblick auf ihn zu und drückte ihm die Hand; aber umsonst sah er sich nach einem befreundeten gesicht um. Er hörte das Geräusch der Menge, die sich ohne ein Zeichen des Beifalles oder Missfallens unter nur halber Befriedigung den Ausgängen zudrängte; überall traf er auf nichts als neugierige Blicke, und das Gefühl des Alleinstehens in der Fremde war ihn noch nie, selbst nicht im Gefängnisse, so bitter überkommen als in diesem Momente. Er wandte sich mit einem kurzen Worte der Entschuldigung von seinem Advocaten nach dem platz, wo die Zeugen gesessen hatten – aber weder von Ellen und ihrem Vater, noch von Sarah war Etwas zu sehen, und nur der Pedlar, zu dem sich die aus dem land mitgekommene Wirtin niederbog, sass noch gebückt auf seinem stuhl.
"Sind Sie nicht wohl, Isaac?" fragte Helmstedt und legte die Hand auf seine Schulter.
Der Alte richtete sich langsam auf. "'S ist wohl nur die Anstrengung und die Aufregung, die mich so matt gemacht haben," sagte er und bot dem jungen mann die Hand, "meine Lunge will's noch nicht recht wieder vertragen, und wenn's nicht gerade heute hätte sein müssen, wär' ich auch noch nicht gekommen." Helmstedt drückte ihm die Hand und sah ihm in das eingefallene, erschlaffte Gesicht, dessen peinliche Veränderung er erst jetzt in der Nähe ganz bemerkte. "Für dieses Mal sind Sie mit einem blauen Auge davon gekommen," fuhr der Alte fort, mit einem schwachen Lächeln zu ihm aufsehend, "ein andermal hören Sie aber vielleicht mehr auf den Rat erfahrener Leute; 's ist doch nur Ihre geschichte mit dem Mädchen, die Sie so weit hineingebracht hat, und Sie können nicht sagen, dass ich Sie nicht vor dergleichen gewarnt hätte." Helmstedts Miene mochte bei des Pedlars Bemerkung wohl mehr von seinen Empfindungen verraten, als er selbst wusste, denn der Alte sah ihn aufmerksam an und schüttelte schweigend den Kopf. "Lassen Sie sich eins sagen, wenn Sie noch nicht aus der Sache heraus sind," sagte er dann, "es kommt von einem mann, der seine Leute kennt; gehen Sie nicht weiter, es tut nicht gut – und bringen Sie's wirklich zu dem, was Sie Ihr Glück nennen, so werden Sie noch an den alten Isaac denken; den amerikanischen Hochmut des Alten besiegen Sie nicht, und ich habe noch niemals rechten Segen aus einer Verbindung von Leuten entstehen sehen, die mit verschiedenen Gefühlen geboren und mit verschiedenen Gewohnheiten erzogen worden, wie Deutsche und Amerikaner."
"Lassen Sie uns nach dem Hotel gehen," sagte Helmstedt, als wolle er damit die weiteren Bemerkungen des Pedlars abbrechen, "ich weiss wenigstens jetzt nicht, wo anders hin, und Sie werden dort auch am besten aufgehoben sein. Sie sind krank und angegriffen, Sie tun am besten, gleich Ihr Bett zu suchen und ich bleibe bei Ihnen. Morgen früh reden wir dann mehr mit einander." In diesem Augenblicke fühlte er leicht seinen Arm ergriffen, er wandte sich um und sah in Paulinens erregtes Gesicht. "Kommen Sie, August," sagte sie, "der Wagen steht unten, Sie nehmen Ihre wohnung vorläufig bei uns, bis sich Ihre übrigen Verhältnisse geordnet haben."
Helmstedt sah ihr einen Augenblick in die Augen und die warme Innigkeit, die ihm daraus entgegenstrahlte,