beifallen mochte, sah um sich und trat zögernd zurück. Ellen aber warf einen neuen lächelnden blick voll Tröstung und Verheissung nach Helmstedt und leistete dann den Zeugeneid. "Sie habe nichts von dem ganzen Falle, der jetzt verhandelt werde, erfahren," begann sie und ihre klare, weiche stimme berührte eigentümlich wohltuend jedes Ohr – "sie sei mit ihrer Mutter schon seit Wochen auf einer Besuchsreise abwesend gewesen, sonst hätte sie längst ihr zeugnis angeboten, und sie halte es jetzt für eine heilige Pflicht, dies abzugeben, wie es ihr Gewissen verlange, ohne Rücksicht auf sich selbst oder einen andern Menschen. Soviel sie gehört," fuhr sie fort und ihr Gesicht begann sich leise zu röten, "weigere sich der Angeklagte, seinen Aufentalt zu der vermutlichen Zeit des Mordes anzugeben, sie werde und müsse es aber an seiner Statt tun." Sie begann jetzt schmucklos zu erzählen, wie Baker in ihr Haus eingeführt worden und ihr Ton war fast kindlich, sprach von ihrem Widerwillen gegen ihn und von dem Zureden ihrer Eltern, seine Bewerbungen anzunehmen, berichtete dann Helmstedts Eintritt in die Familie und seinen ausgesprochenen Verdacht gegen den Freier, erwähnte, wie der Tag ihrer Verlobung festgesetzt und ihr, dem unbeugsamen Willen ihrer Eltern gegenüber, nichts übrig geblieben sei, um bestimmte Auskunft zu erhalten, als die Nacht vor Neujahr zwischen zehen und elf Helmstedts Mitteilungen von ihrem Fenster aus entgegen zu nehmen, und wie die Furcht, gehört zu werden, ihn hinauf zu ihrem Fenster und dann durch seine unsichere Stellung in ihr Zimmer getrieben habe. Ein glühendes Rot übergoss sie, als sie den letzten Satz beendet. "Sie könne über jede ihrer Handlungen in der Zeit von Helmstedts Aufentalt bei ihr vor Gott Rechenschaft ablegen," fuhr sie langsam den Kopf hebend fort und ihre stimme nahm einen Anstrich von Feierlichkeit an, "sie dürfe aber auch selbst die Lästerzunge der Menschen nicht scheuen, wenn es sich darum handele, der Wahrheit die Ehre zu geben und einen Mann zu retten, der am Ende das Opfer seiner Discretion werden könne. Helmstedt habe ihr Zimmer erst verlassen, als die stimme des Vaters, der wegen der flüchtigen Sklaven geweckt worden, im Haus laut geworden sei." Langsam warf sie einen leuchtenden blick auf den Angeklagten, erbleichte aber, als ihr rückkehrendes Auge auf den starren blick ihres Vaters traf, senkte den blick zu Boden und trat zurück.
"Möge mir der Gerichtshof erlauben," liess sich jetzt der Staatsanwalt vernehmen, "der Angeklagte selbst hat uns auf das Schlagendste nachgewiesen, wie seine Schuld gar nicht ohne die der eben abgetretenen jungen Dame bestehen kann, und das von ihr abgegebene Entlastungszeugniss scheint mit Rücksicht darauf so verdächtig, dass ich mich verpflichtet fühle, auf vorläufige Verhaftung derselben anzutragen."
Der Anblick der einzelnen Gruppen im saal hätte in diesem Momente den Stoff zu einer der effectreichsten Genrebilder dargeboten. Unter den Zuschauern war bei dem Antrage des Staatsanwalts eine plötzliche Bewegung entstanden; die Köpfe der Vordersten richteten sich mit dem Ausdrucke der Befriedigung in die Höhe, die Hinteren streckten die Hälse und erhoben sich auf den Zehen, ein Murmeln, das mit jedem Augenblicke stärker wurde, zog durch die Menge und der Beobachter musste überzeugt werden, dass nur eine Meinung das Publikum beherrschte, welcher der Staatsanwalt jetzt Ausdruck gegeben; – Elliot war rasch neben seine Tochter getreten, als wolle er sie schützen, und sah mit einem Ausdrucke, halb Zorn und halb Entsetzen auf den Ankläger; – mit ihm zugleich war Morton hastig vorgeschritten und stand gegen den Richter gekehrt, als erwarte er nur den günstigen Augenblick zum Reden; – der Staatsanwalt liess einen blick voll hämischer Befriedigung von der erregten Menge nach der Anklagebank laufen, wo Helmstedt so weiss und starr wie ein Steinbild stand und nichts von dem unzufriedenen Blicke sah, den ihm der Verteidiger zuwarf; – der Richter aber hatte sich erhoben und rief zur Ordnung. Die Unruhe in der Menge schien sich eben legen zu wollen, als eine Bewegung am Eingange des Saales entstand, Stimmen wurden laut, die Zuschauer in der Nähe der Tür erhoben sich und drehten die Köpfe – der Richter gebot von Neuem Ruhe, aber ohne Erfolg.
"Wenn Sie Beamter sind, so rufen Sie mir den Verteidiger, ich muss vor – hier handelt sich's um mehr als um Pfannenkuchen!" klang jetzt eine ärgerliche stimme klar in den Saal herein; Helmstedts advokat horchte auf und brach sich dann Bahn in den Zuschauerraum. Ein paar Minuten voll stiller Spannung folgten und selbst der Richter schien neugierig der Dinge zu harren, die sich entwickeln würden; bald erschien der Verteidiger wieder und hinter ihm trat gebückt ein hoher alter Mann aus der Menge, welchem zwei Frauen in der Tracht der niederen Stände folgten. "Wolle mir der Gerichtshof erlauben, einige weitere Zeugen vorzuführen, ehe dem gestellten Antrage seitens der Anklage stattgegeben wird!" begann der advokat mit lauter stimme; in diesem Augenblicke aber schoss die eine der Frauen durch den Raum zwischen ihr und dem Zeugenstande, fiel vor Elliot und dessen Tochter in die Knie und umfasste die Füsse Beider mit den Armen. Die Kappe, die ihre Züge bedeckt hatte, fiel in ihren Nacken und ein schwarzes Gesicht kam zum Vorschein, in welchem sich die überwallende Empfindung soeben durch ein ausbrechendes Weinen und Schluchzen Luft machte.
"Sarah ist es, Vater! 's ist Sarah!" rief Ellen, die bis jetzt mit ängstlich gespanntem gesicht, aber sichtlich ohne rechtes Verständniss den